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Finanzkrise Banken: Viel Schatten, wenig Licht

Die Banken sind noch längst nicht gerettet. Die Großbanken ING und BNP berichten über neue Milliardenverluste, in der EU bereitet die Kreditklemme zunehmend Sorge. Lediglich die britische Barclays Bank überrascht positiv.

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Schieflage: Die Zentrale der Quelle: AP

Die Hiobsbotschaften aus dem Bankensektor reißen nicht ab. Im Zuge der Berichtssaison für die Geschäftszahlen zum Ende des Jahres 2008 melden immer mehr Großbanken Milliardenverluste. So hat der niederländische Finanzkonzern ING heute mitgeteilt, er erwarte einen Verlust von 3,3 Milliarden Euro für das vierte Quartal 2008, auf das gesamte Jahr gerechnet summieren sich die Verluste auf eine Milliarde Euro. Es sei das schlimmste Quartal für die Aktien- und Kreditmärkte seit mehr als einem halben Jahrhundert gewesen, hieß es zur Begründung.

Als Konsequenz ist ING-Vorstandschef Michel Tilmant zurückgetreten. Sein Nachfolger soll der derzeitige Vorsitzende des Aufsichtsrates der ING-Gruppe, Jan Hommen, werden, teilte der Konzern heute mit. Mit sofortiger Wirkung werde Vorstandsmitglied Eric Boyer kommissarisch die Aufgaben des Konzernchefs wahrnehmen. Über die Ernennung Hommens zum neuen ING- Spitzenmann sollen die Aktionäre am 27. April abstimmen.

Zudem werden angesichts der Belastungen durch die Kreditkrise rund 7000 Arbeitsplätze gestrichen. Dadurch sollen die Kosten um eine Milliarde Euro reduziert werden. Insgesamt beschäftigt der Konzern 130.000 Mitarbeiter. Auch Staatshilfen nimmt ING erneut in Anspruch: Zur Stärkung der Kernkapitalquote des Instituts werde der niederländische Staat eine Bürgschaft für 80 Prozent von Ramschhypotheken in Höhe von insgesamt 27,7 Milliarden Euro übernehmen, teilte ING weiter mit. Der ING- Konzern hatte im vergangenen Oktober nach erheblichen Verlusten im dritten Quartal eine Kapitalspritze des Staates von zehn Milliarden Euro erhalten.

BNP Paribas rechnet mit Milliarden-Verlust

Auch die französische Großbank BNP Paribas rechnet nach außergewöhnlich heftigen Bewegungen an den Kapitalmärkten aufgrund hoher Abschreibungen und eines Anstiegs der Risikovorsorge im abgelaufenen Quartal mit einem Milliardenverlust.

Im Investmentbanking dürfte sich angesichts des Anstiegs der Risikovorsorge ein Fehlbetrag von rund zwei Milliarden Euro angesammelt haben, teilte das Unternehmen mit. Der starke Kursrutsch an den Aktienmärkten habe zu Abschreibungen in Höhe von 400 Millionen Euro nach Steuern geführt. Für die gesamte Gruppe erwarten die Verantwortlichen mit einem Minus von rund 1,4 Milliarden Euro. Die Zahlen für das vierte Quartal seien zwar schwach gewesen, allerdings kämen die Daten nicht völlig unerwartet, sagte ein Analyst. Immerhin: Für das Gesamtjahr 2008 rechnet die Bank dank der Entwicklung in Privatkundengeschäft und Vermögensverwaltung noch mit schwarzen Zahlen und einem Nettogewinn von rund drei Milliarden Euro. Die Kernkapitalquote zum Jahresende bezifferte die BNP mit etwa 7,5 Prozent. Die Aktien legten bis zum Mittagl um mehr als 17 Prozent auf 24,57 Euro zu.

Die BNP Paribas plant dennoch, das zweite Bankenhilfspaket der französischen Regierung in Anspruch zu nehmen. Im Rahmen einer außerordentlichen Hauptversammlung sollen die Aktionäre über den Vorschlag abstimmen, dem Staat Vorzugsaktien ohne Stimmrecht im Wert von 5,1 Milliarden Euro anzudienen. Mit Hilfe dieser Maßnahmen will BNP die Kernkapitalquote auf etwa acht Prozent verbessern.

Barclays macht satte Gewinne

Die einzige positive Überraschung lieferte die britische Großbank Barclays: Sie hat im vergangenen Jahr trotz Milliardenabschreibungen satte Gewinne geschrieben. Das Vorsteuerergebnis liege deutlich über den Markterwartungen von 5,3 Milliarden Pfund (5,6 Milliarden Euro), hieß es in einem offenen Brief des Instituts an Mitarbeiter, Kunden und Aktionäre. Darin enthalten seien Abschreibungen in Höhe von acht Milliarden Pfund. Die Barclays Bank will die Vorlage ihrer Zahlen vorziehen. Da die Aktionäre aber so schnell wie möglich detaillierte Zahlen sehen wollten, würden diese nun am 9. Februar veröffentlicht. Bislang war die Veröffentlichung für den 17. Februar vorgesehen. Bereits vor einer Woche hatte die Bank angekündigt, der Gewinn vor Steuern werde deutlich über den Konsensschätzungen von 5,3 Milliarden Pfund liegen.

EU: Kreditklemme trotz staatlicher Hilfen

Lichtblick Barclays Bank: Der Quelle: AP

Die Kern-kapital-quote der Barclays Bank soll bei etwa 9,5 Prozent liegen. Insgesamt habe die Bank einen guten Start in das Jahr 2009 gehabt, erklärte die Bank heute. Besonders das Investmentbanking profitiere von der abgeschlossenen Integration großer Teile der zusammengebrochen US-Bank Lehman Brothers. Barclays sieht anders als viele Konkurrenten keinerlei Bedarf für zusätzliches Kapital - weder vom Staat noch von privaten Investoren. Die Aktien waren in den vergangenen beiden Wochen wegen Befürchtungen über eine zu dünne Kapitaldecke mehr als zwei Drittel an Wert verloren. Heute zogen sie nach den vorläufigen Zahlen um mehr als 50 Prozent an.

EU warnt vor einem Scheitern der Banken-Rettungspakete

Trotz aller staatlichen Rettungsbemühungen hat sich die Kreditklemme seit Oktober offenbar weiter verschärft. Die „Financial Times Deutschland“ berichtete unter Berufung auf eine Analyse des tschechischen EU-Ratsvorsitzes, Geld sei für Firmen gar nicht oder aber nur zu abnorm hohen Preisen zu bekommen. Die EU warne vor einem Scheitern der Banken-Rettungspakete in vielen europäischen Ländern und fordere die Regierungen auf, mehr Druck auf die Banken auszuüben, damit die staatlichen Hilfspakete auch tatsächlich an die Wirtschaft weitergegeben werden. EU-Wirtschaftskommissar Joaquín Almunia sei der Meinung, dem Steuerzahler seien die Rettungspakete nicht zu vermitteln, wenn Banken der Wirtschaft die Kredite verweigerten. Almunia bezeichne die Probleme bei der Exportfinanzierung als besonders besorgniserregend, da sie den internationalen Handel ausbremsten. Die Bankenrettungsschirme und auch staatliche Konjunkturprogramme seien zum Scheitern verurteilt, wenn die Kreditvergabe nicht wieder in Gang komme. Bundesbank zeigt Optimismus.

Bundesbankpräsident Weber hofft auf Erholung in 2009

Auch Bundesbankpräsident Axel Weber ist nach wie vor besorgt. Der „Bild“-Zeitung sagte der oberste deutsche Banker, es sei noch nicht gelungen, die Krise an den Finanzmärkten einzudämmen. „Es gibt derzeit immer neue Verwerfungen, mehr betroffene Segmente und neue Verluste, die zu weiterem Abschreibungsbedarf führen.“ Deshalb sei das Eingreifen der Regierungen wichtig, um die Banken zu stabilisieren. „Banken sind lebenswichtig für unser Wirtschaftssystem, insbesondere für Investitionen und die Finanzierung des Handels“, sagte Weber der Zeitung weiter.

Gleichwohl betonte der Bundesbank-Chef auch, er wolle sich nicht am „Überbietungs-Wettbewerb für Horrorszenarien“ beteiligen. „Es gibt zwei Möglichkeiten: einen scharfen, aber relativ kurzen Einbruch oder einen Abschwung mit einer langen Erholungsphase.“ Deutschland habe als Land alle Fähigkeiten und Stärken, die Krise gut und schneller zu überwinden als viele glaubten. Die deutschen Unternehmen seien wettbewerbsfähiger geworden, international gut aufgestellt, und auch die gefallenen Wechselkurse würden der Exportnation Deutschland helfen. Weber betonte aber zugleich, der wirtschaftliche Abschwung insgesamt sei stärker und weltweit umfassender, „als wir das erwartet haben“.

Weber erwartet, dass die staatlichen Aktivitäten zur Stabilisierung der Banken und der Konjunktur das Wirtschaftswachstum 2009 kräftigen und die Folgen der globalen Finanzkrise abmildern werden. „Es braucht Zeit, bis alle Maßnahmen wirken. Ich rechne aber damit, dass die Wirtschaft schon im Herbst wieder leicht wachsen kann und sich die Konjunktur 2010 weiter erholt.“ Die Große Koalition habe richtig auf die Krise reagiert, sagte Weber.

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