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Engadinerhäuser Jenseits der Spekulation

Engadiner Bauernhaus. Quelle: Filippo Simonetti

Der Schweizer Architekt Hans-Jörg Ruch ist der bedeutendste Bewahrer alter Engadiner Bauernhäuser. Die sind teuer und rar, jeder Umbau mühsam und zeitraubend. Was treibt den 73-Jährigen noch an?

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Wer eine Wand verputzen will, kauft Sockelputz im Baumarkt, rührt ihn mit Wasser an und klatscht ihn auf die Wand. Ungleich umständlicher und aufwändiger gestaltet sich dieser Prozess, wenn man den Schweizer Architekten Hans-Jörg Ruch beauftragt, alte Gemäuer zu sanieren. An einem sonnigen, kalten Oktobermorgen steht Ruch mit zwei Männern in einer luftigen Scheune eines alten Engadinerhauses, neben ihm ein kleines Modell aus Styropor und Holz, vor sich ein halbes Dutzend bunter Plastikeimer. Die Eimer sind gefüllt mit Sand, Kies und Kalkstein, und die Männer diskutieren, in welchem Verhältnis sie die Zutaten für den Mörtel mischen sollen.

Hans-Jörg Ruch Quelle: Ruch & Partner

Haus und Scheune stehen inmitten der Gemeinde Celerina, nahe Sankt Moritz. Die „Chesa Petzi“ ist die jüngste Großbaustelle von Hans-Jörg Ruch (73) und die Putzmischung, die der portugiesische Handwerker Vitor Santos (49) vor den Augen des Architekten nun anrührt, ist bereits der vierte oder fünfte Versuch, so genau weiß Ruch das gar nicht. Ruch hat sich eine dunkelgrüne Jacke und dicke Stiefel angezogen, auf dem Kopf trägt er eine graue Schiebermütze gegen den Durchzug. Mit seinen 1,78 Meter könnte er in den Räumen des oberen Stockwerks gerade noch aufrecht stehen. Hier aber, unter der acht Meter hohen Decke aus Lärchenholz, scheinen er und seine Kollegen beinahe zu verschwinden.

An einer Wand der Scheune lehnen Gipsplatten, auf denen die vorherigen, längst getrockneten Putz-Varianten aufgetragen sind. Für den Laien wären sie kaum zu unterscheiden. Für Ruch aber geht es um die Frage, welche Struktur und Grauanteile der Putz einer neu eingezogenen Wand aufweisen muss, um dem Charakter des Hauses gerecht zu werden. Die alles entscheidende Putz-Frage lautet heute: Soll er sich an der alten Wand orientieren, die von der Scheune in den Wohnraum führt, oder doch lieber an der Außenfassade? Hans-Jörg Ruch fragt in die Runde: „Zu wem muss der neue Putz sprechen?“ Seinen Worten folgen kleine Atemwolken. Die Antwort, doziert er dann, sei nie richtig oder falsch. Es gehe um „ein Hintasten zur Lösung“. Mit Sockelputz aus dem Baumarkt jedenfalls, bekräftigt Restaurator Ivano Rampa (56), „bekommt man diese Struktur einfach nicht hin“.

Das Neue muss sich dem Alten unterordnen

Hans-Jörg Ruch ist Gründer und Mehrheitseigner der „Ruch & Partner Architekten AG“ mit Sitz in St. Moritz. Sein Büro beschäftigt 13 Mitarbeiter, inklusive Sohn Andreas (34), der Anfang des Jahres die Geschäftsführung übernommen hat. Hans-Jörg Ruch hat sich einen Namen gemacht mit Umbauten historischer Bauern- und Patrizierhäuser im Engadin: Oft baut er die Jahrhunderte alten und mit der Zeit veränderten Häuser zurück auf ihre ursprünglichen Strukturen, um dann moderne Akzente zu setzen. Seine Devise: „Das Neue muss sich dem Alten unterordnen.“ Die Fachzeitschrift „Architectural Digest“ lobte seine Arbeit: „Vom Privathaus bis zum Siedlungsprojekt: Hans-Jörg Ruch ist in nahezu jedem Maßstab ebenso versiert wie produktiv.“

Engadiner Häuser wie die Chesa Petzi sind zumeist dreistöckige Bauernhäuser aus dem 15. oder 16. Jahrhundert, mit meterdicken Steinmauern, tiefen Fensterfluchten und einer integrierten, haushohen Stallscheune. Wohn- und Ökonomieteil der Häuser hatten selten separate Eingänge: Die Tore mussten groß genug sein, dass auch mit Heu beladene Wagen hindurchfahren konnten. „Das Engadinerhaus ist eine absolut geniale Erfindung, alles unter einem Dach“, schwärmt Ruch zwischen all den Platten mit Putz.

Das Bauernhaus Eugst wurde 1685 in Appenzell erbaut - und restauriert und umgebaut von Hans-Jörg Ruch zwischen 2014 und 2015. (Bild aus Hans-Jörg Ruchs Buch „Close-Up“) Quelle: Filippo Simonetti

Berlusconi, Armani und Bodum zählen zu den Besitzern

Wer heute solch ein Haus erwerben möchte, braucht Glück und Geld: unter einer Million Franken ist keines zu haben, viele kosten zehn Millionen und mehr. Kein Wunder: St. Moritz und Umgebung zählen zu den attraktivsten Immobilienmärkten, im gesamten Engadin sind die Preise zwischen 1995 und 2005 um 42 Prozent stärker angestiegen als im Schweizer Durchschnitt, und auch heute ist die Nachfrage ungebrochen groß. Aber: „Das Angebot an Engadinerhäusern ist nicht groß“, sagt Barbara Derksen, die das Büro des Immobilienmaklers Engel&Völkers in St. Moritz leitet. „Pro Ortschaft gibt es vielleicht noch drei oder vier Objekte.“

Als Nicht-Schweizer sei es noch einmal schwieriger, solch ein Haus zu erwerben, erklärt sie, „weil es vom Schweizer Staat strikte Auflagen gibt, etwa für die Größe einer Liegenschaft. Die meisten dieser Häuser bleiben somit in Schweizer Hand.“ Aber es gibt immer wieder mal kommunale Ausnahmen. Und manche Objekte werden auch über Umwege gekauft. Der frühere italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi etwa zählt zu den Besitzern, ebenso wie Modedesigner Giorgio Armani und Jörgen Bodum, Inhaber des gleichnamigen dänisch-schweizerischen Küchengeräte-Herstellers.

Und doch wäre es falsch, in Hans-Jörg Ruch jemanden zu sehen, der den Markt für millionenschwere Spekulationsobjekte stimuliert. Das liegt vor allem an seiner besonderen Achtung vor dem Heustall, der einen Großteil des Gesamtvolumens dieser Häuser ausmacht: Dieser ist ihm beinahe heilig, er lässt ihn möglichst unberührt. Allenfalls lässt er, wie im Falle der Chesa Petzi, einen möglichst unauffälligen Wohnkubus einsetzen. Ruch sagt: Viele Architekten und Bauherren haben diese Scheunen einfach in mehrere Wohnungen aufgeteilt, „und dann ist es um den historischen Wert natürlich geschehen“.

Mit der Vermietung von Ferienwohnungen hinter historischer Fassade ließe sich viel Geld generieren. Aber Ruch und seine Auftraggeber widerstehen dieser Versuchung: „Diesen Raum zu besitzen, ist eine Kostbarkeit. Den darf man nicht unterteilen“, fordert er, die Scheune sei die Lunge des Hauses, eine Sensation, „die man auch körperlich spüren kann“. Leicht zu erahnen, wie wenig Verständnis renditeorientierte Investoren und Makler besonders in St. Moritz für solche Argumente aufbringen.

Mit Denkmalpflege, Heimatschutzverein und archäologischem Dienst

Auf der Baustelle in der Chesa Petzi hat Vitor Santos inzwischen den neuen Mörtel angerührt. Mittels Spachtel klatscht er kleine, graue Putzklumpen auf die neue Gipsplatte und streicht die Masse glatt. Hans-Jörg Ruch steht daneben, beobachtet, und begutachtet schweigend den neuesten Putz-Entwurf. Dann macht er einen Schritt vorwärts und deutet darauf: „Mit dem wäre ich sehr zufrieden.“ Restaurator Ivano Rampa erwidert, er schwanke noch zwischen zwei Entwürfen, doch am Schluss müssten ja auch noch die Eigentümer zustimmen. Später wird Rampa sagen, er habe „Achtung“ vor Ruch, dieser sei „zielstrebig“, habe seine Vorstellungen, „aber auch zwei große Ohren. Er ist für sein Alter sehr offen“. Rampa und Ruch arbeiten seit einem Jahrzehnt zusammen. Einmal, sagt Rampa, hätten sie in dieser Zeit zusammen Mittag gegessen.

Erbe der Chesa Petzi ist eine Familie aus St. Gallen. Ostern 2019 hat Ruchs Team mit dem Umbau begonnen. Frühestens im Herbst 2020 wird alles fertig sein. So ein Umbau à la Ruch, bei dem schon die Wahl des Putzmörtels für eine Innenwand Tage in Anspruch nimmt, dauert nicht nur länger, sie ist in der Regel auch viel teurer als ein Neubau. Ruch lässt jedes Haus, das er umbauen will, dendrochronologisch untersuchen, das heißt, er lässt das Alter der Holzteile bestimmen. Er arbeitet mit der Denkmalpflege, dem Heimatschutzverein und dem archäologischen Dienst zusammen. Am Ende verschlingt so ein Projekt deshalb schon mal zweistellige Millionenbeträge.

Engadinerhäuser taugen kaum als Kapitalanlage

„Wir vermitteln keine Bauten, wir nehmen keine Provision“, betont Ruch, „uns geht es nur darum, Lösungen zu finden“. Und er lässt anklingen, dass die meisten anderen in seiner Branche das nicht so streng sähen. Es gebe drei, vier weitere Firmen, die auf andere Weise mit Engadinerhäusern Erfolg hätten, sagt einer seiner Büro-Mitarbeiter und spielt damit auf eingezogene Stockwerke und zerstörte Leerräume an. Die allerwenigsten seiner Kunden, versichert dagegen Ruch, benutzten die umgebauten Häuser als Kapitalanlage. Die Investitionen erfolgten „ausschließlich aus kulturellem und architektonischem Interesse“. Allenfalls gebe einen Liebhaber-Markt.

Auf die Frage, ob er sich nicht doch mitverantwortlich fühle, dass sich St. Moritz und Teile des Engadins in ein Refugium für die Oberschicht verwandelten, lacht er kurz und entgegnet trocken: „Da gibt’s nichts mehr zu verwandeln.“ Sehr viele Reiche seien „hier gelandet und die ziehen einander an“. Sein Beitrag sei „marginal“.

Angefangen hat Hans-Jörg Ruch 1987 mit einem Engadiner Haus in der Graubündner Gemeinde S-chanf, zwischen Davos und St. Moritz. Ein Bekannter aus dem Kanton Solothurn hatte das rund 400 Jahre alte Objekt gekauft und Ruch mit dem Umbau beauftragt. Der Besitzer wollte zunächst Wohnungen in den riesigen Heustall einziehen. Doch Ruch widersprach. Der große Raum blieb erhalten und diente dem Eigentümer fortan als Abstellraum und Holzlager, während er für Ruch zur Blaupause seines weiteren Wirkens wurde.

Schwarzer Kubus in Heustall eines Engadinerhauses Quelle: Filippo Simonetti

Fast zwanzig Jahre später entdeckte ein Galerist den Lagerraum in S-chanf und richtete dort eine Kunstgalerie ein. Ruch ließ hierfür einen schwarz-schimmernden Würfel mit sieben Meter Kantenlänge in den Heustall einsetzen. Alt und Neu berühren einander nicht, man kann den eingesetzten Galerie-Kubus komplett umrunden – eine spektakuläre Lösung. „Und wie das so ist“, erzählt Ruch, „die Leute haben Bekannte, die laden sie ein, und die erzählen das weiter.“ So häuften sich die Anfragen bei Ruch, und am Ende zogen mehr und mehr Galerien in die Heuställe von Engadinerhäusern ein: „Damit haben wir sie gerettet.“

Kunstgalerie im Inneren des Heustalls. Quelle: Filippo Simonetti

Kunstmuseen statt Poststelle

Die Kunst war Hans-Jörg Ruch anfangs tatsächlich näher als die Architektur. Aufgewachsen ist er im Dorf Bellach im Kanton Solothurn, 30 Kilometer nördlich von Bern. Sein Vater führte die Poststelle, seine Mutter war Hausfrau. Er hätte ohne Schwierigkeit die Arbeit seines Vaters fortführen können, erzählt er, die Leitung der Poststelle sei seit Generationen Sache der Familie gewesen. Aber Briefe interessierten den jungen Ruch dann doch nicht so sehr wie die Kunst: Er zeichnete und modellierte, besuchte die Kunstmuseen der Umgebung. Nach seiner Matura an einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasium wählte er an der ETH Zürich das Studium der Architektur. „War eine gute Fügung“, sagt er rückblickend.

Nach seinem Master an einer technischen Hochschule in der Stadt Troy im US-Bundesstaat New York kehrte er 1974 in die Schweiz zurück – nach St. Moritz. „Das obere Engadin ist der großartigste Landschaftsraum der Welt“, schwärmt er. Bis 1989 arbeitete er in verschiedenen Architekturbüros, dann eröffnete er sein eigenes. Ruch entwarf das Straßenverkehrsamt und Bezirksstiefbauamt des Kantons Graubünden, er schuf das elektrische Unterwerk am Julierpass sowie zahlreiche Hotel- und Wohnprojekte. Aber seine Leidenschaft galt immer mehr jenen „architektonischen Interventionen“ wie in der Chesa Petzi.

Wie viel Umsatz? „Keine Ahnung!“

Sein Büro in St. Moritz, gegenüber des schiefen Turms oberhalb der Fußgängerzone gelegen, ist im oberen Stockwerk eines dreistöckigen Zweckbaus untergebracht. Ruchs Mitarbeiter verteilen sich auf 300 Quadratmetern Großraum, vollgestellt mit Modellen aus Holz, Styropor und Pappe, mit Skulpturen seiner Lieblingskünstler, mit Büchern, Skizzen und Regalen voller Leitz-Ordner. Ruch arbeitet nebenan in seinem eigenen Büroraum. Die Stiefel von der Baustelle hat er gegen Sneaker getauscht. Von seinem Schreibtisch aus blickt er auf ein vier Meter langes Gemälde des deutschen Künstlers Franz Wanner, ein Stillleben mit Zitronen auf einem Holztisch.

Schon während seiner Studienzeit, erzählt Ruch, habe er angefangen, Kunst zu sammeln. Heute sei er dank seiner Beziehungen in diese Welt, die ihm auch den Zugang zu Engadinerhäusern begünstigt hat, in der Lage, sich die Zeit für seine „Interventionen“ zu nehmen: Die Hälfte seiner Arbeit machen Engadinerhäuser aus. Ruch betrachtet sich selbst inzwischen mehr als Künstler oder Archäologe, denn als Unternehmer oder Architekt. Fragen nach dem Umsatz seines Büros beantwortet er mit einem dahingeschnaubten „Keine Ahnung!“, als sei es für einen wie ihn absurd, sich mit Zahlen überhaupt zu befassen. Er weiß natürlich auch, dass man sich diese Haltung leisten können muss.

Aufhören, sich als Architekt zur Ruhe setzen? „Ich glaube, das kann ich nicht.“ Wann immer er so ein Haus betrete, „fängt es hier oben an“, sagt er und kreist mit beiden Zeigefingern an seiner Stirn, „und es hört einfach nicht mehr auf“.

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