WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Finanzkrise 2.0? Bedrohung durch Banken

Wie gut und vor allem wie schlecht ist es tatsächlich um Europas Banken bestellt? Die aktuellen Einschätzungen bieten alles von Verharmlosung bis zum Panikszenario.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Banken in Frankfurt Quelle: dpa

Der jüngste Hieb gegen den labilen Bankensektor kam ausgerechnet von der Europäischen Bankenaufsicht EBA. Sie sorgt sich um die Ausstattung der Banken mit liquiden Mitteln. Stichproben bei den Banken hätten Grund zur Sorge ergeben, aber noch gebe es keine Notsituation. Ob die vorübergehende Entwarnung auch auf Stichproben fußt, bleibt unklar.

Kontrolle der Liquiditätsausstattung

Dazu, wie es um die großen, vermeintlich systemrelevanten Banken bestellt ist, weichen die Einschätzungen weit auseinander. Die neue europäische Bankenaufsicht hat die nationalen Aufseher angewiesen, die Liquiditätsausstattung der Geldhäuser zu kontrollieren. EBA-Chef Adam Farkas sagte der „Financial Times Deutschland“, die nationalen Aufseher sollen die Geldversorgung der Banken überwachen und Rückmeldungen dazu geben, Der Exekutivdirektor der in London ansässigen EBA, Adam Farkas, sagte weiter, die Aufsicht sei sich bewusst, dass die Versorgung mit Liquidität für eine Reihe von Instituten derzeit schwierig sei. „Die Verfügbarkeit von Kapital, die Möglichkeit für Banken, sich mittel- und langfristig zu finanzieren und sich kurzfristig Geld zu leihen, sind Grund zur Sorge“, erklärte der Aufseher. Er schränkte allerdings ein: „Aber es stellt noch kein Risiko dar, und auch keine Notsituation.“

Stresstest erst in 2013

Schon vor Monaten hat die EBA die 27 nationalen Aufseher ermahnt, die Bankenüberwachung voran zu treiben. Die EBA selbst werde jedoch frühestens 2013 in der Lage sein, europäische Banken systematisch einem Stresstest für Liquidität zu unterziehen. Trotz klaren politischen Mandats gebe es noch keine einheitliche Methode oder Infrastruktur. Allen voran fehlten einheitliche Datensätze. „Wir haben die Ambition, es zu machen und die Strategie dazu. Trotzdem sind wir noch nicht einmal auf halbem Weg, und brauchen noch mindestens ein Jahr, für die notwendigen Details, Granularität und Methoden, das regelmäßig zu tun“, ergänzte der Ungar.

Die Lage ist also schwierig, obwohl die Aufseher sie nicht genau kennen. War nach dem zweiten Bankenstresstest nur von drei Milliarden Euro die Rede, die die getesteten Banken zum Schutz vor einer neuen Krise benötigen, scheint diese Zahl heute niemand mehr Ernst zu nehmen. Es klang schon alarmierend, als vor wenigen Tagen die Europäische Zentralbank (EZB) meldete, die Geschäftsbanken hätten ihre Übernacht-Einlagen bei der EZB auf den höchsten Stand seit mehr als einem Jahr hochgeschraubt, knapp 170 Milliarden. Ein klares Indiz dafür, dass sich die Banken untereinander weniger Geld leihen, weil sie sich gegenseitig nicht so recht über den Weg trauen – zumal sich die Banken untereinander höhere Zinsen gutschreiben als die EZB. Nach der Lehman-Pleite 2008 war die kurzfristigen Einlagen auf rund 400 Milliarden Euro angewachsen.

Erzwungene Kapitalspritzen

Noch beunruhigender klangen die Einschätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF). Zum Wochenbeginn warnte der IWF vor einem Kapitalloch bei europäischen Instituten in der Größe von 200 Milliarden Euro. Börsenanalysten gingen bislang nur von einem halb so großen Bedarf der Banken aus. Um einer neuen Krise vorzubeugen, forderte der IWF sogar Zwangskapitalspritzen für Europas Geldhäuser.

Kein Druck auf Banken

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann – in Personalunion auch Chef des mächtigen internationalen Bankenverbandes IIF, schlug in die gleiche Kerbe: Er fühle sich an die Marktbedingungen Ende 2008 erinnert. Damals kam nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers der Interbankenmarkt zum Stillstand, die Staatengemeinschaft musste mit Milliarden den Bankensektor stützen. „Es ist offenkundig, um nicht zu sagen: eine Binsenweisheit, dass es zahlreiche europäische Banken nicht verkraften würden, müssten sie die im Bankbuch gehaltenen Staatsanleihen auf Marktwerte abschreiben“, sagte Ackermann am vergangenen Montag. Er forderte die Politiker auf, eine Wiederholung der Finanzkrise zu verhindern. Weiterer Druck auf die Banken zur Verbesserung der Kapitalbasis würde die bestehenden Maßnahmen jedoch unglaubwürdig erscheinen lassen, warnte er weiter. Das hört sich an, als sei Druck auf Griechenland, Portugal, Spanien, Irland und Italien völlig in Ordnung, Druck auf die sensiblen Banken eher nicht.

Andererseits gab der Bankenverband IIF auch wieder Entwarnung, was den Kapitalbedarf der Banken angeht. Durch die Verschiebung der erhöhten Eigenkapitalregeln (Basel III) durch die Aufsichtsbehörden auf das Jahr 2018 müssten die Banken bis 2015 nur 15 Prozent des bislang erwarteten Kapital durch die Ausgabe langfristiger Anleihen finanzieren.

Auch Jon Peace von der Großbank Nomura International hat die potenziellen Kapitallücken für europäische Banken berechnet – unter verschiedenen Szenarien. Im günstigsten Fall benötigen die Banken demnach nur, was den Mindestanforderungen von Basel III entspricht. Im Falle einer moderaten Rezession ohne Abschreibungen der Banken auf Staatsanleihen schätzt Peace den Kapitalbedarf der Geldhäuser auf 285 Milliarden Euro. Sollten die Kurse der Staatsanleihen aus Europas Peripherie nur um zehn Prozentpunkte nachgeben, würde sich der Kapitalbedarf um 60 Milliarden erhöhen.

Optimistische Einschätzung

Für den schlimmsten Fall einer Staatspleite, schätzt der Nomura-Analyst ein Anschwellen der Kapitallücke auf 675 Milliarden Euro. Das entspräche zwei Dritteln des Kernkapitals der Banken. Aber dennoch bleibt Peace bei einer optimistischen Einschätzung für die europäische Bankenbranche.

Der Druck auf die Banken kommt aber auch ohne zutun der Politiker: Die Rating-Agentur Standard & Poor’s bescheinigte der Hälfte der fünfzig größten Banken Europas einen negativen Ausblick für ihr Langfrist-Rating. Für einen funktionierenden Interbankenmarkt ist das Gift. Die Bonitätsprüfer rechnen damit, dass viele Geldinstitute ihre „riskanten Vermögenswerte“ deutlich reduzieren werden, um den Anforderungen von Bankenaufsicht und Gläubigern zu entsprechen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%