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Energiewirtschaft Alarmstufe Rot in Frankreichs Stromnetz

Frankreichs Energieriesen sind schlechter als ihr Ruf: Das Rating am Kapitalmarkt sinkt, das Land braucht Strom aus Deutschland. Statt daheim investieren die Konzerne im Ausland. Trotzdem schützt Paris die Branche vor deutscher Konkurrenz.

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Präsident Nicolas Sarkozy. Quelle: dpa

Staatspräsident Nicolas Sarkozy tobte. Sein Vertrauter, der neue Chef des französischen Energieriesen EDF, Henri Proglio, schaltete sich ein. Auch die selbstbewusste Chefin des Atomkonzerns Areva, Anne Lauvergeon („Atomic Anne“) meldete sich zu Wort – bis beide sich schließlich gegenseitig die Schuld gaben.

Trotz intensiver Bemühungen Sarkozys hatte der Wüstenstaat Abu Dhabi einen Auftrag über 20 Milliarden Dollar für den Bau von vier Atomkraftwerken nicht an ein französisches Konsortium aus EDF, GDF Suez, Areva und Total gegeben. Den Zuschlag erhielt der koreanische Wettbewerber Kepco.

Die Niederlage Ende 2009 wirft ein bezeichnendes Licht auf die Stromerzeuger westlich des Rheins. Statt, wie es aus der Ferne scheint, im Glanze preiswert produzierender Atommeiler zu erstrahlen, bietet die Branche eine neue Angriffsfläche nach der anderen.

Während in Deutschland die Frage nach der Laufzeitverlängerung für die Kernkraftwerke die Strommanager elektrisiert, prägen plumper Protektionismus, unsichere Versorgung, Investitionsmangel und politischer Dauerhickhack die Konzerne in Frankreich.

Weihnachtsbeleuchtung in vielen Städten abgeschaltet

Im Stromnetz der Grande Nation etwa herrschte in diesem Winter Alarmstufe Rot. In vielen Städten wurde die Weihnachtsbeleuchtung abgeschaltet, in der bretonischen Metropole Rennes brach kurzzeitig die Energieversorgung zusammen. In Bretagne und Provence drohte der Blackout. Nur durch Strom-Importe, vor allem aus Deutschland, konnte Schlimmeres verhindert werden.

Schuld an der Misere tragen die nationalen Platzhirsche GDF Suez und vor allem Electricité de France (EDF). Während sie für ihre Expansion ins Ausland Milliarden ausgeben, haben sie die Versorgung des streng gegen ausländische Konkurrenten abgeschotteten Binnenmarktes sträflich vernachlässigt. Notwendige Investitionen in das anfällige und selbst in den Städten häufig aus altertümlichen Strommasten bestehende Leitungsnetz unterblieben.

Zudem ist das Energiesparen in Frankreich unterentwickelt. Wegen der schlechten Isolierung der Gebäude wird viel Energie verschwendet. Weil die längst abgeschriebenen 58 Atomkraftwerke des Landes billig produzieren, heizt ein Drittel der Haushalte mit Strom. Für Spitzenverbrauchszeiten gibt es kaum Reserven, der Bau flexiblerer, kleinerer Kraftwerke unterblieb, und die Wartung alter Anlagen wurde vernachlässigt.

Jeder vierte Meiler steht still

Die Verfügbarkeit der Atomkraftwerke, die fast 80 Prozent des Stroms liefern, ging von 83,4 Prozent (2005) auf 78 Prozent (2009) zurück. Soll heißen: Rechnerisch steht fast jeder vierte Meiler ständig still. Wegen der häufigen Stromausfälle haben viele Franzosen, vor allem auf dem Land, Notstromaggregate und kochen mit Herden, die an Gasflaschen angeschlossen sind.

Deutschlands Nachbarn erleben oft, dass die von ihrer Regierung gebetsmühlenhaft vorgetragene Behauptung, nur die öffentliche Hand könne die Energieversorgung sicherstellen, nicht stimmt.

Denn Frankreichs Energieriesen stecken immer mehr Geld nicht in den heimischen Markt, sondern ins Ausland. Die zu 85 Prozent staatliche EDF hat in den vergangenen zwei Jahren etwa 20 Milliarden Euro ausgegeben, um British Energy, die Hälfte des US-Energiekonzerns Constellation Energy und die Mehrheit an der belgischen SPE zu erwerben.

Außerdem planen die Franzosen offenbar, ihre Beteiligung am zweitgrößten italienischen Energielieferanten Edison für 1,6 Milliarden Euro von 50 auf 81 Prozent aufzustocken. Auch in anderen Ländern ist die EDF präsent. So hält sie 45 Prozent am deutschen Versorger EnBW. Immer wieder gibt es Gerüchte, die Franzosen seien auch an RWE interessiert.

proglio und lauvergeon

Die Expansion hinterließ tiefe Spuren in der Bilanz. Die Nettoverschuldung von EDF stieg 2009 von 24,5 auf 42,5 Milliarden Euro. Für Investitionen in Frankreich ist kaum noch etwas übrig. Dies gilt umso mehr, als der erste Druckwasser-Reaktor EPR auf französischem Boden, der im normannischen Flamanville entsteht, später fertig und deutlich teurer wird. Zudem setzt EDF für die Expansion Geld ein, das eigentlich für den Abriss der alten Atomanlagen bestimmt sind, die von 2017 an vom Netz gehen sollen.

Der Rechnungshof kritisierte wiederholt das „intransparente Rechnungswerk“ und die nur „embryonalen Rückstellungen der EDF“ für den Rückbau. 2003 wurde die Laufzeit der bestehenden Atomkraftwerke per Federstrich um 10 auf 40 Jahre verlängert, was die Rückstellungen zeitlich streckt und die Gewinne schönt. Jetzt gestand Paris der EDF sogar fünf weitere Jahre bis 2016 für die Bildung der nötigen Rückstellungen zu.

Auch die Endlagerung der Atomabfälle ist nicht geregelt. Es gibt einen Erprobungsstollen im Lehm-Ton-Gestein unter dem lothringischen Dorf Bure. Einstweilen wird der Atommüll in der Wiederaufarbeitungsanlage von La Hague zwischengelagert oder nach Russland verschifft, wo er offen herumliegt. Die Bewertungsagenturen Standard & Poor’s und Moody’s haben das EDF-Rating wegen der ungewissen Kosten für Abriss und Endlagerung, aber auch wegen der explodierenden Kosten für Bau und Sicherheit neuer Anlagen kürzlich gesenkt.

Doch Probleme dieser Art sind für EDF von untergeordneter Bedeutung. Jahrzehntelang wurde der Konzern mit staatlichen Subventionen in Milliardenhöhe und durch Abschottung des französischen Strommarktes gepäppelt. Die EDF entwickelte sich zu einer Art Staat im Staate. Die Regierung, der weitaus größte Teil der Opposition sowie die Gewerkschaften handeln energiepolitisch fast im Gleichklang. Der Staatskonzern ist das Bollwerk der mächtigen Gewerkschaft CGT, die lange Zeit den Kommunisten nahestand.

Nun will EDF von der weltweiten Renaissance der Atomkraft profitieren. Nach Angaben der World Nuclear Association, der Unternehmen der Atomindustrie und ihrer Zulieferer angehören, wollen in den kommenden 20 Jahren insgesamt 60 Staaten weltweit bis zu 450 Atomkraftwerke bauen.

Chefs unter Druck

Geht es nach Sarkozy, soll Frankreichs Nuklearbranche den größten Teil dieses Kuchens bekommen: Neben EDF sind dies der Energiekonzern GDF Suez, an dem Paris mit knapp 36 Prozent beteiligt ist, der zu mehr als 90 Prozent staatliche Nuklear-Riese Areva sowie der private Mineralölkonzern Total, der in die Atomkraft einsteigen will. Doch die Unternehmen gelten spätestens seit dem Scheitern in Abu Dhabi mehrheitlich als angeschlagen. Es gibt Gerüchte um die Ablösung von Areva-Chefin Lauvergeon, die wegen der Kosten- und Fristüberschreitung beim Bau eines Druckwasserreaktors in Finnland unter Druck steht.

Umgekehrt musste EDF-Chef Proglio Kritik an seiner hohen Entlohnung einstecken. Hinzu kam handfester Streit. Lauvergeon stoppte zeitweise die Lieferung von Kernbrennstäben an EDF und weigerte sich, ausgebranntes Uran zurückzunehmen, weil man sich nicht über den Preis einigen konnte. Premierminister François Fillon wies die Streithähne schließlich in die Schranken.

Der frühere EDF-Chef François Roussely soll nun bis Mitte April Vorschläge erarbeiten, um die Schlagkraft der französischen Atom- und Stromwirtschaft zu erhöhen. Denn neben den Koreanern lauern Konkurrenten wie Westinghouse, General Electric, Hitachi, Mitsubishi und der Siemens-Konzern, der ein Bündnis mit der russischen Rosatom plant.

In dieser Gemengelage fordert EDF-Lenker Proglio, der die Kräfte bündeln soll, für sich die Führungsrolle. Areva soll zum Zulieferer degradiert werden. Es ist bereits durchgesickert, dass sich Proglio mit dieser Idee in Paris durchsetzen wird. GDF Suez erhielt von Premier Fillon schon eine Abfuhr. Das Unternehmen hatte mit Atommanagerin Lauvergeon, nachdem Sarkozy Siemens bei Areva herausgedrängt hatte, eine enge Allianz geplant.

Doch daraus wird wohl nichts. Das Begehren von GDF Suez, im Rhône-Tal einen Reaktor zu bauen, wurde von der Regierung abgelehnt. GDF Suez betreibt bereits Atomkraftwerke in Belgien und braucht ein Referenzprojekt für geplante Anlagen in Chile, Brasilien, Jordanien und Großbritannien.

profitable deutsche

Gilt es aber, Angreifer von außen fernzuhalten, können die glanzlosen Riesen staatlicher Unterstützung gewiss sein. Während die für Sarkozy strategisch wichtige Branche mit dem Hinweis auf die Freiheit der Niederlassung und des Kapitalverkehrs ungehindert ins Ausland expandiert, beruft sie sich zu Hause gern auf nationale Interessen.

Jahrelang wurde deshalb die Öffnung des Energiemarktes hinausgezögert, den EDF und GDF Suez zu 97 Prozent kontrollieren. Der deutsche Konkurrent E.On ist mit gerade mal zwei Prozent Marktanteil drittgrößter Anbieter.

Fillon versprach der EU-Kommission zwar eine stärkere Öffnung: EDF soll einen Teil der Atomstromkapazitäten zu einem vom Staat festgelegten Preis an Konkurrenten verkaufen.

Doch EDF-Chef Proglio lehnt das ab. Die Verabschiedung eines entsprechenden Gesetzes wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Der scheidende E.On-Vorstandsvorsitzende Wulf Bernotat kritisierte in einem Interview mit der Wirtschaftszeitung „Les Echos“: „Frankreich hat ein Problem mit der Öffnung seines Energiemarktes.“ Selbst wenn es zu dem Gesetz käme, halte er die Öffnung für „nicht ausreichend“.

Denn EDF, die ihren Strom in den abgeschriebenen Anlagen billig erzeugt, soll zwar Kapazitäten an ausländische Wettbewerber abgeben. Dafür fordern die Franzosen aber mit Hinweis auf notwendige Investitionen und Kosten so hohe Preise, dass die Konkurrenten angesichts der staatlich herunterregulierten Endpreise keine Chance haben, die Ausgaben wieder hereinzuholen. Paris kommt EDF bei der Preisfindung offenbar entgegen.

Überdies beklagt E.On-Chef Bernotat, dass die Europäische Kommission zweierlei Maß anlege: Deutschlands Energiekonzerne würden massiv kritisiert und müssten Brüssel gegenüber erhebliche Zugeständnisse machen, Frankreich hingegen komme praktisch ungeschoren davon und habe bisher so gut wie keine Maßnahmen zur Sicherstellung von Wettbewerb ergriffen. Das wurde auch bei der Fusion von Gaz de France mit Suez deutlich, die die französische Regierung eingefädelt hatte. Die EU-Kommission erteilte dem neuen Konzerngebilde Auflagen nur für den belgischen, nicht aber für den französischen Markt.

Sicherheitsbedenken bei Atomreaktoren

Markus Kerber, Professor an der TU Berlin, wundert sich, „dass die Kommission den bedeutenderen der betroffenen Strommärkte – den französischen – nicht einmal ansatzweise auf die Entstehung oder Verstärkung einer marktbeherrschenden Stellung durch GDF Suez/EDF untersucht“ habe.

Der Wettbewerbsexperte sieht in dem „Zusammenschlussvorhaben GDF Suez eine konzertierte Aktion des französischen Staates als Aktionär von EDF und GDF Suez, um nicht nur durch seine Regulierungskompetenz, sondern auch als Aktionär der machtvollste Marktteilnehmer zu bleiben“. Kerbers vernichtendes Fazit: „Dies belegt die Unvereinbarkeit von staatlicher Regulierungskompetenz einerseits und wirtschaftlicher Betätigung des Staates als Referenzaktionär der regulierten Industrieunternehmen andererseits. Einmal mehr zeigt sich, dass in Frankreich Politik und Wirtschaft Hand in Hand arbeiten.“

Das gilt trotz gelegentlicher Reibungen. So hat jetzt ausgerechnet die französische Nuklearaufsichtsbehörde Sicherheitsbedenken beim neuen EPR-Atomreaktor geäußert, den EDF in der Normandie und Areva im finnischen Olkiluoto bauen. Die Behörde hat die beiden Unternehmen zu erheblichen Nachbesserungen aufgefordert. Das wirft kein positives Bild auf den einst von Siemens und den Franzosen gemeinsam entwickelten Reaktor und seine Exportaussichten.

Dumm ist auch, dass Frankreichs stolze Energiekonzerne nicht in der Lage sind, eine sichere Energieversorgung sicherzustellen und auf Stromimporte ausgerechnet aus Deutschland angewiesen sind. EDF-Chef Proglio musste Fillon nun versprechen, die Verfügbarkeit seiner Anlagen bis in drei Jahren auf 85 Prozent zu erhöhen.

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