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Filmwirtschaft UFA-Chef Bauer: "Kino ist Kitt für unsere Gesellschaft"

UFA-Chef Wolf Bauer über Computerkitsch, die Renaissance des Kinos und die Zukunft der deutschen Filmförderung.

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Wolf Bauer, Vorsitzennder der Geschäftsführung der UFA Quelle: Andreas Chudowski für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Bauer, in Berlin startet die 60. Berlinale. Noch größere Schlagzeilen macht zurzeit aber ein Film, der zu einem guten Teil aus dem Computer stammt: das 3-D-Spektakel "Avatar", das mehr Geld eingespielt hat als jeder Film zuvor.  Können Sie das verstehen?

Wolf Bauer: Ja, ich habe ihn schließlich auch gesehen,  und ich bin mehr als begeistert, es war ein großes Vergnügen.

Sieht so die Zukunft des Kinos aus – digitaler Computer-Kitsch?

Ich bitte Sie, es gibt grandiosen Kitsch. Umberto Eco hat einmal einen wunderbaren Satz gesagt: 2 Klischees sind lächerlich, 100 Klischees ergreifend. In "Avatar" offenbaren sich 1000 Klischees. Offensichtlich trifft der Film den Nerv des Publikums.

Kann Hollywood das besser als der deutsche Film?

Nicht unbedingt. Es gibt in Deutschland wieder Regisseure, Autoren und Produzenten, die das breite Publikum ansprechen durch ein Kino der großen, radikal inszenierten Gefühle. Ein Film muss bewegen, berühren und begeistern. Diese Kunst beherrschen wir immer besser. Der Marktanteil deutscher Kinofilme liegt hierzulande bei 27 Prozent. Vor acht Jahren lag er noch bei zehn Prozent. Aus Umfragen wissen wir, dass die Zuschauer heute genauso gern einen deutschen wie einen amerikanischen Film sehen.

Und deshalb steigt die UFA, die Marktführer bei der Produktion von Fernsehprogrammen ist, ins Kinogeschäft ein?

Das machen wir aus zwei Gründen. Erstens: aus Liebe zum Kino. Zweitens: weil der deutsche Fernsehmarkt stag niert, das Kino hingegen Wachstumsmöglichkeiten verspricht. Wenn wir kreativ vorgehen und die notwendige Fortune haben, kann es uns gelingen, ein zusätzliches Umsatzvolumen zwischen 50 und 100 Millionen Euro jährlich zu erwirtschaften. Kino ist ein Hitgeschäft. Hits kann man zwar nicht planen. Aber wir haben ein begabtes Kreativteam zusammengebracht und wollen pro Jahr acht bis zehn Kinofilme produzieren und so die Chance erhöhen, Treffer zu landen.

Scheinbar geht das aber nicht ohne Filmförderung. Hätten Sie die UFA-Cinema auch gegründet, wenn es die Förderung nicht gäbe?

Nein. Das hätte wirtschaftlich keinen Sinn gehabt. Sie können für den deutschen Markt mit seinen begrenzten Zuschauerzahlen einen Film nicht allein finanzieren. Das war schon in den Dreißigerjahren so. Spätestens seit dem Aufkommen des Tonfilms fehlte der internationale Markt.

Wie stünde es um den deutschen Film ohne Filmförderung?

Es gäbe ihn nicht.

Wäre das so schlimm für die Kinos? Die Zuschauer würden sich dann eben "Avatar" anschauen statt der "Päpstin".

Mag sein. Aber unser Land sähe dann anders aus. Es wäre ärmer. Ärmer an gemeinsamen Erlebnissen und Geschichten. Der Film ist ein Medium, in dem sich das Publikum als Ganzes wiedererkennt, er ist ein Spiegel unseres Lebens, formt die Art, wie wir die Welt sehen. Kino ist Kitt für unsere Gesellschaft.

Dann funktioniert die Filmförderung also nach dem Muster der Theatersubventionen – und schützt ein Kulturgut?

Nur partiell. Zur kulturellen Wirkung von gemeinsamen Kinoerlebnissen kommt ja der wirtschaftliche Effekt der Förderung. Die Regionalförderung etwa dient den Bundesländern dazu, sich als Medienstandorte zu profilieren, und Produzenten erhalten nur Geld, wenn sie ein  Mehrfaches der Fördersumme in der Region investieren. Entscheidend ist, die richtige Balance zu finden zwischen der Förderung des kommerziellen und des experimentellen Films. Von den knapp über 200 deutschen Filmen, die 2009 ins Kino kamen, lockten nur etwa 25 mehr als 200 000 Zuschauer ins Kino. Das ist zu wenig. Im vergangenen Jahr haben aber immerhin zehn deutsche Filme mehr als eine Million Zuschauer gefunden. Wir sind also auf dem richtigen Weg.

Warum brauchen kommerziell erfolgreiche Filme wie "Keinohrhasen" oder "Der Baader-Meinhof-Komplex" zusätzlich Förderung?

Weil man als Produzent nie von vornherein wissen kann, ob ein Film erfolgreich sein wird. Noch einmal: Ohne das vielfältige System der Filmförderung wäre in Deutschland kein Produzent in der Lage, auch nur einen Kinofilm zu realisieren. Außerdem führt er die Förderung ja wieder zurück, wenn entsprechende Einspielergebnisse erzielt werden.

Und Qualitätskriterien spielen keine Rolle?

Doch, sicher. Über die Vergabe von Fördermitteln wird in der Regel durch eine Jury entschieden oder nach dem Intendantenprinzip. Irrtümer sind in beiden Fällen möglich. Deswegen halte ich eine automatische Förderung, wie sie der Deutsche Filmförderfonds vorsieht, als Ergänzung für sinnvoll. Das gibt den Produzenten mehr Sicherheit. Im Übrigen haben wir neben der Regionalförderung noch die Aktivitäten der Filmförderanstalt, die wohlgemerkt nicht aus Steuergeldern gespeist werden. Die Filmförderanstalt ist auf der Basis eines Bundesfilmgesetzes als ein Solidarsystem etabliert worden. Hier zahlen alle ein, die Nutznießer der Auswertung von Kinofilmen sind. Die Branche finanziert sich hier quasi selbst.

Filmszene aus Avatar: 100 Quelle: AP

Die Kinobetreiber sperren sich gegen das geltende Filmförderungsgesetz, das für die Kinos eine Zwangsabgabe, für die Fernsehsender hingegen freiwillige Beiträge vorsieht. Können Sie das nachvollziehen?

Über die rechtliche Ausgestaltung der Beitragszahlungen und deren Vereinheitlichung kann man sicher streiten. Aber das ganze Solidarsystem der Filmförderung infrage zu stellen halte ich für absurd. Mit ihrer Verweigerungshaltung sägen die Kinobetreiber an ihrem eigenen Ast. Sie sind es doch, die von der Filmförderung profitieren. Wenn es den deutschen Film nicht gäbe, wären die Kinobetreiber auf Gedeih und Verderb abhängig von der Programmschmiede Hollywood – ein hohes Risiko.

Der Filmförderfonds hat von 2007 bis 2009 mit einer Summe von 178 Millionen Euro Investitionen in einer Höhe von über einer Milliarde Euro bewirkt – was bedeutet das für die deutsche Filmwirtschaft?

Das ist ein wichtiger Impuls. Ich glaube aber, wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie daraus eine nachhaltige Strukturstärkung erwächst. Es wird schwer sein, durch diese Unterstützung der Filmwirtschaft dauerhaft auch amerikanische Großproduktionen nach Deutschland zu locken.

Das geschieht doch schon.

Ja, aber kommen die jetzt immer? Oder machen die das abhängig von den Produktionsbedingungen in Bulgarien, Ungarn oder sonst wo. Produzenten sind gnadenlose Rechner. Loyalität können Sie da nicht erwarten. Bietet ein Land bessere finanzielle Bedingungen, sind die wieder weg. Nur wenn es gelingt, in den kommenden zehn Jahren etwa zehn große Produktionsfirmen in Deutschland zu etablieren neben der Vielzahl kleinerer und mittlerer Betriebe, werden wir eine ausbalancierte Branchenstruktur haben.

Wir haben doch jetzt schon zu viele Filme.

Moment, rund 500 Filme drängen jährlich auf den deutschen Markt, das sind zehn Neustarts pro Woche. Wettbewerb kann nicht schaden. Aber wir haben vielleicht zu viele Filme, für die sich das Publikum nicht interessiert. Das hat auch mit der Haltung der Macher zu tun und mit der kuriosen Unterscheidung von E- und U-Kultur. Ich finde jedenfalls die Forderung, dass von den knapp 200 deutschen Filmen wenigstens 50 von mehr als 250.000 Zuschauern im Kino gesehen werden sollten, nicht vermessen.

Demnächst starten Ihre beiden ersten Kinoproduktionen "Teufelskicker" und "Hanni und Nanni" – wie viele Zuschauer peilen Sie an?

Das ist Familienunterhaltung. Wenn die gut gemacht ist, kann man über eine Million Zuschauer erreichen, die am Ende wissen: Sie haben ihre Zeit nicht sinnlos im Kino verbracht, sondern sind inspiriert und bereichert worden.

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