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Finanzberater AWD: Carsten Maschmeyer

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Die Mutter ist streng, der spätere Stiefvater, ein Blaupunkt-Ingenieur, distanziert. Wenn die Mutter Fehler in seinen Hausaufgaben findet, zitiert sie ihn vom Sportplatz herunter, dem Lieblingsort des Jungen. Sport ist für Maschmeyer das Ventil, Druck abzulassen. Und so läuft und läuft und läuft er. Wird Bezirksjugendmeister im Mittel- und Langstreckenlauf. Noch heute joggt Maschmeyer fast jeden zweiten Tag. 

Eigentlich wollte Carsten Maschmeyer Arzt werden, Sportarzt. Ein Urlaub nach dem Abitur im Herbst 1978 kam ihm dazwischen. Am Strand von Tunesien baute er eine Sandburg. Zwei Meter weiter buddelte der Bundesbahnbeamte und nebenberufliche OVB-Berater Jürgen Kosian. Der ködert ihn: „Willst du mit sechs Stunden Arbeit pro Woche 4000 Mark im Monat verdienen?“ Maschmeyer sagte sich: Wenn nur die Hälfte davon stimmt, habe ich im Lotto gewonnen. Und wenn nur ein Zehntel stimmt, ist es immer noch nicht schlecht. Seine Mutter arbeitete damals als Sekretärin im Schulamt für weniger Geld mehr als sechs Stunden – und zwar am Tag. 

Medizinstudium kam zu kurz

Maschmeyer erwies sich als Verkaufsgenie, die Finanzberatung als Goldgrube. Dabei kam das Medizinstudium zu kurz. Im Frühjahr 1982, kurz vor dem Physikum, musste er die Universität in Hannover verlassen, weil er zu oft gefehlt hatte. „Ein Schock“, sagt er. Jetzt hieß es erst recht: verkaufen, verkaufen, verkaufen. 

Und das tat er. Mit 24 Jahren wurde Maschmeyer der jüngste Landesdirektor beim OVB, die höchste Stufe in der Hierarchie. Zu dem Zeitpunkt verdiente er etwa 200 000 Mark im Monat, manchmal auch das Doppelte. Beim OVB lernte Maschmeyer seine spätere Frau Bettina kennen, sie heuerte als seine persönliche Assistentin an. Bettina Maschmeyer ist sportlich wie er, war deutsche Jugendmeisterin im Flossenschwimmen. Wer beim AWD heute eine Spitzenposition will, muss erst das Abendessen mit ihr bestehen. Den Bewerbern sagt Maschmeyer immer: „Wenn ich morgen gegen einen Baum fahre, müssen Sie auch mit meiner Frau klar kommen.“ 

Als der OVB von der Versicherungsgruppe Deutscher Ring übernommen wurde, stieg Maschmeyer 1987 mit millionenschwerer Abfindung aus. Im Frühjahr 1988 gründete er den AWD. 150 OVB-Leute gingen mit ihm. Groß wird der AWD über den so genannten Strukturvertrieb. Ein Strukki verdient umso mehr Geld, je mehr neue Berater er wirbt. Unten schleppen Einsteiger und Nebenerwerbsvertreter die Kunden an, oft Familienmitglieder und Freunde. Oben verdienen die Führungskräfte an jedem Abschluss mit. „Ich habe mir das Modell nicht ausgedacht“, sagt Maschmeyer. Er habe nur kopiert, was er in der Branche gelernt hat. 

Angesichts der Kritik von Verbraucherschützern beginnt Maschmeyer in den Neunzigerjahren, das System auf Seriösität umzustellen. Sein Ziel: der Börsengang. Maschmeyer investierte in die Ausbildung seiner Leute, erarbeitete mit der Passauer Hochschule ein Trainingskonzept. Noch vor zehn Jahren machte der AWD 30 Prozent seines Umsatzes mit Produkten vom ungeregelten Markt. Heute sind es weniger als vier Prozent. 

Mit Nebenberuflern arbeitet der AWD nach eigenen Aussagen seit 2001 nicht mehr. Maschmeyer hat umgestellt auf ein Franchisesystem mit freien Handelsvertretern, die exklusiv für ihn tätig sind. Bereut er die ruppigen Methoden von füher? Nicht wirklich. „Der ganze Markt funktionierte damals so. Hätten wir gearbeitet wie heute, wären wir in Schönheit gestorben.“ 

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