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Fastfood Lizenz zum Abkassieren für Subway

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Fred DeLuca, Chef von Subway Quelle: Pressefoto

Damit war Nackes Leidensweg vorgezeichnet. Peiker, so erinnert sich Nacke, habe ihm im Mai 2004 telefonisch geraten, zur Sicherung des künftigen Geschäfts nicht nur ein, sondern gleich fünf bis zehn Restaurants aufzubauen. Dabei stellte der Consulter Nacke einen durchschnittlichen Umsatz von rund 30.000 Euro pro Monat je Restaurant und einen Gewinn von etwa 20 Prozent, also 6000 Euro je Lokal, in Aussicht. Das hätte gereicht, meint Nacke heute, um sich und seiner Lebensgefährtin ein auskömmliches Monatsgehalt auszubezahlen und den Laden in Schuss zu halten. Mit der Eröffnung weiterer Läden, so glaubte er, wäre sogar das richtig große Geschäft drin gewesen. Peiker bestreitet, jemals Kontakt zu Nacke gehabt zu haben.

Für den frischgebackenen Restaurantbetreiber Nacke folgte statt des dicken Reibachs schon rund ein Jahr nach Eröffnung des ersten Ladens in Bremerhaven die blanke Ernüchterung. Statt der erhofften und von, wie Nacke sagt, Berater Peiker prognostizierten 70.000 Euro im Jahr, blieben ihm in den ersten zwölf Monaten 50.000 Euro, 2006 nur noch 20.000 Euro Gewinn in der Kasse. Heute schreibt Nacke rote Zahlen. In der Not stockte er die lokalen Werbeausgaben auf fünf Prozent des Umsatzes auf, mehr als dreimal so viel wie von Subway empfohlen, klebte Plakate, verteilte Handzettel und startete Rabattaktionen. Als die Ausgaben Wirkung zeigten, entschied sich Nacke, um endlich den erhofften Geldsegen einzufahren, zwei weitere Läden zu eröffnen, einen in Cuxhaven und einen im ebenfalls niedersächsischen Nordenham. Sein Gebietsleiter David von der Vring aus Bremen genehmigte die Expansion. Nacke vertraute darauf, dass einer solchen Genehmigung in Abstimmung mit der US-Zentrale immer auch eine Standortanalyse vorausging. Um den Aufbau der beiden neuen Subway-Restaurants zu finanzieren, schloss er Leasing- und Kreditverträge in Höhe von 300.000 Euro ab.

Alles vergeblich, alles für die Katz: Die Kundschaft auch in den neuen Lokalen blieb aus. „Subway hat mich angelogen“, sagt Nacke heute. Eine Standortanalyse sei nie erfolgt. Die zusätzlichen 382.000 Euro Bruttoeinnahmen in 2007 aus den Läden in Cuxhaven und Nordenham wurden vollständig aufgefressen von Miete, Lizenzgebühren an Subway, Zinsen, Ausgaben für Strom, Werbung, Baguettes, Belegzutaten sowie Personalkosten, obwohl Nacke nur sechs Euro Stundenlohn bezahlte und mit seiner Lebensgefährtin Tag und Nacht in den drei Stores malochte. Schon Ende 2006 sah er sich nicht mehr in der Lage, die 12,5 Prozent Umsatzgebühren an Subway zu überweisen, und stellte die Zahlung ein. Im Mai 2007 kündigte ihm sein Brötchengeber alle drei Läden. Über die Wirksamkeit der Kündigung bestehen allerdings Zweifel, da Subway die Kündigung vor einem Schiedsgericht in New York erwirkt hat. Im Moment prüft der Bundesgerichtshof in einem Parallelverfahren, ob die umstrittene Schiedsgerichtsklausel in den Franchiseverträgen überhaupt Bestand hat. Ein Urteil soll Ende des Jahres erfolgen. Würde Nacke die Geschäfte abgeben, müsste er Privatinsolvenz anmelden. Zurzeit lebt er vom Arbeitslosengeld seiner Lebensgefährtin, die bisher bei ihm angestellt war.

Subway weist alle Vorwürfe Nackes zurück. „Jeder Franchisenehmer ist für seinen Standort selbst verantwortlich“, sagt Deutschland-Chef Marco Wild.

Das mag rein rechtlich so sein. Doch in der Praxis steht die unternehmerische Selbstverantwortung nur auf dem Papier. Für viele der Restaurantbetreiber erweist sich das System Subway als eine Mischung aus knebelähnlichen Lizenzverträgen, schwammigen Rechtsklauseln und lotterhaftem Management.

Egal, wie schlecht ein Subway-Laden auch läuft, die Betreiber werden immer zur Kasse gebeten. Viele Franchisegeber in Deutschland, darunter die Tiernahrungskette Fressnapf, haben nach dem Franchise-Verbandskodex einen Geldtopf für Notfälle eingerichtet, der Lizenznehmern kurzfristig bei Liquiditätsengpässen helfen soll. Bei Subway gibt es das nicht, der Konzern kassiert konstant jeden Monat die vereinbarten Summen: acht Prozent vom Umsatz als Franchisegebühr, weitere 4,5 Prozent für deutschlandweite Werbung.

Ob ein Franchisenehmer seinen Aufgaben gewachsen ist, scheint Subway nur wenig zu interessieren. Ein Berliner Restaurantbetreiber berichtet von Leidensgenossen, die direkt aus der Arbeitslosigkeit ins Geschäft mit den Stullen eingestiegen und entweder gescheitert sind oder am Existenzminimum kratzen. Subway-Deutschland-Chef Wild versichert zwar, die kaufmännischen Fähigkeiten der Kandidaten würden im Bewerbungsgespräch „abgeklopft“. Allerdings sei der „Hintergrund“ der Interessenten „sehr heterogen“. Vom Studenten über den Polizisten bis zum Karatelehrer oder ehemaligen Manager drängt alles an die Baguettes.

Relativ gutes Image

Das Risiko, zu scheitern, hat Subway fast vollständig auf die Restaurantbetreiber abgewälzt. Geht einer von ihnen in Konkurs, hält sich der Konzern nicht nur weitgehend schadlos. Die Zentrale in Milford im US-Staat Conneticut verdient sogar an den Pleiten mit. Wenn jemand den bankrotten Laden übernimmt, wird erneut eine Gebühr für die Eröffnungslizenz fällig. Entsprechend sind die 16 Gebietsleiter in Deutschland hemmungslos auf Expansion programmiert. Sie erhalten kein Gehalt, sondern sind am Verkauf der Lizenzen beteiligt und kassieren einen Teil der laufenden Franchisegebühren. Das führe dazu, dass „in Deutschland jeder Laden auf Teufel komm’ raus aufgemacht wird, ganz egal, ob das sinnvoll ist oder nicht“, sagt Anwalt Prasse. Die beiden für die Region Nordrhein zuständigen Gebietsleiter Markus Engels und Sascha Hörig etwa erzielen mit der ständigen Eröffnung neuer Läden ein so hohes Einkommen, dass sie in ihrem Büro in einem Gewerbegebiet bei Köln inzwischen zwölf Mitarbeiter beschäftigen können. Deutschland-Chef Wild räumt dazu nur vorsichtig ein: „Die Akquise neuer Standorte ist der größte Engpassfaktor.“

Da müssen die Bewerber nicht selten nehmen, was da ist, egal, ob das Einzugsgebiet einen Laden trägt oder nicht. Thilo Fritzsche aus Stade bei Hamburg, der seit dem 15. Juni 2005 ein Subway-Restaurant betreibt, wartet zum Beispiel noch immer auf die versprochene Standortanalyse seines Subway-Gebietsleiters. Schriftlich hat er nichts in der Hand, weder eine Analyse noch das Versprechen, eine solche zu erhalten. Sein Subway-Restaurant in Stade warf zwischenzeitlich so wenig ab, dass er Wohngeld beantragen musste. Subway stört derlei nicht, sondern expandiert einfach weiter. In den vergangenen zwölf Monaten eröffneten die Amerikaner bundesweit 170 neue Restaurants – 47 alleine seit Januar – und steigerten den Gesamtumsatz gegenüber dem Vorjahr um 34 Prozent auf 142 Millionen Euro.

Die Expansion verläuft auch deshalb so schnell, weil Subway die Bewerber massiv unter Zeitdruck setzt. Die Gebühr für die Erstlizenz von künftig 10.000 Euro wird sofort bei Vertragsunterzeichnung fällig. In den meisten Fällen gibt es zu diesem Zeitpunkt noch gar keinen Standort für die neue Subway-Bude. Die Suche nach einer geeigneten Lage, sagt Deutschland-Chef Wild, „liegt grundsätzlich in der Verantwortung des Franchisepartners“. Dafür hat der Lizenznehmer zwei Jahre Zeit. Falls er kein passendes Ladenlokal findet, verfällt die Lizenz und mit ihr die Erstlizenzgebühr. Bernd-Rüdiger Fassbender, Präsident des Deutschen Franchisenehmerverbands, nennt dies eine „Abzocke auf Lizenzbasis“.

Subway gewährt den Restaurantbetreibern keinen Gebietsschutz, bewahrt sie also nicht vor Wettbewerbern in allernächster Nähe. Zwar hat ein Franchisenehmer ein Einspruchsrecht. Am Ende entscheidet aber die US-Konzernzentrale, die weder den Standort noch den Franchisenehmer jemals persönlich zu Gesicht bekommen hat. Deutschland-Chef Wild findet nichts dabei, weil die Restaurantbetreiber ihrerseits keine Verpflichtungen eingingen, den Umsatz zu steigern. Anwalt Prasse hingegen glaubt, Subway kalkuliere bewusst, „Franchisenehmer zu verbrennen“.

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