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Evonik Ein Wagnis namens Börsengang

Das Chemiekonglomerat Evonik könnte 2012 den Schritt an die Börse wagen - nach Jahren des Zögerns. Doch für den Konzern bleiben einige Unwägbarkeiten.

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Börsengang mit Risiken: Quelle: AP

Am 16. März ist Bilanzpressekonferenz von Evonik und diesmal ist es ein heißer Termin. Der Mischkonzern Evonik, hervorgegangen aus der alten Ruhrkohle AG (RAG), könnte sich einem breiten Aktionärspublikum öffnen. Intern halten Evonik-Manager die Zeit für reif. Die Krise scheint vorbei zu sein, die Konjunktur zieht wieder an - und auch die Zeiten für Spezialchemikalien scheinen weltweit wieder besser zu sein.

Nun könnte der Uralt-Traum von RAG-Stiftungschef Wilhelm Bonse-Geuking wahr werden, dass der Konzern, der lange Zeit richtungslos erschien, weil er viele Geschäftsbereiche unter einem sehr weiten Dach vereinte, doch noch den erwünschten Erfolg bei Anlegern hat. Die RAG-Stiftung hält knapp 75 Prozent der Evonik-Anteile. Sie verwaltet nicht nur ihr Evonik-Paket, um es eines Tages meistbietend zu Geld zu machen, sondern hält auch noch den westdeutschen Steinkohlebergbau aufrecht mit seinen noch sechs Bergwerken, die sukzessive dicht machen - aber auch noch unter immensen Folgekosten leiden. Diese auch "Ewigkeitskosten" genannten Aufwendungen für das permanente Auspumpen des Grubenwasser stillgelegter Zechen werden auf 8,6 Milliarden Euro taxiert. Die muss Bonse-Geuking bis spätestens 2018, wenn das letzte deutsche Bergwerk schließt, in der Kasse haben. Dazu dient auch der geplante Börsengang.

CVC an schnellem IPO interessiert

Ein Motor des Börsengangs ist auch der zweite Großaktionär, der luxemburgische Private-Equity-Investor CVC mit seinem britischen Chef Steve Koltes. Koltes ist besonders an einem raschen Börsengang in günstiger Wirtschaftslage interessiert, denn er sucht nach einer protitablen Auszahlung seiner Investoren, vor allem amerikanische und kanadische Pensionsfonds. CVC hatte 2008 für den Evonik-Anteil von 25,01 Prozent rund 2,4 Milliarden Euro gezahlt. Der Börsengang soll nach Insiderschätzungen insgesamt zehn Milliarden Euro bringen.

Dafür hat Evonik-Chef Klaus Engel einiges getan, um das Unternehmen nach vorn zu bringen. Zwar passen die vielen Einzelgeschäfte des Evonik-Chemiegeschäftes nicht zusammen. Aber Spezialchemie ist ein Konjunktur-Frühindikator. Plexiglas von Röhm, superabsorbierende Vliesstoffe und Lacke sind in vielen Industrie- und Konsumgütern enthalten. Und diese Spezialchemie-Klammer reicht jetzt nach Meinung von Engel offenbar, um die möglichen Anleger zu überzeugen. Nicht vom Tisch ist das Uralt-Gerücht in Nordrhein-Westfalen, dass in naher Zukunft der Spezialchemiehersteller Lanxess, hervorgegangen aus der alten Bayer AG, und Evonik zusammengehen werden. Solche Gerüchte kochen unter Investoren immer wieder auf. Belege dafür gibt es dafür zur Zeit noch nicht.

Um sich auf das Chemiegeschäft zu konzentrieren, hat sich Evonik-Chef Engel von der Mehrheit seines Kohleverstromers Steag getrennt. 51 Prozent halten nun nordrhein-westfälische Stadtwerke unter Führung der Stadtwerke Duisburg. Damit verabschiedete sich Evonik von der Idee des integrierten Mischkonzerns, der Evonik-Mitbegründer Werner Müller noch nachhing. Zwar verliert Evonik damit einen zuverlässigen Cash-Flow-Lieferanten, aber Engel hatte dem Kapitalmarkt damit signalisiert, dass er seine Ankündigung, sich vom Energiegeschäft zu trennen, auch wahrmacht. Das war ein Stück Vertrauensvorschuß, der nun beim avisierten Börsengang nur nützen kann. Die 651 Millionen Euro, die Engel mit dem Verkauf an das Stadtwerke-Konsortium einnahm, nutzte er für die Stärkung des Chemiegeschäfts. Gleichzeitig will er sich von der Grundstoffchemie von Evonik trennen, das ist vor allem das Rußgeschäft - wichtiger Vorlieferant für Arzneimittelhersteller aber auch für die Reifenindustrie. Dafür soll er auch schon einen Investor in der Hinterhand haben, das Private-Equity-Unternehmen Advent. Evonik wird langsam besenrein.Eine Bedingung an den Investor CVC hat Engel bei den Börsengang-Plänen allerdings durchgedrückt. Die Immobiliensparte von Evonik wird nicht an die Börse gehen. Es handelt sich dabei um rund 70.000 teilweise schwer sanierungsbedürftige Bergarbeiterwohnungen im Ruhrgebiet, die preisgünstig sind. Sie stellen so etwas wie einen Solidarpakt mit den Bergarbeitern und den Zulieferern des Bergbaus dar, die nicht "ins Bergfreie" fallen sollen, so ein Jargon aus der Bergwerkswelt. Sprich: Die Wohnungen sollen nicht in die Hände von geldgierigen Spekulanten fallen, sondern auch noch unter der Obhut der Energie- und Bergbaugewerkschaft bleiben. Das hat Engel der IG BCE versprochen. Ob damit eine Art gewerkschaftsnaher Immobilienkonzern geschaffen werden kann, ist aber noch offen.

Am 12. April soll das Kuratorium der RAG-Stiftung über die Börsenpläne entscheiden. Die Zeichen stehen günstig. In Nordrhein-Westfalen riecht es angesichts haushaltsrechtlicher Probleme der Minderheitsregierung unter Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) nach Neuwahlen noch in diesem Jahr. Dann muss das Bergbau- und Wohungsthema abgehakt sein und soll nicht mehr in den Wahlkampf hineingezogen werden. Kraft kann sich hier als weitsichtige Wirtschaftspolitikerin darstellen. Sie gehört dem Kuratorium an. Zweites wichtiges Mitglied des Kuratoriums ist Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble 8CDU), der das Thema Bergbausubventionen sowieso leid ist. Und er Kuratoriumsvorsitzende Ulrich Hartmann will in den nächsten Monaten in Pension gehen. Da liegt nichts näher, als das Thema Evonik auch für ihn endlich abzuhaken.

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