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Feridun Zaimoglu im Interview "Ich bin ein begeisterter Deutscher"

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Was halten Sie vom Begriff Migrantenliteratur?

Die gibt es. Und in ihren Anfängen war sie großartig. Aras Ören zum Beispiel, ein wunderbar komischer Autor. Aber Migrationsliteratur wurde schnell zu einer Art Industrie. Es genügte, ein paar Reizworte zu montieren oder einen fremd klingenden Namen zu haben, und schon stand man im Ruf, Migrationsliterat zu sein. Dabei gibt es nur eine Migrantengeneration, das sind die herrlichen Männer und Frauen der ersten Stunde. Aber ihre Kinder und Kindeskinder haben diesen Migrantenstatus schon nicht mehr, sie sind hier geboren und aufgewachsen. Ich habe immer gesagt: Ich bin Deutscher. Und auf Nachfrage: Mit türkischen Eltern.

Und das wird akzeptiert?

Manchmal stellt man mich bei Lesungen immer noch vor wie einen Wilden, der von der Kulturindustrie gezähmt wurde: Vom Malcolm X der Türken zum deutschen Dichter. Wobei ich dann immer darauf hinweise, dass die Literatur mir das Flegelhafte ausgetrieben hat. Dass mich die Sprache erzogen hat. Früher hätte ich gesagt: Die Wut treibt mich an beim Schreiben. Das gehört zu den Eseleien, die ich heute mit einem Grinsen zugebe.

Besteht die Gefahr, auf ein Thema beschränkt zu werden?

Ja, so ist es mir ergangen – aus eigener Dummheit. In Talkshows und auf Podien ging es nur um eins: Den domestizierten Türken zu spielen, der das deutsche Publikum aufklärt und immer zu denselben Kulturkreisthemen befragt wird – bis ich abgesprungen bin. Inzwischen habe ich ein abgeklärtes Verhältnis zu diesem Komplex, kann mich freuen, dass die Türkei Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, und auch mal zugeben, dass ich von türkischer Literatur keine Ahnung habe.

Wenigstens Bücher des türkischen Literatur-Nobelpreisträgers Orhan Pamuk werden Sie ja wohl gelesen haben?

Schon. Aber in der deutschen Übersetzung. Türkisch zu lesen, ist mir zu anstrengend. Ich bin vom türkischen Vorbereitungskomitee gefragt worden, ob ich auf der Buchmesse mit der Schriftstellerin Elif Shafak eine gemeinsame Lesung mache wolle und habe „Hurra“ gebrüllt. Es geht um deutsch-türkische Begegnungen. Ich brauche nur den Mund aufzumachen, und die Türken wissen sofort, dass ich Deutscher bin und mich deutsch verhalte, auch wenn das türkische Element natürlich vorhanden ist, genauso wie bei einem Schriftsteller wie Ingo Schulze das ostdeutsche Element. Ich glaube, die wirkliche deutsche Wiedervereinigung steht noch aus: die zwischen West- und Ost- und Fremddeutschen.

Leute wie Sie sind angekommen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Aber wie steht es um die vielen anderen türkischer Herkunft?

Schriftsteller oder Filmemacher taugen nicht als Beispiele für gelungene Integration. Der Prozentsatz an deutschstämmigen Deutschen, die im Kultursektor arbeiten, sagt auch nichts über die Deutschen aus.

Immerhin, Sie werden auf der Straße von Jugendlichen begrüßt. Sind Sie ein Vorbild für junge Deutschtürken?

Als doppelter Studienabbrecher? Ich bitte Sie! (lacht) Ich halte viel von Liebenswürdigkeit und bürgerlichen Benimmregeln. Es ist für mich selbstverständlich, einer Frau in den Mantel zu helfen und Feuer zu geben. Ich halte auch viel vom westlich-abendländischen Begriff der Freiheit. Und ich bin ein entspannter, begeisterter Deutscher – aber sicher kein Vorbild.

Sie sprechen von der Erfolgsgeschichte der Integration türkischer Zuwanderer. Was macht Sie so sicher angesichts ghettoähnlicher Wohnquartiere in unseren Großstädten und schlechter Aufstiegschancen für junge Türken?

Ich weiß, man hält mich für naiv, für einen Krieger gegen die Empirie, wie Ralph Giordano gesagt hat. Aber ich rate denen, die vorschnell von der gescheiterten Integration sprechen, vom Feldherrnhügel ihrer Betrachtungen herabzusteigen und sich die Details anzuschauen. Wenn eine türkische Gastarbeiterin in Rente geht, eine Änderungsschneiderei eröffnet und im Kleinen erfolgreich ist, dann ist das ein Beispiel für gelungene Integration. Dass mein Vater, der Lederarbeiter war und als Übersetzer zwischen türkischen Arbeitern und der Unternehmensleitung vermittelte, später im türkischen Konsulat arbeitete – ist das etwa keine Erfolgsgeschichte? Und dass meine Mutter von einer Putzfrau zur Woolworth-Angestellten aufstieg – das sind typische Geschichten für die Einwanderer der ersten Generation, denen gar nichts Besseres passieren konnte als Deutschland.

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler spricht im fünften Band seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ mit Blick auf die türkischen Zuwanderer von einem „ethnischen Subproletariat“.

Ich rate Herrn Wehler, einen Wein zu trinken und den Mund zu halten. Wenn die Stammtisch-Theoretiker der misslungenen Integration sich die Mühe machen würden, mit offenen Augen durch deutsche Städte zu gehen, würden sie merken, dass Integration ein langwieriger Prozess ist und das deutsche Modell eines der ganz kleinen Schritte.

Sie haben einmal geschrieben, entscheidend für das Gelingen der Integration seien Jobs, Deutsch, Regeln und freie Religion. Warum tun sich viele Muslime so schwer mit den Regeln einer liberalen Gesellschaft?

Ich wehre mich gegen die These, dass die Schwierigkeiten der Integration mit dem Islam zu tun haben. Das größte Bollwerk gegen den Islamismus sind die Abertausenden Moschee-Vereine mit ihren gläubigen Muslimen. Diese Menschen sind in ihrer erdrückenden Mehrheit einfach nur fromm. Sie verdienen es nicht, als Zivilisationsbremsen oder Volltrottel der Moderne hingestellt zu werden.

Was halten Sie dann von Günter Wallraffs Vorschlag, in einer Moschee aus Salman Rushdies Roman „Die Satanischen Verse“ zu lesen?

Ich habe großen Respekt vor Günter Wallraff, aber solche Ideen gehören auf den Jahrmarkt. Mit Aufklärung haben sie nichts zu tun. Eine Moschee ist ein Gotteshaus, das die Menschen besuchen, um zu beten – und nicht, um von Kulturkämpfen behelligt zu werden.

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