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Finanzkrise Dax-Konzerne verzichten auf neues Personal

Finanzkrise und Konjunktur hinterlassen Spuren in den Unternehmen. Nur noch fünf der 30 Dax-Konzerne wollen das Personal aufstocken. Aber es gibt auch neue Jobs – ausgerechnet bei Banken.

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Autobau bei BMW: Zulassungen Quelle: gms

Der Münchner Speicherchiphersteller Qimonda will 3000 Stellen streichen. Der Konsumgüterriese Henkel verabschiedet sich gerade von der gleichen Zahl Mitarbeiter, bei BMW stehen 8000 Stellen auf der Streichliste. Und selbst SAP steuert um. Eigentlich wollte Deutschlands Vorzeige-Softwareschmiede 2008 weltweit 3500 neue Leute einstellen – vergangene Woche drückte Vorstandschef Léo Apotheker die Stopptaste.

Deutschland im Herbst: Nach fast vier Jahren Beschäftigungsfrühling, in dem die Zahl der Arbeitslosen von über fünf Millionen auf drei Millionen gesunken ist, würgt die Kombination von Finanzkrise und lahmender Konjunktur das Arbeitsplatzwunder ab. Nur fünf der 30 Unternehmen, die im Deutschen Aktienindex (Dax) notiert sind, das ergab eine Umfrage der WirtschaftsWoche, wollen weiter Personal aufstocken: Adidas, Fresenius, K+S, Siemens und Deutsche Bank. Elf planen – nach heutigem Stand – zumindest keinen Abbau oder machen dazu noch keine Angaben. Bei den übrigen 13 zeigen die Zeichen nach unten. Behalten die Wirtschaftsinstitute recht, die vor wenigen Tagen ihr Konjunkturgutachten für die Bundesregierung präsentierten, greift der Trend um sich, fallen im kommenden Jahr 350.000 Jobs weg.

„Die Party ist vorbei, die Finanzkrise kommt jetzt allmählich bei der Beschäftigung an“, sagt ein Teilnehmer des Maschinenbaugipfels, der vor wenigen Tagen in Berlin zu Ende ging. Vor allem beim Export geht es abwärts. Bereits im August brachen die Ausfuhren über alle Branchen gerechnet um 2,5 Prozent ein – der stärkste Einbruch seit fünf Jahren.

Nicht nur Konzerne wie SAP oder BMW geraten unter Handlungszwang bei den Mitarbeiterzahlen. Auch Deutschlands Mittelstand – lange Zeit als Fels in der Brandung und als Allzweckwaffe gegen den Finanzkapitalismus angelsächsischer Prägung gepriesen – spürt allmählich die Auswirkungen der Bankenkrise. Zwar sind die Auftragsbücher noch voll. „Aber spätestens in einem halben Jahr wirkt sich das beim Umsatz aus“, sagt Mittelstandsexperte Diethard Simmert, Professor an der International School of Management in Dortmund.

In der Regel hinke das Geschäft des Mittelstandes einige Monate hinter der allgemeinen Konjunktur her. Und die Arbeitsmarktentwicklung schlage sich verzögert nieder, weil Mittelständler sich stärker als Konzerne scheuten, Mitarbeiter zu entlassen. Umso mehr verschärfe aber die restriktivere Kreditvergabe, die für die nächsten Monate zu erwarten sei, die Situation. „Das Vertrauen ist hin“, sagt Simmert, „und es wird trotz der Rettungspakete der Regierungen einige Zeit brauchen, bis es wieder- hergestellt ist.“

Für 2009 wird Stagnation erwartet

Mittelfristig kann sich so gut wie keine Branche der fatalen Kombination aus Finanzkrise und Nachfragerückgang entziehen. Selbst Deutschlands Paradeindustrie, der Maschinenbau, gerät jetzt in den Sog des Abschwungs. Zwar sind die Auftragsbücher nach fünf Wachstumsjahren noch immer gut gefüllt. Doch Manfred Wittgenstein, Präsident des Verbandes Deutscher  Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), gesteht: „Die Zeiten sensationeller Erfolge, in denen ein Produktionsrekord den anderen jagte und in denen wir Wachstumsraten wie zuletzt in den Sechzigerjahren erzielt haben, sind fürs Erste wohl vorbei.“

Einerseits rechnet Wittgenstein in diesem Jahr noch mit der Schaffung weiterer 40.000 Arbeitsplätze und hält auch noch die Wachstumsprognose von fünf Prozent für 2008 Jahr aufrecht. Andererseits gingen die Bestellungen aus dem Ausland in den Monaten Mai bis August um zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Zugleich trudeln in immer kürzeren Abständen Stornierungen bestellter Maschinen ein. „Die gleichen Kunden, die uns vor Monaten noch die Bude einrannten, zahlen jetzt lieber Vertragsstrafen als Rechnungen für Maschinen, die sie nicht auslasten können“, sagt der Inhaber eines Familienbetriebes. Statt des erhofften leichten Plus im sechsten Jahr in Folge, meint deshalb Verbandspräsident Wittgenstein, „erwarten wir für 2009 eine Stagnation“.

Georg Licht, Leiter des Forschungsbereichs Industrieökonomik und Internationales Management beim Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung GmbH, ist noch skeptischer. Da der Zyklus im Maschinenbau in der Regel stärker ausfalle als bei anderen Industrien, glaubt er, dass teurere Kredite durch die Finanzkrise hier besonders schaden. „Das eine oder andere Unternehmen wird die Krise nicht überleben.“

Wie tiefe Spuren Finanzkrise und Konjunktur bereits hinterlassen, zeigt der Motorenbauer Deutz. Noch im Vorjahr mussten die Kölner auf Branchenmessen vor allem drängende Kunden vertrösten und daheim nach Fachkräften suchen. Jetzt musste das Unternehmen seine ursprüngliche Wachstumsprognose von zehn bis 15 Prozent auf ein bis zwei Prozent herunterschrauben. 2007 noch war der Umsatz um 30 Prozent gewachsen. Wenn das vom Vorjahr ererbte Auftragspolster abgearbeitet ist, will Deutz-Chef Helmut Leube sich von einem Teil der 500 Zeitarbeiter und befristet Eingestellten trennen. Statt drei fahren die Deutzer nur noch zwei Schichten.

Tabelle: Durchwachsene Stimmung (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Getroffen wird der Maschinenbau auch über den Umweg der Autoindustrie, traditionell ein Großkunde der Branche. Der Absatz bricht ein, weil viele Kunden sich eine so große Investition derzeit nicht zumuten wollen. Dazu kommt, dass die PS-Szene unter einer wachsenden Verunsicherung der Käufer durch die von der Europäischen Union angekündigten Maßnahmen zum Klimaschutz leidet. Gerade bei größeren Fahrzeugen weiß kaum noch einer, was er sich kaufen kann, ohne mit Sanktionen rechnen zu müssen.

Erste Folgen sind unübersehbar. Bei Opel stehen im thüringischen Eisenach und in Bochum die Bänder für zwei bis drei Wochen still. BMW trennt sich nicht nur von insgesamt 8100 Leuten, sondern lässt Mitarbeiter, wenn nötig, auf ihrem Arbeitszeitkonto bis zu 300 Stunden (bisher 200) ins Minus rutschen – um sie im Extremfall drei Monate nach Hause schicken zu können. Konkurrent Daimler wird unter anderem im Werk Sindelfingen, wo Modelle der C-, E- und S-Klasse gefertigt werden, die Produktion über Weihnachten bis Mitte Januar deutlich herunterfahren. Und der Volkswagen-Konzern schränkt bei seinen Töchtern die Produktion ein: etwa im Werk Bratislava, wo der VW Touareg, der Porsche Cayenne und der Audi Q7 montiert werden. Am Stammsitz in Wolfsburg bleibt noch alles beim Alten.

Kürzt die Autoindustrie, trifft das die Zulieferer. Bosch setzt bereits in einigen Abteilungen die Produktion tage-, in der Diesel-Einspritzpumpen-Fertigung, auch wochenweise aus. Die Freischichten werden mit angesammelten Überstunden verrechnet, befristete Verträge teilweise nicht verlängert. Falls das nicht reicht und sich die Nachfrageschwäche noch weit bis ins nächste Jahr ziehen sollte, wird Kurzarbeit nicht ausgeschlossen. Auch Reifenhersteller Continental versucht zunächst über Zeitkonten drohende Produktionskürzungen aufzufangen.

Beschäftigungszahlen bei Versicherern relativ stabil

Bei den Banken als Auslöser der Krise sind die Aussichten ebenfalls negativ, wenn auch nicht ganz so düster, wie es vielleicht zu erwarten wäre. Die Deutsche Bank etwa, die bisher 7,3 Milliarden Euro durch die Finanzkrise abschreiben musste, kündigte erst vor wenigen Tagen an, ihr Filialnetz deutlich auszubauen. Allein in Deutschland will das Institut bis 2012 hier 1250 neue Arbeitsplätze schaffen. Die Deutsche Bank hat zwar bislang weltweit rund 900 Stellen im Investmentbanking abgebaut, insgesamt ist die Zahl der Angestellten im vergangenen Jahr aber deutlich gestiegen.

Auch bei einigen anderen Großbanken bleibt der Rotstift noch in der Schublade. So haben sich Gewerkschaft und Management bei der Postbank etwa erst vor wenigen Wochen darauf geeinigt, bis 2012 auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Und da sich fast alle Banken auf das stabilere Privatkundengeschäft konzentrieren, werden Berater sogar weiter gesucht. Auch bei der Commerzbank und der Dresdner Bank, die fusionsbedingt 9.000 Stellen, davon 6.500 in Deutschland, abbauen wollen, geht die Streichwelle an den Bankschaltern vorbei. Anders sieht es in der Verwaltung aus: Hier rechnen Experten mit weiterem Stellenabbau.

Dass von den weltweit bisher gestrichenen 130.000 Jobs in den Banken vergleichsweise wenige auf Deutschland entfallen, liegt an der untergeordneten Rolle, die das Investmentbanking hierzulande spielt. Gleichwohl entlassen die Banken da, wo die Krise ihren Ausgang nahm, nun am meisten. „Der Abbau trifft hier alle Bereiche und ist noch nicht abgeschlossen“, sagt Tim Zühlke, Partner der auf Finanzdienstleister spezialisierten Personalberatung Indigo Headhunters. Große Sorgen müssen sich viele Betroffene deswegen bisher nicht machen. „Sie sind bei kleineren, finanziell stabilen Banken gefragt“, sagt Zühlke.

Keine personellen Einschnitte durch die Finanzkrise planen, trotz Abschreibungen, auch die Versicherungen. Zwar steckt die Allianz seit zwei Jahren im größten Konzernumbau ihrer Geschichte mit dem geplanten Wegfall von knapp 5.500 Stellen. Doch dieser Abbau wird im kommenden Jahr abgeschlossen. Die Finanzkrise selbst soll keine Auswirkung auf die Beschäftigtenzahl haben, heißt es am Unternehmenssitz in München. Auch die Münchener Rück, deren Tochtergesellschaft Ergo und Talanx planen allein wegen der Finanzkrise keinen Stellenabbau, wenn auch fast alle Gesellschaften wegen des Konzernumbaus personell abspecken.

Trotz Krise: Puma und Adidas Quelle: AP

Der Wind peitscht mit 30 Knoten die Wellen mächtig auf, die Gischt spritzt und das Material stöhnt, als Ken Read den schwarzen Rumpf der fast 22 Meter langen Rennyacht in Richtung Gibraltar ausrichtet – über ihm steht wie ein Brett das knallrote, mit einer springenden Raubkatze bemalte Großsegel der „Puma Il Mostro“ (zu deutsch: „Puma, das Monster“), einer mehrere Millionen Euro teuren High-Tech-Maschine. Read ist der Skipper des schlanken Bootes, mit dem der deutsche Sportartikelkonzern Puma zum ersten Mal am legendären, gut 70.000 Kilometer und neun Monate langen Volvo Ocean Race teilnimmt.

Einen zweistelligen Millionenbetrag steckt der Konzern aus dem fränkischen Herzogenaurach dem Vernehmen nach in das Segelrennen. Und während die Segler mit den Wellen kämpfen, tobt auf dem Festland die Finanzkrise. Natürlich stelle man sich gerade vor dem Weihnachtsgeschäft die Frage, ob „die Kunden angesichts der Finanzkrise jetzt weniger Geld ausgeben?“, so ein Puma-Manager. Doch wie bei der Asien-Krise vor zehn Jahren investiert der Raubkatzenkonzern weiter in die Marke, die Werbung und den Vertrieb, sprich: in neue Geschäfte. So sollen noch in diesem Jahr Shops in Münster, Düsseldorf und Berlin eröffnen, neue Jobs inklusive. Mindestens ebenso unbeeindruckt von der Finanzkrise zeigt sich Adidas. Die Franken übernehmen gerade für mehr als 54 Millionen Euro die kalifornische Golfbekleidungsmarke Ashworth, um den eigenen Golfableger TaylorMade zu stärken.

Zeitarbeitsfirmen als mögliche Gewinner der Krise

Ähnlich hell sieht der Himmel auch über Siemens aus. Der Münchner Elektrokonzern verkündete zwar im Juni erst einen Abbau von 17.000 Stellen, wird aber Ende 2009 per saldo mehr Stellen haben als Anfang des laufenden Geschäftsjahres. Konzernchef Löscher will Siemens mit dem Umbau, der 1,2 Milliarden Euro Einsparungen bringen soll, „wetterfest“ machen.

Zu den möglichen Gewinnern der Finanzkrise gehören die Zeitarbeitsfirmen. Zwar setzen jetzt viele Unternehmen Leiharbeiter frei. Jedoch rechnet die Branche damit, dass dieser Effekt überkompensiert wird, weil viele Unternehmen in Krisenzeiten auf Zeitarbeiter zurückgreifen, um flexibel zu bleiben.

Völlig unbeeindruckt von der Finanzkrise und der Konsumunlust der Deutschen gibt sich Deutschlands größter Lebensmittelhändler Edeka. Rund 1000 neue Discounter und Supermärkte wollen die Hamburger in den kommenden beiden Jahren aus dem Boden stampfen und rund 25.000 Mitarbeiter einstellen.

Doch Edeka, Siemens, Puma und Co. sind Ausnahmen, sofern es bei den Plänen bleibt. „Die Ankündigungswelle hat doch noch nicht begonnen“, sagt ZEW-Forscher Licht. Der Sprecher eines rheinischen Energiekonzerns formuliert es noch deutlicher: „Wie sollen wir knapp drei Wochen nach der Verschärfung der Krise schon in Lage sein, einen kompletten – von den Arbeitnehmervertretern abgesegneten – Abbauplan zu verkünden?“

Das dicke Ende könnte noch kommen.  

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