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Finanzkrise Banken bleiben unter Druck

Trotz aller Rettungsaktionen – die Banken bleiben langfristig gewaltig unter Druck. Denn nun leiden auch bislang stabile Geschäfte.

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Der Vorstandssprecher der Quelle: AP

Als der Chef einer Unternehmensberatung aus der Nähe von München kürzlich sein Geschäftskonto überprüfte, staunte er nicht schlecht.

Für eine nach seinen Angaben bislang kostenlose Überweisung aus der Schweiz in Höhe von 58.000 Euro kassierte seine Bank, die zur italienischen UniCredit gehörende HypoVereinsbank (HVB), eine Gebühr von 58 Euro. Auf seine Anfrage schrieb ihm sein Kundenbetreuer: „Den meisten, die derzeit in der Finanzbranche tätig sind, geht es meines Erachtens nicht sehr gut.“ Und weiter: „Obwohl die UniCreditGroup eine der finanzstärksten Banken weltweit ist, kann sie sich den Ereignissen nicht ganz entziehen.“

Nach dieser Entschuldigung verwies der Banker auf eine seit dem 22. September gültige Preisliste. Und empfahl, teilweise Geldanlagen an die HVB zu übertragen, dann seien Sonderkonditionen frei verhandelbar.

Der Unternehmensberater, ein langjähriger Kunde, reagierte empört auf die „skandalöse Geschäftspolitik, die Finanzkrise als Ausrede für Gebührenerhöhungen zu nehmen“. Die HVB gibt an, dass es sich um eine seit Jahren gültige Standardgebühr handele und dass die nicht erhöht worden sei. Der Kunde will trotzdem seine Verbindung kappen: „Ich habe jedes Vertrauen in die Bank verloren.“

Wie der Bayer reagieren derzeit viele Kunden gereizt, das Misstrauen gegenüber der Finanzbranche sitzt allen staatlichen Rettungsaktionen zum Trotz tief. „Vertrauen ist schnell verspielt, aber es dauert lange, es wieder zurückzugewinnen“, stöhnt ein ratloser Frankfurter Top-Banker.

Sämtliche deutsche Banken gerieten deshalb in der vergangenen Woche an den Börsen erneut unter Druck. Am Donnerstagabend notierten die Aktien der Postbank 19 Prozent, die der Commerzbank 25 Prozent und die der Deutschen Bank sogar 32 Prozent unter dem Kurs vor einer Woche.

Die Gründe für die Rutschpartie liegen auf der Hand: Zunächst waren es Abschreibungen auf Kreditpakete, die die Bankbilanzen belasteten. Aktuell sind es die gravierenden Probleme bei der Beschaffung von Mitteln bei anderen Banken zur Finanzierung von Verbindlichkeiten, die weltweit Institute an den Rand des Kollaps oder darüber hinaus treiben.

Hinzu kommen immer stärkere Zweifel an der zukünftigen Geschäftsentwicklung. Dass das Investmentbanking auf absehbare Zeit weit weniger abwerfen wird als in den Boomjahren, ist seit Langem bekannt. Doch zunehmend verdüstern sich auch die Aussichten im traditionellen Geschäft mit Privat- und Firmenkunden.

Unter Druck geraten damit auch die von Bankchefs als „stabile Bereiche“ gepriesenen Geschäftsfelder.

Die Prognosen werden derzeit nach unten korrigiert“, sagt Jens Wöhler, Banken-Experte bei der Unternehmensberatung Kienbaum. „Die Krise hinterlässt deutliche Spuren.“ An Einlagen verdienen die Banken nur wenig. Dabei ist das Geschäft mit Tages- oder Festgeld das einzige, das derzeit noch wirklich läuft. Kredite dagegen werden restriktiv vergeben.

Und das provisionsträchtige Geschäft mit Wertpapieren liegt bei einigen Banken nahezu brach. Bei der Dresdner Bank etwa sank der Provisionsüberschuss im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorjahr von 789 auf 558 Millionen Euro.

Auch das Jahresendgeschäft dürfte eher dürftig ausfallen. Viele Banken hatten hier große Erwartungen in den Absatz spezieller Angebote zur Abgeltungsteuer gesetzt, die ab Januar fällig wird. Doch da die Kunden ihr Geld derzeit lieber in Tagesgeld anlegen, ist der einheitliche Steuersatz auf Zinsen von 25 Prozent für viele attraktiv. „Es gibt natürlich eine Nachfrage nach entsprechenden Produkten“, sagt ein hochrangiger Bankmanager, „aber den großen Boom sehe ich hier nicht mehr.“

Hinzu kommt, dass sich alle Banken zeitgleich geballt auf die Privatkundschaft stürzen und ihre Expansion in die traditionellen Geschäftsfelder vorantreiben. Attraktiv ist dieses Feld vor allem wegen der damit verbundenen Einlagen, die die Banken unabhängiger von der Finanzierung über den Kapitalmarkt machen. Auf einer Investorenkonferenz am vergangenen Mittwoch läutete etwa Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann die „nächste Phase“ der Wachstumsstrategie für das Privat- und Firmenkundengeschäft seines Hauses ein.

Bis 2012 will der zuständige Vorstand Rainer Neske den Gewinn vor Steuern auf etwa zwei Milliarden Euro nahezu verdoppeln und die Effizienz deutlich verbessern. Dafür will er in Deutschland, Italien und Polen Stellen in der Verwaltung streichen, qualifizierte Berater einstellen und das Filialnetz ausbauen. In die ehrgeizige Planung ist der Zukauf der Postbank nicht eingerechnet. Die Commerzbank buhlt so sehr um Kunden, dass sie ein Startguthaben von 75 Euro für jedes neue Girokonto verschenkt.

Schnelle Besserung können die Geschäftsbanken nicht erwarten. Dafür haben sie zu viel mit dem bisherigen Geschäft und Gerüchten zu kämpfen.

Die Commerzbank leidet unter ihrer Tochter Eurohypo, die wie die Hypo Real Estate im Immobilien- und Staatsfinanzierungsgeschäft engagiert ist. Nach dem Zusammenbruch des Konkurrenten machte das Gerücht die Runde, auch die Eurohypo habe Refinanzierungsprobleme. Das gesamte Geschäft sei fristengerecht finanziert, beteuern seitdem die Commerzbanker. Tatsächlich finanziert sich die Eurohypo auch über das Mutterinstitut und dessen Einlagen. In der derzeitigen Marktlage finden diese Erklärungen aber nur wenig Gehör.

Bei der Deutschen Bank sorgt vor allem das scheinbare Missverhältnis von Eigenkapital zur Bilanzsumme für Unruhe: Deutschlands größtes Institut bewegte Ende des ersten Halbjahrs mit einem Eigenkapital von knapp 32 Milliarden Euro zwei Billionen Euro.

Im Umfeld der Bank heißt es, diese Kennziffer sei wenig aussagekräftig. In der Tat steht die Deutsche Bank mit einer nach der gängigen Methode berechneten Kernkapitalquote von 9,3 Prozent im europäischen Vergleich stabil da.

Dennoch soll die Quote auf zehn Prozent erhöht werden. Gleichzeitig wollen die Deutschbanker ihre Bilanzsumme mittelfristig deutlich reduzieren, um Investoren zu beruhigen. Bisher gelang das nicht – Spekulationen über mögliche neue Abschreibungen, vor allem auf Kredite aus Private-Equity-Übernahmen, sorgen weiter für Unsicherheit.

Hoffnung gibt es für die Hypo Real Estate: „Eine Abwicklung ist kein Thema“, heißt es in Frankfurter Finanzkreisen. Mit dem Deutsche-Bank-Manager Axel Wieandt und dem Commerzbanker Kai Franzmeyer schicken die beiden größten Institute neues Führungspersonal nach München.

Sparkassen und Genossenschaftsbanken versuchen derweil, aus der Krise Profit zu schlagen. In einigen deutschen Städten wie etwa in Dortmund werben sie mit ihrer angeblich größeren Solidität als bei Geschäftsbanken. Slogan: „Banken-Krisen erschüttern die Welt. Aber nicht uns“.

Profilieren wollen sich die öffentlich-rechtlichen Institute gleichzeitig im Geschäft mit mittelständischen Unternehmen.

Hier möchten vor allem die angeschlagenen Landesbanken stärker mitmischen. Bei der krisengeschädigten BayernLB war dieser Sektor schon 2007 der wichtigste Ertragsbringer. 947 Millionen Euro Betriebsergebnis hat die Bank hier erwirtschaftet, mehrheitlich mit Unternehmen außerhalb Bayerns. BayernLB-Chef Michael Kemmer plant eine „bundesweite Marktoffensive“.

Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) will das Geschäft ebenfalls im gesamten Bundesgebiet vorantreiben. Mit ihrer Tochter BW Bank ist sie im eigenen Bundesland und in Bayern unterwegs.

Über die Rheinland-Pfalz-Bank (RLP-Bank) kommt sie zudem im wirtschaftlich starken Rhein-Main-Gebiet sowie in Nordrhein-Westfalen zum Zuge. Die Sachsen Bank soll Unternehmenskunden in Ostdeutschland akquirieren. Die LBBW drückt aufs Tempo: Unternehmer berichten, dass die RLP mit „Kampfkonditionen“ unterwegs sei, um Neukunden für sich zu gewinnen und auch in puncto Risiko großzügiger sei als die Wettbewerber.

In Nordrhein-Westfalen mussten irritierte Sparkassen sogar feststellen, dass die Rheinland-Pfälzer stärker wahrgenommen werden als ihre eigene Landesbank, die WestLB.

Nach Informationen der WirtschaftsWoche soll das Vertriebsnetz der RLP-Bank in Nordrhein-Westfalen weiter ausgebaut werden. „Dass es zu einem Konflikt mit den Sparkassen kommt, lässt sich nicht ausschließen“, heißt es dazu aus Stuttgart. Ziel sei es zwar, Unternehmen anzugehen, die für Sparkassen zu groß sind, Absprachen gebe es allerdings nicht. Das dürfte vor allem bei den großen rheinischen Sparkassen für wenig Begeisterung sorgen. Für Rücksichtnahme ist aber offenbar kein Platz: „Es gibt Ziele, und die müssen erreicht werden“, rechtfertigt ein LBBWler die Offensive.

Dennoch ist der große Streit in der öffentlich-rechtlichen Organisation bisher ausgeblieben. Das liegt vor allem daran, dass sich die Landesbanken auf die Nachbarländer konzentrieren.

Der Kampf um Kunden innerhalb der öffentlich-rechtlichen Gruppe wird sich im Privatkundengeschäft fortsetzen: Die Deutsche Kreditbank, die Direktbank der BayernLB, wildert hier bereits kräftig – 328.000 Kunden hat sie allein im vergangenen Jahr hinzugewonnen. Anfangs hatten sich einige Sparkassenchefs darüber beklagt, doch die Kritik verstummte schnell: Solange sich das Engagement innerhalb Bayerns in Grenzen hält, halten die bayrischen Sparkassen still.

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