WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Familienunternehmen Die Angst vor der Entführung

Familienunternehmer fürchten nichts mehr als die Pleite ihrer Firma - sollte man meinen. Doch neben dem finanziellen Ruin ist es häufig die Angst vor Entführungen, die Familienunternehmern unruhige Nächte bereitet. Mit welchen Tricks Kidnapper arbeiten und wie sich Familienunternehmer gegen Entführungen schützen können.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Sinnbild des Entführers: Im Jahr 2002 entführte der hochverschuldete Jura-Student Magnus Gäfgen den Unternehmersohn Jakob von Metzler. Quelle: dpa Quelle: handelsblatt.com

DÜSSELDORF. Harry Rowohlt wagt sich in keine Fernseh-Talkshow, gestand der Übersetzer und Spross der berühmten Verlegerfamilie vor wenigen Tagen beim Kölner Literaturfestival Lit. Cologne. So groß ist seine Angst vor einer Entführung. Einzige Ausnahme: Wenn er als Penner verkleidet auftritt in der TV-Serie "Lindenstraße". Denn Rowohlt hat beobachtet: Erst nachdem Jan Philipp Reemtsma mehrmals im Fernsehen auftrat, sei der Hamburger prompt entführt worden. Reemtsma wurde wochenlang angekettet und geschlagen. Die erpresste Summe betrug damals immerhin 33 Millionen Mark.

Rowohlt spricht die Sorge aus, die Entführungsgefährdete sonst eher unter der Decke halten. Um nicht noch mehr Leute auf dumme Ideen zu bringen. Christian Schaaf, Geschäftsführer der Sicherheitsberatung Corporate Trust in München, die spezialisiert ist auf Schutz vor Entführungen, berichtet: "Die Angst vor Entführungen ist eine der größten Nöte, die Familienunternehmer plagt." Sei es aus Sorge um sich selbst oder um Kinder oder Enkel. Aus dieser Befürchtung heraus postiert SAP-Gründer Dietmar Hopp nachts eigens einen Wachmann vor seinem Haus, bekannte er jüngst.

Ist der Familienname auch noch derselbe wie der Firmenname, ist die Angst noch größer. Beispiel: Fiona Swarowski. Die Ehefrau des österreichischen Finanzministers Karl-Heinz Grasser geriet vor gut zwei Jahren ins Visier von osteuropäischen Banden. Doch die Erbin des Unternehmens für Kristallglas und optische High-Tech-Geräte hatte Glück. Die Polizei konnte die Entführung in letzter Minute verhindern, die Täter waren verpfiffen worden.

Der Fall Swarowski lief ist typisch für heutige Entführungsfälle. Die Täter haben nicht nur eine Person im Visier, sondern oft eine ganze Liste, erzählt Schaaf, der jahrelang als verdeckter Ermittler für das LKA gearbeitet hat. Im Falle Swarowski hatten die Täter - laut Presse eine rumänische Bande - den Modedesigner Werner Baldessarini bereits ausgespäht. Bei beiden sollen schon die Grundstücke fotografiert, Skizzen von Alarmanlagen angefertigt und die Taten bis ins Detail geplant worden sein.

Sicherheitsexperte Schaaf berichtet: "Das Risiko, entführt zu werden, ist heute auch nicht deshalb geringer, weil man weniger darüber liest." Es ist so hoch wie immer. Doch in die Öffentlichkeit dringen die Fälle immer seltener, weil Polizei und Presse heute dichthalten.

Die Namen möglicher Opfer finden die Kidnapper nicht nur im Fernsehen und in der Presse, sondern interessante Details vor allem im Internet. Dort sind ja nicht nur Informationen jederzeit und noch lange Jahre abrufbar. Online-Portale, Meldeauskünfte und Telefonverzeichnisse geben zudem Aufschluss über alles Mögliche, von Wohnadresse bis Hobby. Krisen-PR-Beraterin Sigrid Baum aus Issum berichtet von einer "Fabrikantenfamilie, deren Mitglieder alle mit einer falschen Postadresse arbeiten, um eben nicht ohne weiteres auffindbar zu sein".

Auch Alexander Hirsch, Anwalt bei der Topkanzlei Nörr Stiefenhofer Lutz, kennt die Ängste vor Entführungen der Familienunternehmer bei seinen Mandanten seit eineinhalb Jahren - und zwar im Zusammenhang mit den Publizitätsvorschriften: "Als die Pflichten zur Veröffentlichung des Jahresabschlusses verschärft wurden, waren viele mittelständische Unternehmer besorgt, dass nun ihre Vermögensverhältnisse bequem online und anonym von jedem eingesehen werden können", sagt der Gesellschaftsrechtler.

Hirsch weiter: "Viele wollten lieber Bußgelder zahlen, als ihren vermeintlichen Reichtum im Internet zur Schau stellen. Der Grund ist vor allem die Angst davor, dass Kriminelle mit privaten Rasterfahndungen durch Unternehmensbilanzen Opfer für Entführung und Erpressung ausfindig machen." Viele seiner Mandanten dachten sogar daran, lieber eine unbeschränkte persönliche Haftung zu übernehmen und umzufirmieren - um ja nicht mehr publizieren zu müssen und keine Entführer auf den Plan zu rufen.

Tatsächlich gekidnappt wird - wenn die Täter mehrere Leute ausspähen - dann derjenige, der es ihnen am leichtesten macht. Bei dem sie am problemlosesten zugreifen können. Über den sie am besten informiert sind, wann er wo sein wird. Es steht und fällt mit der Routine des Opfers. Wer etwa immer dieselben Wege zur selben Uhrzeit auf seinem Weg zur Arbeit nimmt, ist gefährdeter als jemand, der wechselnde Strecken fährt. Friedrich Karl Flick, zu Lebzeiten einer der reichsten Deutschen, sicherte sich so ab: Er ließ jeden Morgen von seiner Villa aus in Meerbusch stets ein Double von sich selbst zur selben Zeit losfahren. Nie wusste man genau, in welchem Wagen Flick selbst saß.

Ganz heikel sind auch Sportclubs. Nicht nur, dass die Trainings immer zu einer bestimmten Uhrzeit stattfinden, die ein Späher relativ problemlos herausfinden kann. Die Vereine selbst stellen erstaunlich viel ins Internet: von ganzen Mannschaftslisten - samt umfangreichen Infos wie Privatadressen und Mobilnummern - über Fotos und natürlich anstehende Spieltermine. So berichtet Schaaf von einem Unternehmer, dessen Hobby es war, bei einem Renncup einer Nobelautomarke regelmäßig mitzufahren. Als er plötzlich zu viel unfreiwillige PR wegen seiner Rennerfolge bekam, hing er dieses Hobby vorsichtshalber an den Nagel.

Wollten Unternehmensinhaber von Sicherheitsexperten früher Personenschutz, so wollen sie heute mehr Umfeldaufklärung. Denn seit RAF-Zeiten ist klar, dass der Personenschützer keinen ausreichenden Schutz bietet, wenn er im selben Auto mitfährt. Zudem wollen auch prominente Familien, dass ihre Kinder so normal wie möglich aufwachsen. Zur Umfeldaufklärung gehört heute deshalb auszuloten, was Spezialisten über Gefährdete im Internet sehen können, und löschen zu lassen. Da steht einiges, was Laien nicht auf Anhieb, Kriminelle aber sofort finden. Einträge und Bilder - eingestellt womöglich von den eigenen Kindern oder deren Freunden - beim Studentenportal "StudiVZ", Blogbeiträge oder Youtube-Filmchen liefern Entführern interessante Hinweise.

Umgekehrt sollten Gefährdete beziehungsweise ihre Sicherheitsprofis auf kleine, ungewöhnliche Details achten. Zum Beispiel, ob das Telekom-Zelt am Straßenrand tatsächlich von der Telekom ist - oder nur der Tarnung von Spähern dient, die in Wirklichkeit ihr nächstes Entführungsopfer beobachten.

Ermittler von Sicherheitsfirmen, die mit Umfeldermittlung beauftragt sind, entdecken durchaus schon einmal Kameras vor dem Haus gefährdeter Menschen. Mal unter einer Häkelrolle auf der Hutablage eines Autos, mal im Top-Case eines Mofas, das dem Ermittler aufgefallen war. Weil es schon drei Tage am selben Platz vor dem Wohnhaus stand, aber keinem Nachbarn gehörte.

Wichtig ist auch zu überprüfen, ob Menschen, die sich im nahen Umfeld der Familie aufhalten, verschuldet sind. Denn dann gelten sie als Risiko. Und das sollte nicht nur beim Einstellungstermin etwa als Haushälterin oder Nachhilfelehrer geprüft werden, sondern auch später noch einmal stichprobenartig.

Verschuldet war auch der 27-jährige Jura-Student Magnus Gäfgen, der 2002 den elfjährigen Sohn Jakob des Bankiers Friedrich von Metzler aus Frankfurt entführte und umbrachte. Gäfgen - beschrieben als Typ Traumschwiegersohn - verlangte von der Bankiersfamilie eine Million Euro Lösegeld, um seinen aufwendigen Lebensstil finanzieren zu können. Sein Bankkonto war bereits hoch in den Miesen, als er bei Gucci mit seiner Freundin shoppen ging.

Auch Gäfgen hatte Jakob vorher genau beobachtet und ihn an der Bushaltstelle - auf dem Rückweg von der Schule - abgefangen und in sein Auto gelockt. Jakob war auch völlig arglos, weil der junge Mann ein Bekannter seiner großen Schwester Elena war.

Sicherheitsprofis raten im Fall der Fälle eins: im Zweifel lieber nicht wehren. Molkereiunternehmer Theo Müller gelang es zwar zu fliehen, als zwei Männer ihn - sie hatten sich als Polizisten verkleidet und sein Auto gestoppt - mit Hilfe von Pistole und Elektroschockgerät kidnappen wollten. Doch da die Täter in einer Extremsituation sind, könnten sie überreagieren - und abdrücken. Die Chance ist riesengroß.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%