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Finanzkrise Die Krise zwingt die Kirchen zu verzweifelten Maßnahmen

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Kirchenfinanzverantwortliche Friedrichs (links) und Begrich: Der zaghafte Versuch der Renditeoptimierung ist gescheitert Quelle: Stefan Kröger für WirtschaftsWoche

In wenigen Ländern Europas hat die Religion im täglichen Leben einen geringeren Stellenwert als in Deutschland. Den Trend konnte auch der deutsche Papst nicht umkehren. Wenn sich die Entwicklung der Kirchenaustritte auf dem durchschnittlichen Niveau seit der Wiedervereinigung fortsetzt, muss die katholische Kirche bis 2030 mit einem Mitgliederschwund um bis zu vier Millionen auf 22 Millionen Mitglieder rechnen. Der evangelischen Kirche droht gar ein Schwund um rund neun Millionen Mitglieder auf 17 Millionen.

Als Hauptgrund für den Mitgliederrückgang gilt eine immer losere Bindung an die Kirche und den Glauben. Die wachsende Distanz rührt aber auch daher, dass das soziale Leistungsversprechen der Kirchen durch den über Dekaden gewachsenen Sozialstaat und privates Engagement an Bedeutung verloren hat. Ob Suppenküchen, Krankenhäuser oder Bildungseinrichtungen, überall hat die Kirche Konkurrenz bekommen durch private Anbieter, die zum Teil, wie etwa viele Pflegedienste, noch nicht einmal Tariflöhne bezahlen. Die Zeiten der Gemütlichkeit gehen endgültig zu Ende, in Düsseldorf-Gerresheim und Bottrop, in Aachen und Mönchengladbach – auch und vor allem in Hannover.

Die niedersächsische Landeshauptstadt ist Sitz der Evangelischen Kirche Deutschlands. Finanzdezernent Thomas Begrich zündet eine rote Kerze an, klappt eine Kiste mit Plätzchen auf und gießt sich Tee ein. Dann malt er zwei Striche auf ein Blatt Papier. „In diesem Korridor bewegen sich unsere Einnahmen“, sagt er. Die Striche laufen von links oben nach rechts unten. „Wir müssen damit rechnen, dass unsere Finanzkraft sich bis zum Jahr 2030 nahezu halbiert.“ Dabei bewege sich die Kirche derzeit noch im Rahmen der mittelfristigen Erwartung.

Finanzbasis soll erhalten werden

Die Zahl der Kirchenaustritte ist zwar nicht so hoch wie zu Beginn der Neunzigerjahre, im vergangenen Jahr aber deutlich gestiegen. Wenn es wegen der Krise mehr Arbeitslose gibt, sinken automatisch die kirchlichen Einnahmen. „Vor allem aber spüren wir die demografische Entwicklung“, sagt Begrich. Wer in Rente ist, und das sind immer mehr der noch verbliebenen Frommen, zahlt kaum noch Steuern. In vielen Landesbezirken sind schon heute nur noch 30 Prozent der Gläubigen steuerpflichtig.

Noch zehren die meisten Landeskirchen von hohen Rücklagen. „Die Finanzbasis ist solide, ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt darauf, dieses Vermögen zu erhalten“, sagt Finanzdezernent Begrich.

Begrich ist nicht allein, neben ihm sitzt Oberkirchenrat Wolfram Friedrichs. Er ist für die Finanzen der Landeskirche Oldenburg verantwortlich. Die wurde im September 2008 unfreiwillig deutschlandweit bekannt. Denn deren, wie Friedrichs dazu sagt, „zaghafter Versuch der Ertragsoptimierung“ war gründlich schiefgegangen. Durch die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers verlor die Kirche rund vier Millionen Euro. Ein Schock, denn eigentlich hatten die bibelfesten Investoren alles richtig gemacht — dachten sie zumindest. Sie hätten sich an die Anlagerichtlinien der evangelischen Kirche gehalten, denen zufolge sie nur in konservative Papiere mit einem Rating von mindestens „A“ investieren durften. „Die Investition bei Lehman versprach eine Rendite von einem Viertelprozent mehr als bei vergleichbaren Anlagen“, sagt Friedrichs.

Der Verlust von gut vier Millionen Euro habe die Kirche zwar hart getroffen, die Folgen seien bei Rücklagen von rund 120 Millionen Euro aber verkraftbar. Als Konsequenz hat die Landeskirche ihre Richtlinien zur Geldanlage nun verschärft. Der Anteil der Aktien etwa ist auf zehn Prozent beschränkt, Anlagen sind nur noch bei Banken in Deutschland möglich. Mit 3,8 Millionen Euro Zinserträgen kalkuliert Friedrichs im kommenden Jahr. Das entspricht einer Rendite von knapp unter drei Prozent. Gleichwohl plant die Kirche ein umfangreiches Sparprogramm, Beschäftigte müssen bereits jetzt auf Sonderzahlungen verzichten.

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