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Finanzkrise Die Krise zwingt die Kirchen zu verzweifelten Maßnahmen

Die Finanz- und Wirtschaftskrise erfasst die Kirchen. Auf Einnahmerückgänge und Spekulationsverluste reagieren sie mit unkonventionellen, manchmal verzweifelten Maßnahmen.

Benediktinerpater Grün: Verluste in der Geldanlage des Klosters erst in zwei bis drei Jahren wieder aufgeholt Quelle: Laif/Tim Wegner

Die evangelische Gnadenkirche im bürgerlichen Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim ist ein typischer Sechzigerjahre-Bau. Das Kirchenschiff mit seinem Satteldach ist so schlicht wie die Einfamilienhäuser der Nachbarschaft, der frei stehende Betonturm daneben sieht aus wie eine überdimensionale Lautsprecherbox. Gleich nebenan steht der „Club 212“, ein Bordell. Wenn die Glocken am Sonntagmorgen die Gläubigen rufen, ist in dem „Club mit dem besonderen Ambiente“ gerade erst Feierabend.

Doch die Tage der nachbarschaftlichen Nähe von himmlischem und horizontalem Gewerbe sind gezählt. Aus Kostengründen werden zwei der drei evangelischen Kirchen in Gerresheim geschlossen, die Gnadenkirche wird abgerissen, das Grundstück verkauft. Der Abriss oder Verkauf von Gotteshäusern ist das sichtbarste Zeichen, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise auch bei den Kirchen ankommt. Seit Jahren leiden sie unter Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel. Zwar sind die Einnahmen aus der Kirchensteuer 2008 überraschend stark gestiegen, doch die Krise verändert die Situation nun radikal. Die Kirchen rechnen im kommenden Jahr mit Einnahmerückgängen im deutlich zweistelligen Prozentbereich, vermutlich dem größten Einbruch der Nachkriegsgeschichte.

Zu allem kommen die direkten Auswirkungen der Finanzkrise. Auf der Suche nach neuen Erlösquellen hatten fromme Finanzverwalter versucht, ihr Kapital mit mehr Rendite anzulegen. Doch wie viele andere sind auch sie Opfer von Renditegier und Falschberatung geworden.

Einnahmeeinbrüche bei den Kirchen

Die Folgen der Misere sind in ganz Deutschland zu besichtigen. Etwa in Bottrop: „In den vergangenen drei Jahren haben wir 40 Prozent unserer Einnahmen verloren“, sagt Volkhard Graf, Geschäftsführer des evangelischen Gemeindeverbands in Bottrop. In den kommenden zwei Jahren ist ein weiterer Rückgang um insgesamt 17 Prozent fest eingeplant.

Noch, so Geschäftsführer Graf, könne die Kirche die wichtigsten Dienstleistungen erbringen. Doch bei weiteren Rückschlägen ginge es zwangsläufig ans Eingemachte, und das zu einer Zeit, in der die Leute die Kirchen eher suchten: „Die Nachfrage nach unseren Angeboten steigt“, sagt Graf. Kinderbetreuung ist gefragt, in der Krise rechnen auch die Schuldnerberatung und die Armenküchen mit einem Ansturm. Um den Betrieb fortzuführen, versuchen die Bottroper Protestanten, alternative Finanzquellen anzuzapfen.

So hat die Gemeinde Mitglieder im Rentenalter gezielt angeschrieben, um Spenden zu akquirieren. Um die 125-Jahr-Feier der Martinskirche zu finanzieren, hängte der Chemie- und Energiekonzern Evonik ein großes Banner vor der Kirche auf. Aufschrift: „125 Jahre Martinskirche. Fernwärme von Evonik freut sich mit der Gemeinde auf viele weitere engagierte Jahre.“ Die ungewöhnliche Aktion sorgte für rege Diskussionen unter den Gläubigen, brachte aber einen vierstelligen Euro-Betrag. Um alle Gebäude zu erhalten, reicht das allerdings nicht. So hat die Gemeinde in den vergangenen Jahren eine Kirche und ein Pfarrhaus verkauft, eine Kapelle abgerissen, ein weiteres Pfarrhaus vermietet.

Ähnliche Ausfälle gibt es deutschlandweit: Die Evangelische Landeskirche in Württemberg rechnet für 2010 mit 16 Prozent weniger als 2008, in Bayern erwartet sie bereits 2009 einen Rückgang von 20 Prozent – in Euro sind das 116 Millionen – gegenüber 2008. In den industriell geprägten Regionen sind die Einbußen besonders hoch. Viele Kirchen müssen auf ihre Rücklagen zurückgreifen, um den laufenden Haushalt zu stemmen. Das ohnehin seit Jahren finanziell angeschlagene katholische Bistum Aachen erwartet mindestens zehn Prozent Mindereinnahmen im Jahr 2010. Da sich die Instandhaltung nicht mehr bezahlen lässt, will der Klerus einige Gebäude künftig anders nutzen. Manche Maßnahme wirkt bereits tragikomisch. Die Kirche St. Peter in Mönchengladbach etwa soll demnächst zu einer Kletterhalle umgebaut werden.

Kirchenfinanzverantwortliche Friedrichs (links) und Begrich: Der zaghafte Versuch der Renditeoptimierung ist gescheitert Quelle: Stefan Kröger für WirtschaftsWoche

In wenigen Ländern Europas hat die Religion im täglichen Leben einen geringeren Stellenwert als in Deutschland. Den Trend konnte auch der deutsche Papst nicht umkehren. Wenn sich die Entwicklung der Kirchenaustritte auf dem durchschnittlichen Niveau seit der Wiedervereinigung fortsetzt, muss die katholische Kirche bis 2030 mit einem Mitgliederschwund um bis zu vier Millionen auf 22 Millionen Mitglieder rechnen. Der evangelischen Kirche droht gar ein Schwund um rund neun Millionen Mitglieder auf 17 Millionen.

Als Hauptgrund für den Mitgliederrückgang gilt eine immer losere Bindung an die Kirche und den Glauben. Die wachsende Distanz rührt aber auch daher, dass das soziale Leistungsversprechen der Kirchen durch den über Dekaden gewachsenen Sozialstaat und privates Engagement an Bedeutung verloren hat. Ob Suppenküchen, Krankenhäuser oder Bildungseinrichtungen, überall hat die Kirche Konkurrenz bekommen durch private Anbieter, die zum Teil, wie etwa viele Pflegedienste, noch nicht einmal Tariflöhne bezahlen. Die Zeiten der Gemütlichkeit gehen endgültig zu Ende, in Düsseldorf-Gerresheim und Bottrop, in Aachen und Mönchengladbach – auch und vor allem in Hannover.

Die niedersächsische Landeshauptstadt ist Sitz der Evangelischen Kirche Deutschlands. Finanzdezernent Thomas Begrich zündet eine rote Kerze an, klappt eine Kiste mit Plätzchen auf und gießt sich Tee ein. Dann malt er zwei Striche auf ein Blatt Papier. „In diesem Korridor bewegen sich unsere Einnahmen“, sagt er. Die Striche laufen von links oben nach rechts unten. „Wir müssen damit rechnen, dass unsere Finanzkraft sich bis zum Jahr 2030 nahezu halbiert.“ Dabei bewege sich die Kirche derzeit noch im Rahmen der mittelfristigen Erwartung.

Finanzbasis soll erhalten werden

Die Zahl der Kirchenaustritte ist zwar nicht so hoch wie zu Beginn der Neunzigerjahre, im vergangenen Jahr aber deutlich gestiegen. Wenn es wegen der Krise mehr Arbeitslose gibt, sinken automatisch die kirchlichen Einnahmen. „Vor allem aber spüren wir die demografische Entwicklung“, sagt Begrich. Wer in Rente ist, und das sind immer mehr der noch verbliebenen Frommen, zahlt kaum noch Steuern. In vielen Landesbezirken sind schon heute nur noch 30 Prozent der Gläubigen steuerpflichtig.

Noch zehren die meisten Landeskirchen von hohen Rücklagen. „Die Finanzbasis ist solide, ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt darauf, dieses Vermögen zu erhalten“, sagt Finanzdezernent Begrich.

Begrich ist nicht allein, neben ihm sitzt Oberkirchenrat Wolfram Friedrichs. Er ist für die Finanzen der Landeskirche Oldenburg verantwortlich. Die wurde im September 2008 unfreiwillig deutschlandweit bekannt. Denn deren, wie Friedrichs dazu sagt, „zaghafter Versuch der Ertragsoptimierung“ war gründlich schiefgegangen. Durch die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers verlor die Kirche rund vier Millionen Euro. Ein Schock, denn eigentlich hatten die bibelfesten Investoren alles richtig gemacht — dachten sie zumindest. Sie hätten sich an die Anlagerichtlinien der evangelischen Kirche gehalten, denen zufolge sie nur in konservative Papiere mit einem Rating von mindestens „A“ investieren durften. „Die Investition bei Lehman versprach eine Rendite von einem Viertelprozent mehr als bei vergleichbaren Anlagen“, sagt Friedrichs.

Der Verlust von gut vier Millionen Euro habe die Kirche zwar hart getroffen, die Folgen seien bei Rücklagen von rund 120 Millionen Euro aber verkraftbar. Als Konsequenz hat die Landeskirche ihre Richtlinien zur Geldanlage nun verschärft. Der Anteil der Aktien etwa ist auf zehn Prozent beschränkt, Anlagen sind nur noch bei Banken in Deutschland möglich. Mit 3,8 Millionen Euro Zinserträgen kalkuliert Friedrichs im kommenden Jahr. Das entspricht einer Rendite von knapp unter drei Prozent. Gleichwohl plant die Kirche ein umfangreiches Sparprogramm, Beschäftigte müssen bereits jetzt auf Sonderzahlungen verzichten.

Grafik: Kirchliche Fakten

Noch härter getroffen hat die Krise die anglikanische Kirche in Großbritannien, die sich des Kapitalmarktes viel offensiver bedient. Derart daneben gingen in Deutschland nur wenige Geschäfte der Kirchen. „Im Durchschnitt“, sagt Jens Michael Otte, Leiter des öffentlichen Sektors bei der Deutschen Bank, „sind die hiesigen Kirchen nach unserer Erfahrung keine besseren oder schlechteren Anleger als alle anderen auch.“

Und sie sind vor der Krise auch nicht besser beraten worden, sagt Rüdiger Fuchs, Geschäftsführer der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Solidaris, die mehrere Kirchen und Wohlfahrtsverbände betreut. Insgesamt müsse man feststellen, „dass im Vorfeld der Krise die Beratungsintensität durch die Kreditinstitute – und teilweise wohl auch die -qualität – nicht ausreichend war beziehungsweise die Risiken den Einrichtungen nicht genügend vor Augen geführt wurden“, sagt Fuchs.

Grundsätzlich gehen die Kirchen in Deutschland mit ihrem angelegten Kapital, das auf rund 100 Milliarden Euro geschätzt wird, recht behutsam um. So legen die meisten einen Großteil ihrer Geldes bei speziellen Kirchenbanken an. Etwa bei der in Köln ansässigen katholischen Pax-Bank (zu Deutsch: Friedensbank), die vor 92 Jahren von Priestern für Priester gegründet wurde. Das Institut bietet nur Investments, die kirchenkonforme Vorgaben einhalten. So versprechen die Fonds zum Beispiel, kein Geld in Unternehmen zu investieren, die Waffen oder Verhütungsmittel produzieren.

Kirchliche Anleger haben sich professionalisiert

Doch auch rund um den Kölner Dom greift die Krise um sich. Mittelfristig werde die Finanzkraft deutlich abnehmen, sagt Vorstandschef Christoph Berndorff. Deshalb hat die Pax-Bank bereits vor fünf Jahren ihr Angebot auch für nichtreligiöse Hilfsorganisationen geöffnet. Die kirchlichen Anleger hätten sich professionalisiert, sagt Berndorff zwar. Doch vor Verlusten konnte sie aber auch alle Umsicht nicht bewahren.

Abtei Münsterschwarzach in Franken: Anselm Grün ist einer der wohl bekanntesten Kirchenvertreter Deutschlands. Der Benediktinermönch ist ein erfolgreicher Buchautor – über 300 Bücher voll mit Lebenshilfe hat er veröffentlicht, die sich weltweit mehr als 15 Millionen Mal verkauften. Er ist ein gefragter Gastredner, hält Seminare für Manager. Daneben ist der 64-Jährige, hinter dessen Bart sich ein jugendlich wirkendes Gesicht verbirgt, aber auch noch Cellerar der Abtei Münsterschwarzach, also so etwas wie der Finanz- und Personalvorstand. „Auch wir haben bei der Geldanlage verloren“, sagt er freimütig. Auf das unmittelbare Klosterleben hätten die Anlageverluste zwar keinen Einfluss, erklärt Grün, aber „wir sind vorsichtiger bei Anschaffungen“.

Zwischen 15 und 30 Minuten am Tag verbringt Grün mit der Verwaltung der Klosterfinanzen. Der Mönch holt einen dicken Stapel weißer Papierzettel aus einem Karteikasten und legt sie auf den Tisch. „Wertpapierkarte“ steht darauf. Darunter hat Grün auf jedem der geschätzt 200 Zettel säuberlich von Hand eingetragen, wann er welches Papier zu welchem Kurs gekauft und wann er es wieder verkauft hat. „Zwei, drei Jahre“ werde es wohl dauern, „ehe wir die Verluste wieder aufgeholt haben“, sagt Grün.

Grund zum Verdruss ist die generelle Situation der Kirchen für Grün aber nicht. „Die Sehnsucht nach Spiritualität ist ja weiter vorhanden.“ Er habe gerade nach dem Tod des Nationaltorhüters Robert Enke erlebt, dass die Menschen Fragen haben. „Die Kirche muss ihnen Antworten anbieten“, sagt Grün. „Nur zu jammern, deswegen alles aufzugeben, das ist mir zu fantasielos.“

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