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Exportindustrie Japan kämpft mit Umsatzeinbrüchen

Die Exportindustrie in Japan kämpft mit dramatischen Umsatzrückgängen und der brutalen Aufwertung des Yen. Vor allem Elektroindustrie und Autobauer leiden. Um Kosten zu sparen, hilft nur der Gang ins Ausland.

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Toyota erwartet mit 1,3 Quelle: dpa

Bei Toyota ist nichts mehr unmöglich – selbst peinliche Hilferufe nicht. Fast schon rührend klang es, als der Vorstand kürzlich 2500 Führungskräfte aufforderte, privat einen Toyota zu kaufen – ohne Rabatt. Konzernsprecher Paul Nolasco ist „froh, dass meine Position nicht hoch genug ist, um diesem Druck nachgeben zu müssen“.

Nicht nur beim weltgrößten Fahrzeughersteller macht sich Panik breit. „Erbarmungslos, wie es Japans Top-Konzerne auf breiter Front zerlegt“, staunt Martin Schulz vom Fujitsu-Forschungsinstitut in Tokio. Peter Tasker, Japan-Stratege bei Dresdner Kleinwort in Tokio, verspürt selbst bei Industrie-Ikonen wie Toyota „blanke Angst, denn der Absturz ist atemberaubend“. „Wenn wir nur den globalen Absatzeinbruch durchstehen müssten, könnte die Autoindustrie darauf schnell reagieren“, klagt Renault-Nissan-Lenker Carlos Ghosn. „Aber in Japan kämpfen wir gegen eine geballte Front aus Rezession, Kreditklemme und Yen-Kurs.“

„Vor allem die verheerende Yen-Aufwertung trifft Nippons Exportindustrie“, sagt Hiromichi Shirakawa, Chefvolkswirt von Credit Suisse in Tokio. Gegenüber dem Dollar stieg der Yen-Kurs seit dem Frühsommer um fast 20 Prozent, aktuell auf ein 13-Jahres-Hoch. Gegenüber dem Euro waren es sogar mehr als 40 Prozent. „Sinkende Ausfuhren und hoher Yen sind die schlimmste vorstellbare Kombination für die Exportindustrie“, klagt Shirakawa.

Grund für die Aufwertung sind sogenannte Carry Trades, die seit einigen Wochen aufgelöst werden. Internationale Anleger hatten sich in den vergangenen Jahren niedrigverzinsliche Yen-Kredite besorgt, das Geld in US-Dollar und andere Währungen umgetauscht und in Hochzinsländern wie den USA oder Australien angelegt. Als dort die Zinsen sanken, lohnten sich diese Anlagen nicht mehr. Also wurden die ausländischen Währungen wieder umgetauscht, um die Kredite zu tilgen. Das hat die Nachfrage nach Yen enorm getrieben.

Starker Yen sorgt dafür, dass Exportunternehmen weniger verdienen

Der starke Yen sorgt dafür, dass die Exportunternehmen weniger verdienen. Denn sie bekommen für ihre in Dollar oder Euro verkauften Waren immer weniger. „Mit jedem Yen, um den der Kurs zum Dollar steigt, verlieren Japans Autoexporteure zwei bis drei Prozent Profitabilität“, hat Branchenanalyst Koji Endo von Credit Suisse in Tokio ausgerechnet: Bei Toyota macht ein einziger Yen Kursunterschied mehr als 400 Millionen Dollar Jahresgewinn aus.

Rettung könnte von außerhalb kommen: Um Kosten zu sparen, wollen immer mehr japanische Industrieriesen Teile ihrer Produktion ins Ausland verlagern. Denn Entwarnung ist nicht in Sicht. „Die ungewollte Währungs-Hausse kann noch ein Jahr dauern“, fürchtet Eisuke Sakakibara, Professor an der Tokioter Waseda-Universität. „Keine Ökonomie der Welt hält eine solche Blitzaufwertung so lange aus. Das ist eine ständig blutende Wunde.“ Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, befürchtet sogar den „Todesstoß für die Exportfähigkeit“ der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.

Elektronikbranche: mörderische Konkurrenz

Durch massive Yen-Verkäufe eine künstliche Abwertung zu provozieren, wie Japan das früher oft praktiziert hat, hält Ökonom Sakakibara „für politisch nicht durchsetzbar“. Schon warnt der neue US-Finanzminister Timothy Geithner die japanische Notenbank vor Eingriffen, die den Yen schwächen könnten. Währungsturbulenzen lösen aber vor allem in der Elektronikbranche einen mörderischen Konkurrenzkampf aus. Seit Anfang 2008 hat die japanische Währung gegenüber dem südkoreanischen Won über drei Viertel an Wert zugelegt. Davon profitieren die koreanischen Elektronikhersteller Samsung und LG – zu- lasten von Sony und Sharp, „die gnadenlos aus dem Geschäft gedrängt werden“, sagt Jesper Koll, Chef des Tantallon-Research-Instituts in Tokio.

Ein operativer Verlust von 2,2 Milliarden Euro zwingt Sony zu einem zehnprozentigen Stellenabbau. Weltweit müssen 16.000 Mitarbeiter gehen. Panasonic drohen erstmals seit sechs Jahren rote Zahlen, Toshiba sieht bereits rot, Canon meldet für das zurückliegende Quartal 80 Prozent Gewinneinbruch. „In dem guten Umfeld der vergangenen fünf Jahre wurde nie so viel Geld gemacht, wie nötig und möglich gewesen wäre“, sagt Fujitsu-Forscher Schulz.

Nintendo spielt fast 90 Quelle: obs

Ein ähnliches Blutbad erwartet Ökonom Shirakawa für die Autobranche. „Nur Toyota und Honda können profitabel überleben, wenn sie schnell und konsequent reagieren.“ Toyota kürzt die Produktion in Japan bereits radikal. Zwischen Februar und April halbiert der Autokönig in seinen zwölf Inlandswerken den Ausstoß, damit die Läger nicht überquellen. Diese Einschnitte schockieren nicht nur Experten. Japan ist das Epizentrum der globalen Exportkrise. Die Ausfuhren der zweitgrößten Ökonomie der Welt sackten im Dezember um 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr ab, so heftig wie nie, seit in Tokio Exportstatistiken geführt werden. Erstmals musste Asiens wichtigste Ökonomie damit drei Monate in Folge ein Handelsdefizit hinnehmen.

„Japans Exporteuren bleibt fast nichts anderes übrig, als ihrer Heimat den Rücken zu kehren, um außerhalb der Landesgrenzen mit niedrigeren Kosten zu produzieren“, sagt Ökonom Tasker. Nippons Großindustrie fertigt derzeit durchschnittlich 30 Prozent seiner Erzeugnisse in der Fremde. Autoanalyst Endo rechnet damit, dass der Auslandsanteil schon bald auf mindestens 50 Prozent steigt. Dies könnte zwar die Großen retten. Zugleich droht jedoch Hunderttausenden japanischen Firmen der Bankrott, die von Zulieferungen an die Konzerne abhängig sind.

Honda fährt Produktion weiter zurück

Honda fährt seine Inlandsproduktion um weitere 56.000 Fahrzeuge zurück. Zugleich verkündete das Unternehmen Ende Januar, seine Produktionskapazität in China um fast ein Viertel auf einen Jahresausstoß von 650.000 Autos zu steigern. Nissan wird sein Erfolgsmodell March, das in Europa Micra heißt, künftig in Niedriglohnländern wie Thailand statt in Japan vom Band laufen lassen und so die Kosten um bis zu 30 Prozent zurückfahren. Auch der Subaru-Hersteller Fuji Heavy, an dem Toyota 16,5 Prozent hält, prüft eine Teilverlegung der Produktion ins Ausland.

Sogar den Pharmariesen Takeda zieht es über die Grenzen. Vorstandschef Yasuchika Hasegawa treiben gleich zwei Gründe: Mehr als 60 Prozent seines Umsatzes machte Takeda zwar 2007 noch in Japan. Der japanische Medikamentenmarkt bietet aber kaum Chancen, da der Staat rigide Preissenkungen durchsetzt. Und beim Export ist Takeda wie die anderen Industrien vom starken Yen betroffen. Takeda-Chef Hasegawa schlägt somit zwei Fliegen mit einer Klappe. 2008 hat er bereits in den USA zugekauft: Für 8,8 Milliarden Dollar übernahm er das Biotech-Unternehmen Millennium Pharmaceuticals. Mit dem weltgrößten Biotech-Konzern Amgen schmiedete er eine Forschungsallianz. Im März 2005 hatte Hasegawa bereits die US-Firma Syrrx (heute Takeda San Diego) übernommen – der erste Zukauf in der 228-jährigen Firmengeschichte.

Subunternehmen in China

Für Nippons Konzerne kann diese Flucht in die Fremde die Rettung bedeuten, etwa so, wie die Spaßfirma Nintendo dies mit zwar schrumpfenden, aber immer noch eindrucksvollen Gewinnen vorführt. Der Spielkonsolenhersteller lässt seine Geräte ohne nationale Sentimentalitäten schon jetzt ausnahmslos von Subunternehmern in China herstellen, leidet also nicht unter den hohen Produktionskosten in Japan. Sprecher Yasuhiro Minagawa: „Wir sind wie immer der glückliche Außenseiter.“

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