WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Filmpiraterie Erfolglose Jagd auf die deutschen Raubkopierkönige

Seite 2/2

Filmszene aus Sherlock Holmes Quelle: AP

Der nächste Ansatzpunkt, den Filmräubern das Handwerk zu legen, ergibt sich einige Wochen später, am 8. Juli 2008. Hollands Piratenjäger reichen Zivilklage gegen die Großrechnerfirma Euroaccess ein, mit dem Ziel, Daten über die Kino.to-Hintermänner zu erhalten. Ein Richter erlässt eine einstweilige Verfügung gegen das Unternehmen. Euroaccess muss die persönlichen Daten der Betreiber von Kino.to herausrücken. Daraus ergibt sich, dass hinter dem Portal eine männliche Person steckt, die im Raum Düsseldorf wohnt.

Noch am selben Tag stellt die GVU Strafanzeige gegen den Verdächtigen bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Als die Beamten versuchen, den Mann ausfindig zu machen, folgt die Ernüchterung: Zwar gibt es die Adresse, nicht aber eine Person mit dem angegebenen Namen.

Kino.to flüchtet nach Russland

Doch der Misserfolg hat Konsequenzen. Offenbar aufgeschreckt von der Fahndung, ändern die Kino.to-Betreiber ihre Strategie. Um auf Nummer sicher zu gehen, ziehen sie mit ihrer Internet-Seite auf Großrechner in Russland um, wo sie vor den Behörden weitgehend sicher sind. Auch sperren sie die Web-Site für russische Internet-Adressen, sodass sie innerhalb des Landes nicht erreichbar ist. Wer versucht, sie dort aufzurufen, wird auf eine Web-Site der Strato AG weitergeleitet. Das Unternehmen ist eine Tochter der Hamburger Internet-Firma Freenet, die nichts mit Kino.to zu tun hat. Damit stecken die Fahnder in einer weiteren Sackgasse. Kann die russische Polizei die Seite nicht öffnen, ermittelt sie nicht. Ohnehin ist sie beim Urheberrecht eher lax.

Dann, etwa ein halbes Jahr nach Beginn, nimmt die Jagd auf Kino.to eine überraschende Wende. Ende August 2008 meldet sich über eine russische E-Mail-Adresse bei den Piratenjägern der GUV ein Mann, der behauptet, Informationen über die Betreiber von Kino.to zu haben. Dafür verlangt er einen Millionenbetrag. In einer E-Mail schreibt er, die Betreiber würden mit ihrem Portal monatlich eine sechsstelligen Betrag einnehmen.

Die GVU ist bereit zu zahlen. Sie fordert allerdings weitere Informationen, um zu testen, wie viel der Informant wirklich weiß. Der Vorsicht erweist sich als kluger Schachzug. Die Daten sind nämlich unergiebig, die GVU lässt den Deal platzen.

Derweil versucht die Staatsanwaltschaft Düsseldorf, sich über Google an Kino.to heranzupirschen. Die Informationen des Konzerns führen die Ermittler zu einer Firma namens PAD Medianet SLU mit Sitz im spanischen Lloret de Mar. PAD Medianet ist eine Mediaagentur, die Werbung im Internet platziert. Sie bestückte via Google auch Kino.to mit Anzeigen.

Staatsanwaltschaft jagt Abzockportale

Das Unternehmen gehört einem Mann, dessen Name der GVU seit Langem bekannt ist. Sie hatte ihn früher einmal verdächtigt, ein Internet-Portal zu betreiben, auf dem Raubkopierer Filme zum Herunterladen einstellen konnten. Die Beweise reichten jedoch für eine Klage nicht aus, der Verdächtigte verschwand nach Spanien, wo er PAD Medianet SLU gründete.

Damit aber haben die Ermittler Kino.to noch immer nicht am Wickel. Die deutsche Internet-Adresse von PAD Medianet SLU ist auf jenen Paul M. eingetragen, den die GVU vergeblich in Zwickau suchte. Und auch eine weitere Adresse in Hamburg, wo der Mann laut Domainauskunft Whois zu finden sein soll, existiert nicht. Wer die angegebene Telefonnummer anruft, hört nur die Ansage, diese sei nicht vergeben. Wahrscheinlich ist selbst der Name Paul M. falsch. Ebenso ungeklärt ist, ob PAD Medianet überhaupt noch bei Kino.to Werbung schaltet.

Für die Staatsanwälte wäre das aber von Interesse. Denn durch die Werbung wird Kino.to neben dem Raubkopien- auch zum Abzock-Portal. Wer die Banner anklickt, den leitet das Portal auf Web-Seiten wie top-of-software.de weiter. Hier kann der Nutzer etwa einen Adobe Flash Player zum Anschauen von Videoanwendungen laden, den es beim Entwickler der Software eigentlich kostenlos gibt. Der Haken steckt im Kleingedruckten, wo es heißt: "Durch Drücken des Buttens 'Anmelden und zum Download' entstehen Ihnen Kosten von 96 Euro inkl. Mehrwertsteuer pro Jahr. Vertragslaufzeit 2 Jahre." Da der Nutzer Name und Anschrift angeben muss, droht ihm, dass Inkassoanwälte das Geld eintreiben.

Abzock- und Raubkopierportale wie Kino.to sind nach Einschätzung von Experten eng miteinander verwoben. Internet-Sicherheitsberater Adrian Fuchs schätzt, dass drei von 1000 Besuchern auf die Angebote hereinfallen. Seinen Berechnungen zufolge müsste Kino.to so im Jahr 3,5 Millionen Euro erwirtschaften. Auch die GVU geht davon aus, dass enge Verbindungen zwischen Abzockern und Kino.to besteht. "Das sind keine Gutmenschen", sagt Christian Sommer, GVU-Vorsitzender und oberster europäischer Filmpiratenjäger des Hollywood-Studios Warner Bros. Diejenigen, die Kino.to betreiben, täten dies, um Geld zu verdienen.

Inzwischen wächst die Hoffnung der Fahnder wieder. In den nächsten Wochen rechnen sie damit, bei ihrer Suche voranzukommen. Denn derzeit verfolgen sie zwei neue heiße Spuren.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%