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Filmkritik "Der Baader Meinhof Komplex": Kultureller Totalverlust

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Es kommentiert WirtschaftsWoche-Chefreporter Dieter Schnaas

Was die Opfer quält, haben nie eindringlicher die Geschwister Gerold von Braunmühls, einen Monat nach dessen Ermordung am 10. Oktober 1986, zu Papier gebracht: “Was wolltet Ihr mit diesem Mord erreichen? Was sind Eure Ziele, und was glaubt Ihr, wird passieren, wenn Ihr so weitermacht?” (zitiert aus: “An die Mörder unseres Bruders”, tageszeitung vom 7.11. 1986). Es sind diese Fragen nach den Beweggründen, diese Fragen, auf die es nie eine endgültige Antwort geben wird, diese Fragen, denen der “Baader-Meinhof-Komplex” so konsequent ausweicht, die immer wieder neu gestellt werden müssen - auch wenn das Feuilleton ihrer noch so satt und überdrüssig ist - so sehr, dass es frühe Versuche einer Verständigung in den ideologisch versteinerten 70er Jahren als “Heinrich-Böll-Kitsch” denunziert und heute lieber einen “Film über die Liebe” sehen will (Schirrmacher). Ihnen, den scheinheilig Wetterfesten von damals und den postmodernen Chefironikern von heute, hat Böll am 10.01.1972 (“Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit”) ins Stammbuch geschrieben, “etwas glattzüngige Mechaniker” zu sein, “die alles gut und das meiste besser wissen, im Vollgefühl ihrer Etabliertheit hin und wieder mit gelinder Wehmut sich nach Ideologie sehen…, ein bisschen zu wenig Ideologie, Weltanschauung, Metaphysik in Erinnerung…”

Dass es damals viel zu viel Weltanschauung gab und viel zu wenig Gelassenheit und Zuversicht - geschenkt. Die zentralen Fragen aber, warum sich 1967/1968 die ideologischen Fronten versteinerten und warum kaum vier Jahre später sechs (Terroristen) gegen 60.000.000 (Bürger) standen (Böll), warum der rigorose Moralismus in moralischen Rigorismus umschlug, der antiautoritäre Reflex in die “Propaganda der Tat”, die idealistische Hoffnung in die sinnlose Gewalt, warum eine ethisch eifernde Adoleszenz halb willentlich, halb ahnungslos (und schließlich vollständig besessen) der Welt entrückte und der persönlichen Hybris erlag, warum sie ihre Intelligenz einer halsbrecherischen Dialektik opferte und ihrem Humanismus zugunsten trivialmarxistischer Dogmen entsagte, warum schließlich wenige in die Brutalität hinein gerieten, um schließlich im Firlefanz eines lächerlichen Märtyrerkults zu enden - diese Fragen blendet der Film einfach aus. Bruno Ganz alias BKA-Chef Horst Herold darf sie im “Baader-Meinhof-Komplex” nur höchst verschämt und schwundstufenhaft stellen. Die Antwort des Drehbuchs darauf zeigt sich in der Reaktion des Regierungsbeamten: Schulterzucken - wen interessiert’s?

Und so erfährt der Zuschauer nichts von Peter Urbach, dem Spitzel des Berliner Verfassungsschutzes, der Kommunarden und Krawallmacher, von denen einige später unter dem Namen RAF firmierten, mit Waffen und Sprengstoff versorgte - ganz offensichtlich, um die Situation auf die gewünschte Spitze zu treiben. Nichts von der eskalierenden Rolle der stets erregungsbereiten Springer-Presse, die genüsslich ihren vorverurteilenden Sud gegen die “Gesinnungslumperei” anrührte und den Widerstand gegen den Widerstand organisierte: “Man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen… Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt!” (Bild vom 7. Februar 1968). Man erfährt nichts vom intellektuellen Schlussverkauf einer zur Flagellanz neigenden Schriftstellerei, die Che Guevara zum “vollkommensten Menschen unserer Zeit” (Sartre) verklärte und den Mythos von der in Deutschland stattzufindenden Weltrevolution gegen den imperialistischen Faschismus erst begründete: “Sind wir mitschuldig an diesem Tod? Sind wir Verräter?”, geißelt sich Peter Weiss nach Guevaras Tod und: “Er zeigte: Das einzig Richtige ist, ein Gewehr zu nehmen und zu kämpfen”. Man erfährt nichts von den stillen Sympathisanten, die sich zwei, drei Jahre später beim Sektempfang damit brüsteten, der Ulrike und der Gudrun für eine Nacht ihre Wohnung…

Schlimmer noch: Man erfährt nichts von den kulturellen Vorbedingungen des Terrorismus, der in Futurismus, Dadaismus, Surrealismus und Situationismus jahrzehntelang künstlerisch durchgespielt worden war, Nichts von Robespierre (“Tugend ohne Terror ist machtlos”), Johannes Most (“Philosophie der Bombe”), Franz Fanon, Guy Debord, die dem Terrorismus als Befreiung von staatlichem Terror rhetorisch den Weg bereiteten. Nichts vom internationalen Kontext des deutschen Terrorismus, von Vietnam, Kuba, Palästina, Castro, Guevara und den Tupamaros in Uruguay, nichts von der lateinamerikanischen Stadtguerilla (Carlos Marighela), den amerikanischen “Weathermen”, der Actien Directe (Frankreich). Nichts von den Sonderbedingungen in Deutschland, vom erfolgreichen Überdauern der Nazi-Eliten in der Bundesrepublik, vom “nachträglichen Ungehorsam” gegen die Jasagerei der Eltern, vom “unterbliebenen Aufstand gegen die Diktatur”, die eine zunehmend selbstbornierte Jugend “durch chronische Aufsässigkeit gegen die bürgerliche Liberalwelt” wettmachte (Odo Marquard) - und nichts vom “totalen Verblendungszusammenhang” (Theodor W. Adorno) einer Jugend, die zunehmen verquast und geschwollen gegen den Faschismus agitierte und an der Seite der Palästinenser gegen die jüdisch-imperialistische Weltverschwörung anrannte.

Natürlich ließe sich die Liste der historischen Blindstellen beliebig fortsetzen. Die größte ist sicher, dass der RAF-Terrorismus in den 70er Jahren sich nicht nur aufgrund seiner zunehmenden Brutalität und seiner zunehmenden Engführung als Baader-Befreiungs-Aktion mit jeder Tat mehr von seinem angeblich “politischen Ziel“ entfernte, die Massen für das Fernstenleid der Dritten Welt zu interessieren, sondern dass er die zunehmende Liberalität der Bundesrepublik unter Kiesinger, Brandt und Schmidt, die flexible Aneignung jugendlicher Begehrlichkeiten, die stillen transformatorischen Prozesse in Gesellschaft und Politik leugnet. Wenn Terror eine Kommunikationsstrategie ist, weil er über Zweite (die Opfer) vor allem Dritte (die Öffentlichkeit) erreichen will, dann war der Terrorismus spätestens seit 1972 nichts als hirnloses Scheitern.

Der Film immerhin scheitert mit friedlichen Mitteln: Er stellt die Ereignisse chronologisch dar - und übersieht die politischen Prozesse. Er dröselt die Details auf - und verklumpt die Geschichte. Es ist ein Trauerspiel.

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