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Filmpiraterie Räuber und Gendarm im Kino

Die Filmbranche kämpft gegen Millionenverluste durch Raubkopierer. Mit welchen Strategien die großen Studios ihre Kinohits vor Piraterie schützen.

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filmlager

Hinter der transparenten Kunststofftür mit dem selbst gedruckten Kein-Durchgang-für-Unbefugte-Schild ragen 24 Regale bis unter die Decke. Angelehnt steht eine alte Leiter. In den rustikalen Gestellen gestapelt liegen Tausende kreisrunder Dosen – rote, blaue, gelbe, schwarze. Ihr Inhalt: 35-Millimeter-Filmrollen für Kinos in Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bremen – das Neueste aus Hollywood.

Wo in Norddeutschland die Halle mit dem Filmlager steht, wissen nur wenige. Die zwei Frauen, die das Lager betreiben, wollen nicht einmal den Namen des Unternehmens nennen. Denn sie haften mit viel Geld dafür, dass kein Film verschwindet.

Fällt ein Blockbuster in die falschen Hände, verlieren die Filmstudios in Zeiten schneller Internet-Verbindungen Einnahmen in Millionenhöhe. Wird der Streifen illegal ins Netz gestellt, können Hunderttausende Filmfans ihn binnen Minuten herunterladen und kostenlos zu Hause anschauen, statt eine Kinokarte zu kaufen. In kürzester Zeit schwappen gefälschte DVDs auf Märkte in China und deutsche Schulhöfe.

Fast eine halbe Milliarde Euro Schaden pro Jahr

Allein in Deutschland schädigen Raubkopierer die Filmbranche jährlich um 300 Millionen Euro, wie eine Untersuchung der Universitäten Hamburg und Weimar ergab. Weltweit schätzt der US-Filmverband den Schaden auf 18 Milliarden Dollar. Für 2009 erwartet die Industrie einen weiteren Anstieg der Piraterie. Wenn die Leute durch Rezession und Arbeitslosigkeit weniger Geld haben, sparen sie am Kino, besorgen sich Filme lieber illegal im Netz.

Auf der diesjährigen Berlinale, die am Donnerstag startet, laufen erstmals auf 29 der 49 Leinwände digitalisierte Kinofilme. Die Dateien sind auf zentralen Videoservern gespeichert und verschlüsselt – zum Schutz vor Raubkopierern. Sicherheit hat Priorität: Denn 131 der 386 gezeigten Filme sind Weltpremieren. Besonders US-Streifen gelten als begehrt bei Filmpiraten.

Filmstudios wie Warner, Sony, Fox, Disney, United International Pictures und Constantin tun aber auch sonst alles, um zu verhindern, dass aktuelle Kinofilme sofort im Internet landen. Sie lassen ihre Zuschauer filzen, sie im Kino mit Nachsichtgeräten überwachen, sie liefern Filme unter Tarnnamen aus, stören Internet-Tauschnetze wie BitTorrent und heuern in der Raubkopiererszene Informanten an. Aufhalten können die Studios die hochgerüsteten Filmpiraten nur kurz. Wenige Tage nach Kinostart landet selbst der bestbewachte Blockbuster im Netz. Doch jeder Tag zählt. Denn das Startwochenende bringt an den Kinokassen das meiste Geld.

Das größte Problem der Branche sind heute nicht mehr Filmrollen, die im Lager oder auf dem Weg ins Kino verschwinden. So produzierte eine vietnamesische Bande in den Achtzigerjahren gefälschte VHS-Filmkassetten. Heute droht die Gefahr von Kinobesuchern mit Videokamera oder Diktiergerät. Erst vor wenigen Wochen flogen im Dresdner Rundkino zwei Slowaken auf, die den James-Bond-Film „Ein Quantum Trost“ abfilmten. Ein Junge und sein Vater hatten die Kamera bemerkt. Der Vater informierte das Kinopersonal, Polizisten nahmen die Männer fest – zwei angebliche IT-Spezialisten beim Test einer Videokamera. Laut Kinoleiter Dominique Nikol hatten sie sich die besten Plätze zum Abfilmen gesichert – hinten, mittig.

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