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Engelmanns Eigenhandel

Zinswende in den USA?

Unser Kolumnist kauft Silber und macht sich Gedanken über steigende Zinsen. Die Äußerungen der Offiziellen Kocherlakota, Lacker und Plosser zu möglichen Zinsanhebungen der US-Notenbank Fed hält er eher für Lippenbekenntnisse. Die EZB aber dürfte in dieser Woche Ernst machen.

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Oliver Engelmann, Rentenmarktexperte bei der Citi

Nichts liebt die Menschheit mehr als Bekenntnisse. Egal in welcher Form sie daherkommen. Ob als Beteuerung, als Coming-out, Emphase, Erklärung, Gelöbnis oder Versprechen - den laut Wikipedia geläufigsten Formen solcher offenen Äußerungen. Auch die Weltliteratur kennt zahlreiche Bekenntnisse: ob die Schlegels oder die des Felix Krull - überall werden Erklärungen und Versprechen abgegeben, dass es einem warm ums Herz wird. Gerne erinnert man sich in diesem Zusammenhang auch an den guten Harald Juhnke - Gott hab ihn selig -, der nach jeder hochprozentigen Eskapade ein fast schon rituell zu nennendes Bekenntnis zur Abstinenz ablegte und damit die Herzen seines Publikums zurückeroberte, das ihm seine Freundschaft mit der französischen Witwe Cliquot und dem schottischen Gentleman Johnnie Walker stets verzieh, weil es in der Schwäche des Schauspielers die eigene Fehlbarkeit erkannte.    

Auch ich möchte heute an dieser Stelle etwas bekennen, mich gewissermaßen "outen": Ich habe mir kürzlich ein paar Silbermünzen gekauft. Regelmäßige Leser dieser kleinen Kolumne dürfte das erstaunen, gehöre ich doch zur Fraktion derjenigen, die in ihrem Glauben an die Kraft Europas, die Schuldenkrise überwinden zu können, fast schon genauso dogmatisch sind wie diejenigen, die den Weltuntergang bereits an die Pforte der Euro-Zone klopfen hören. Doch das literarische Erstlingswerk eines vormaligen Arbeitskollegen mit dem Titel "Silber, das bessere Gold" hatte mir vor einigen Wochen das Blut in den Adern gefrieren lassen und mich für einen Moment in einen Zustand von Endzeitstimmung versetzt, in dem ich im Kauf von australischen "Lunar Hasen" das letzte Mittel zur Anlage meiner Ersparnisse sah.    

Münzen zur Bank geschleppt

Doch schon beim ersten Besuch in den Tresorräumen meiner Hausbank kamen mir große Zweifel, ob Silber langfristig wirklich als Anlagemedium taugt. Schließfächer sind in der Regel begehrt und rar. Und klein! Um genau zu sein: so klein, dass allenfalls das Ensemble eines Flohzirkus ein Bankschließfach als geräumig empfinden würde. Wie soll man in einer solchen Hutschachtel zumindest soviel Silber unterbringen, dass man sich von dessen Gegenwert ein paar Wochen über Wasser halten könnte, bräche das bisherige Finanzsystem tatsächlich zusammen? Und noch etwas wurde mir auf dem Weg zur Bank klar: Wer Silber kauft, riskiert, schon nach kurzer Zeit auszusehen wie Quasimodo. Das Zeug ist verdammt schwer, zumindest deutlich schwerer als der Inhalt der Aktentasche, die man als Bürohengst für gewöhnlich mit sich herumschleppt. Silber mag das bessere Gold sein. Aber wenn der Preis, es zu besitzen, der ist, irgendwann auszusehen, wie der Glöckner von Notre Dame, dann scheint es nicht nur auf Grund seiner derzeitigen Börsennotierung überteuert.

ARCHIV - 500 Kilogramm in 94 Quelle: dpa

Auch eine Reihe hochrangiger Vertreter der amerikanischen Notenbank Federal Reserve (Fed) überraschte in der vergangenen Woche mit einem erstaunlichen Bekenntnis. Ob der Präsident der Fed von Minneapolis, Narayana Kocherlakota, der von Richmond, Lacker, oder der der regionalen Filiale in Philadelphia, Plosser: Sie alle bekundeten - mehr oder minder deutlich - die amerikanische Notenbank könne die Zinsen unter Umständen anheben, vielleicht sogar schon in diesem Jahr. Dieses Bekenntnis erstaunt auf den ersten Blick fast genauso wie das eines Vielfliegers, unter Flugangst zu leiden.

Immer noch kauft die amerikanische Notenbank unter dem als "quantitative easing" bekannt gewordenen Programm Staatsanleihen der eigenen Regierung und stellt dem Markt damit enorme Mengen Liquidität zur Verfügung. Mit solchen Käufen von U.S. Treasuries ist auch in diesem Quartal weiter zu rechnen, eventuell sogar noch bis in den Herbst hinein. Daher mutet das Bekenntnis der Fed-Oberen, eine Zinserhöhung sei "definitiv auf dem Tisch", noch etwas merkwürdig an.    

Arbeitsmarkt macht Mut

Doch scheint man in der amerikanischen Notenbank der Meinung zu sein, dass eine Erhöhung der Leitzinsen zum Zwecke der Inflationsbekämpfung der Konjunktur nicht ernsthaft schaden werde. Beflügelt werden solcherlei Gedankenspiele auch durch die positiven Nachrichten vom amerikanischen Arbeitsmarkt. Der am vergangenen Freitag veröffentlichte, monatliche Arbeitsmarktbericht jedenfalls legt nahe, dass sich die U.S. Wirtschaft nachhaltig von den Tiefschlägen der vergangenen Jahre erholt hat.

Seit dem vergangenen Herbst werden wieder regelmäßig neue Stellen geschaffen, was die nicht nur der Geldwertstabilität, sondern auch dem Wirtschaftswachstum verpflichtete Notenbank in ihren Plänen, sich über kurz oder lang aus der übermäßigen Bereitstellung von Liquidität zu verabschieden, zu ermutigen scheint. 

Vielleicht verspüren Ben Bernanke und die anderen Verantwortlichen im Direktorium der Fed aber auch einen gewissen Druck von Seiten ihrer europäischen Kollegen. Jean Claude Trichet, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), hatte vor kurzem - für einen Notenbanker wenig kryptisch - eine erste Anhebung des Leitzinses in der Euro-Zone in Aussicht gestellt. Am Markt rechnet man fest damit, dass diese Leitzinserhöhung schon in dieser Woche über die Bühne gehen wird. Dabei steht die EZB vor einer ungemein schwierigeren Herausforderung als ihre amerikanische Schwester. Während für einige Länder der Euro-Zone, so zum Beispiel Deutschland, eine Zinsanhebung auf Grund des robusten Wirtschaftswachstum längst überfällig ist, dürfte sie in anderen Ländern der Währungsunion für eine Verschärfung der dort ohnehin schwierigen wirtschaftlichen Lage sorgen.

Die Analyse der Folgen einer Zinserhöhung auf die Euro-Zone ist komplex und würde ganze Seiten füllen. Daher sei an dieser Stelle nur ein Aspekt herausgehoben: In vielen Ländern der Euro-Zone sind variabel verzinste Kredite an Privathaushalte, insbesondere zur Finanzierung von Wohneigentum, die Regel. Zu diesen Ländern zählen unter anderem Spanien, Irland und Finnland. Eine Erhöhung des Leitzinses durch die EZB schlägt hier sofort auf die Kredite durch - anders als beispielsweise in Deutschland, wo die langfristige, feste Zinsbindung den Normalfall in der Ausgestaltung von Krediten darstellt. Ein Balanceakt für die EZB, die zwar offiziell nur der Geldwertstabilität verpflichtet ist, nichtsdestotrotz aber einen Spagat besonderer Art vollführen muss. Es bleibt also abzuwarten, welche Folgen die Wende in der Geldpolitik haben wird.   

Staatsanleihen verlieren weiter an Wert

Eines ist allerdings schon jetzt klar: Die Zinsen am Kapitalmarkt steigen. Dabei haben die bislang unterschiedlichen Erwartungen bezüglich der weiteren Geldpolitik der Fed einerseits und der EZB andererseits zu einer merklichen Einengung der Renditeabstände zwischen amerikanischen und deutschen Staatsanleihen geführt.

Rentieren zehnjährige U.S. Treasuries noch Anfang Februar dieses Jahres circa 50 Basispunkte oberhalb ihrer deutschen Pendants, so schrumpfte dieser Renditeabstand zwischenzeitlich bis auf fünf Basispunkte zusammen. Seit die Erwartung einer Leitzinserhöhung durch die EZB im Markt fest verankert ist, verloren Bundesanleihen also relativ stärker an Wert als amerikanische Staatsanleihen. Blickt man auf die Entwicklung des Wechselkurses zwischen Dollar und Euro, so steht zu vermuten, dass die jüngsten Äußerungen der Fed-Präsidenten von Mineapolis, Richmond und Philadelphia von einer Vielzahl von Marktteilnehmern (noch) als reine Lippenbekenntnisse aufgefasst werden. Insofern könnten U.S.-Staatsanleihen im Vergleich zu europäischen weiter relativ besser abschneiden. Dass beide insgesamt weiter absolut an Wert verlieren werden, scheint indes breiter Marktkonsens zu sein. Citigroups Volkswirte rechnen damit, dass sowohl zehnjährige Treasuries als auch Bundesanleihen mit gleicher Restlaufzeit im kommenden Jahr über 4 Prozent rentieren werden.  

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    Hinweis: Herr Engelmann ist Mitarbeiter der Citigroup in Deutschland. Der von ihm verfasste Text gibt allein seine persönliche Meinung wieder und ist keine Analyse, Beratung oder Empfehlung der Citigroup.  

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