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Fiat Deutschland "Wir setzen den Wachstumskurs der letzten Jahre fort"

Manfred Kantner, Deutschland-Chef des italienischen Autobauers Fiat, über außergewöhnliche Verkaufszahlen, das teure Flottengeschäft, die Zukunft der Fiat-Marke Lancia und Fiats Zurückhaltung bei Elektroautos.

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Fiat-Deutschland-Chef Manfred Kantner

WirtschaftsWoche: Herr Kantner, Fiat zählte zu den großen Profiteuren der Abwrackprämie. Was erwarten Sie vom laufenden Jahr?

Kantner: Im vergangenen Jahr ist der gesamte deutsche Markt um rund 700.000 Einheiten auf 3,8 Millionen Einheiten gewachsen. Das Wachstum kam fast ausschließlich aus dem Privatkundenbereich, und da vor allem aus dem Kleinwagen- und dem C-Segment. Viele Kunden haben ihre Käufe aus 2010 und 2011 vorgezogen. Deshalb muss man davon ausgehen, dass in diesem Jahr die Privatkundenverkäufe in diesen Autoklassen rückläufig sein werden. Wir rechnen mit einem Gesamtmarkt von 2,6 bis 2,8 Millionen verkauften Fahrzeugen in Deutschland.

Was bedeutet das für ihren Marktanteil?

Die Fiat-Gruppe ist in Deutschland in den letzten Jahren ständig gewachsen. Im Jahr 2008 hatten wir bei der Volumenmarke Fiat einen Marktanteil von 2,9 Prozent, im letzten Jahr waren es vier Prozent. Dieses plötzliche Wachstum verdanken wir aber nicht nur ausschließlich der Sonderkonjunktur durch die Abwrackprämie, sondern auch der Tatsache die richtigen Angebote zu haben. In diesem Jahr werden wir nicht die Verkäufe des letzten Jahres erreichen können. Unser Ziel für 2010 ist daher ein Marktanteil, der bei etwas über drei Prozent liegt und damit in einem kleiner werdenden Markt ein nachhaltiges Wachstum schafft. Damit setzen wir auch den Wachstumskurs der letzten Jahre fort. Im laufenden Jahr sollte man sich nicht zu sehr auf die Stückzahl konzentrieren – sondern auf das Stück vom Kuchen, das man sich abschneiden kann.

Und wie sieht es mit der Marktentwicklung abseits der Privatkunden aus?

Der Flottenmarkt insgesamt wird kaum wachsen – doch der Anteil des Flottenmarktes wird größer, weil der Gesamtmarkt kleiner wird. Allerdings ist der Flottenmarkt ein sehr teurer Markt. Geschäftskunden, die große Fuhrparks bestellen, erwarten einen entsprechend hohen Preisnachlass. Wenn der Markt kleiner wird, tendieren manche dazu, sich mit überhöhten Nachlässen Marktanteile zu kaufen. Das ist nicht unsere Strategie. Wir wollen natürlich auch Flottenkunden bedienen, aber unsere Fahrzeuge nicht um jeden Preis verkaufen.

Die Zeit der Rabattschlachten ist bei Fiat also vorbei?

Wir werden keine besonders hohen Nachlässe geben, sondern versuchen den Markt nachhaltig zu bearbeiten und die Kunden von der Qualität, dem Design und der Umweltverträglichkeit unserer Produkte zu überzeugen. Aber auch wir können uns dem Preiswettbewerb nicht völlig entziehen. Für unseren Privatkundenbereich haben wir zu Jahresbeginn Programme in diese Richtung aufgelegt. Ein Beispiel dazu: der Fiat Punto Evo kostet mit ESP und sieben Airbags derzeit 9.990 Euro. Damit ist dies  kein nacktes Modell, sondern ein mit allen wichtigen Sicherheitsfeatures ausgestattetes Produkt zu einem wirklich fairen Preis. Ich denke, das wird sich auch durchsetzen.

Einer von Fiats Aushängeschildern ist der Kleinwagen 500. Bei Verkaufsstart in Deutschland gab es Lieferschwierigkeiten. Sind diese nun behoben?

Der Erfolg des Fiat 500 lag deutlich über unseren Erwartungen. Deshalb mussten Kunden in der Anlaufphase etwas länger warten. Wir haben unsere Produktionskapazitäten aber sukzessive hochgefahren. Dadurch haben wir jetzt die üblichen Lieferzeiten von rund zwei Monaten.

Seit kurzem gibt es den 500er auch als Cabrio. Wie gut wird es von den Kunden  angenommen?

In Deutschland haben wir im letzten Jahr rund 24.000 Cinquecentos verkauft. Seit Herbst 2009 verkaufen wir zudem das Fiat 500 Cabrio, auf das auf Anhieb rund 30 Prozent der Fiat 500 Modellreihe entfallen. Das ist ein Fahrzeug, das rundherum Spaß macht. Welches Auto gibt es denn, mit dem sie an der Ampel stehenbleiben und der Nachbar ihnen freundlich zuwinkt?

Zum Fiat-Konzern zählt auch die Marke Lancia, die seit Jahren Probleme hat. Zwischenzeitlich gab es auch Spekulationen, Fiat wolle die Marke aufgeben. Wie läuft es denn für Lancia in Deutschland?

Im letzten Jahr haben wir rund 3.500 Lancias in Deutschland verkauft. Wir sprechen dabei über eine sehr kleine, aber auch sehr feine Marke. Sie bedient eine ganz spitze Zielgruppe und passt gut in unser Markenportfolio. Fiat arbeitet derzeit sehr intensiv daran, wie sich die Marke in Zukunft entwickeln wird. Es ist aber noch zu früh, um hier konkrete Aussagen zu treffen. Europaweit verkaufen wir durchschnittlich 120.000 bis 130.000 Einheiten pro Jahr. An Modellen steht der neue Ypsilon quasi ante portas. Er ist für Anfang nächsten Jahres geplant. Mitte April stellt Fiat seinen nächsten Fünf-Jahres-Plan vor, da werden wir alle mehr Transparenz in Bezug auf die zukünftigen Ziele haben.

Apropos Zukunft: Wie sehen denn Fiats Planungen für den Bereich Elektro- und Hybridautos aus?

Wir machen das, was alle anderen Hersteller auch machen: Wir entwickeln mit Nachdruck, zukunftsfähige Antriebe. Fiat ist unter den Massenherstellern die Automarke, die den niedrigsten Flottenausstoß in Europa ausweist. Wir liegen bei 129 Gramm CO2 je Kilometer. Damit sind wir die einzige Marke, die den ab 2015 geltenden EU-Grenzwert von 130 Gramm CO2 über die gesamte Autoflotte erfüllt. Auf dem deutschen Markt bieten wir in sechs Modellreihen insgesamt 40 Versionen an, die lediglich 120 Gramm CO2 pro Kilometer oder sogar weniger ausstoßen.

Wir dürfen nicht den Fehler machen, bestehende Technologien zu vernachlässigen, weil wir in absehbarer Zeit uns mit neuen Antrieben auseinandersetzen müssen. Kurzfristig werden wir mit Verbrennungsmotoren zu tun haben, die noch verbrauchsärmer sein werden. Fiat bietet zum Beispiel seit kurzem die Motorentechnologie MultiAir in seinen Volumenmodellen an. Diese Technologie senkt den Benzinverbrauch deutlich, ohne den Fahrspaß zu verringern. In der zweiten Hälfte dieses Jahres wird Fiat einen „Twin-Air“ genannten Zweizylinder-Benzinmotor mit MultiAir-Technologie herausbringen, der unter 100 Gramm CO2 pro Kilometer ausstößt-  und das bei einem akzeptablen Aufpreis.

Viele ihrer Konkurrenten haben Feldversuche mit Elektroautos gestartet. von Fiat hört man in diesem Bereich wenig. Warum?

Wir arbeiten ebenfalls mit Nachdruck an der Elektromobilität. Doch wir reden weniger darüber als andere Hersteller. Ich bin immer wieder verwundert darüber, welcher Hype derzeit um Elektroautos gemacht wird. Es wird noch fünf bis zehn Jahre dauern, bis Deutschland eine passende Infrastruktur für Elektromobile aufgebaut hat. Alle Elektromobil-Protagonisten wissen, dass bereits morgen Kunden in die Schauräume kommen könnten und ein entsprechendes Fahrzeug kaufen möchten. Fakt ist aber: Elektroautos, mit vernünftiger Reichweite und uneingeschränkter Alltagstauglichkeit bei vertretbaren Kosten kann derzeit niemand anbieten.

Und wie weit ist Fiat von der Serienreife bei seinen Elektroantrieben entfernt?

Fiat hat eine ganze Reihe an Versuchsmustern mit Elektroautos am Laufen. So gibt es etwa eine Kooperation mit dem Flughafen Turin, auf dem elektrisch angetriebene Fahrzeuge eingesetzt werden. Vor kurzem ist Fiat zudem noch eine Kooperation mit einem Speicherhersteller eingegangen, der auf Lithium-Ionen-Akkus spezialisiert ist. Und auf der Automesse in Detroit hat Fiat auch eine Studie des Cinquecento mit Elektroantrieb vorgestellt. Doch unser Ansatz ist es, diese Technologie zuerst zur Serienreife zu entwickeln und nicht Erfahrungen auf dem Rücken der Käufer zu machen. Da müssen die Kunden noch ein wenig Geduld haben.

Warum sind Elektroautos für Fiat zurzeit ein untergeordnetes Thema?

Elektroautos sind für Fiat definitiv kein untergeordnetes Thema, aber man darf nicht den Fehler machen, den Elektroantrieb zum Allheilmittel für die Mobilität der Zukunft zu erklären. Wir werden uns schon noch einige Jahre mit dem Verbrennungsmotor auseinandersetzen müssen.

Die kritischen Kriterien bei Elektroautos sind bekanntermaßen derzeit Batteriegewicht, allgemeine technologische Probleme, geringe Reichweite und hohe Kosten. Ich habe Zweifel daran, dass Kunden bereit sind solche Fahrzeuge zu akzeptieren, solange nicht diese Kernprobleme gelöst sind.

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