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Finanzkrise Die letzten Vertreter der alten Wall-Street-Garde treten ab

In den USA spült die zweite große Aufräumwelle die letzten Vertreter der alten Wall-Street-Garde hinweg. Mit Kenneth Lewis, Chef der Bank of Amerika, gibt ein weiterer amerikanischer Spitzenbanker auf. Wie geht es an der Wall Street nach der Finanzkrise weiter?

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Bank of America-Chef Ken Quelle: AP

Am Ende haben sie ihn mit Schimpf und Schande davongejagt. Ein „unzeitgemäßer Geschäftemacher“ sei er gewesen, urteilte das Wall Street Journal. „Niemand hat viel Sympathie für den Mann“, kommentierte die Financial Times.

Kenneth „Ken“ Lewis, dem stets adrett gescheitelten Chef der Bank of America (BofA), ist der Druck von allen Seiten zu viel geworden. Gestern gab der 62-Jährige seinen Rückzug per Ende des Jahres bekannt. Dabei wollte Lewis so lange an Bord bleiben, bis seine Bank die 45 Milliarden Staatshilfe zurückgezahlt und die Übernahmen der Investmentbank Merrill Lynch und des Hypothekenfinanzierers Countrywide verdaut hat.

Letzter Vertreter der alten Garde

Mit Lewis geht einer der letzten Vertreter der alten Garde an der Wall Street. Der eiserne Besen der Finanzkrise hat in den letzten Wochen zu einer zweiten Säuberungswelle geführt: Nun haben auch die letzten einstigen Superstars der US-Bankenwelt reihenweise ihren Rückzug angekündigt.

Vor drei Wochen erklärte John Mack, der langjährige Chef der Investmentbank Morgan Stanley, dass er sich Ende des Jahres zurückziehen werde. Vor zehn Tagen reichte Dick Kovacevich, der jetzige Verwaltungsrats-Vorsitzende und frühere Vorstandschef der US-Großbank Wells Fargo, seinen Posten an den Wells-Fargo-Chef John Stumpf weiter. Finanz-Alphatiere wie Richard Fuld, der ehemalige Chef von Lehman Brothers, oder Merrill-Lynch-Chef Stan O’Neal sind ohnedies längst Geschichte.

Aggressive Zukäufe

Lewis Abgang besiegelt das Ende einer Ära. Wie kaum ein anderer verkörperte Lewis den Wall-Street-Banker, der Riesen-Übernahmen mit Milliardenbeträgen einfädelte.

In seinen acht Jahren als BofA-Chef kaufte er aggressiv zu: Insgesamt 120 Milliarden Dollar gab Lewis für Zukäufe aus, ermittelte das Wall Street Journal, darunter ehemals klingende Namen wie FleetBoston Financial oder LaSalle-Bank.

Dabei war Lewis im Jahr 2001 als Banker angetreten, der sich aus dem Fusionskarussell heraushalten und sich auf die Privatkunden konzentrieren wollte. Doch schon bald sah Lewis, dass ihm mit diesem Geschäftsmodell kein schneller Erfolg beschieden war. Er setzte auf Zukäufe als Wachstumstreiber – und wurde so zur fixen Größe im Fusionskarussell der US-Banken. Noch vor wenigen Wochen hatte Lewis beteuert, er sei „einer der besten sei, um uns auf die andere Seite zu bringen.“

JP Morgan Chase-Chef Jamie Quelle: Reuters

Sein Rückzug hat das restliche BofA-Topmanagement kalt erwischt. Denn einen Nachfolger für Lewis konnte die BofA noch nicht präsentieren. Nun geht in der von der US-Regierung mit 45 Milliarden Dollar gestützte Bank das Rennen um den Chefposten los. Rund ein Dutzend Anwärter haben US-Medien ausgemacht.

Als Favoriten gelten Brian Moynihan, der Chef des Privatkundengeschäfts, und Sally Krawcheck, die erst jüngst an Bord geholte Leiterin des BofA-Vermögensmanagements. Eine geregelte Nachfolge sieht anders aus.

Geregelte Nachfolge bei JP Morgan Chase

Dass es in Zeiten der Finanzkrise auch anders geht, zeigt der vergleichsweise geordnete Rückzug à la Jamie Dimon. Der Chef von JP Morgan Chase hat vor wenigen Tagen einen seiner engsten Mitarbeiter vor die Türe gesetzt: Bill Winters, Vizechef von JP Morgans Investmentbanking-Sparte, musste seinen Posten an Jes Staley, den bisherigen Leiter des Asset Managements abtreten. Mit diesem Schachzug hat der 53-Jährige Dimon nun dem Drängen des Verwaltungsrats nachgegeben und einen klaren Nachfolger installiert.

Leicht dürfte Dimon die Entscheidung nicht gefallen sein: Denn Winters war laut Experten maßgeblich daran beteiligt, dass JP Morgan Chase als einzige große US-Bank in den letzten zwei Jahren keine Verluste schrieb. Winters nutzte sein Wissen um komplexe Finanzinstrumente früh, um die Investmentbank aus dem Kreditderivativ-Geschäft herauszuführen. Dimon hatte deshalb Mitte 2008 kaum mehr toxische Wertpapiere in den Bilanzen seiner Bank.

Aus der Finanzkrise wird JP Morgan deshalb gestärkt hervorgehen – als einzige Investmentbank der Wall Street. Dimon gilt deshalb als letzter Held unter den US-Bankern (siehe dazu auch den ausführlichen Artikel auf wiwo.de).

Branchenbeobachter hatten allerdings davor gewarnt, dass die Zukunft von JP Morgan viel zu stark an die Person Jamie Dimon geknüpft sei.

Mit seinem geordneten Rückzug und dem Aufbau eines Nachfolgers nimmt Dimon dieser Kritik nun den Wind aus den Segeln. Warum sich Dimon aber gegen Winters entschieden hat, ist noch nicht ganz klar. Jes Staley hat sich bei Dimon offenbar Respekt dafür erworben, seine 1,3 Billionen Dollar schwere Sparte gut zu führen. Zudem verteidigt Staley seine Meinung auch gegen Kritik – was Dimon, beeindruckt. Insider berichten zudem, dass Staley auch vom Temperament her besser auf einen Vorstandssessel passt als Winters.

Staatsanwalt ermittelt gegen Lewis

Während sich Dimon nun ohne Makel aus dem Tagesgeschäft zurückziehen kann, muss Ken Lewis nicht nur gegen die üble Nachrede, sondern auch noch gegen ermittelnde Staatsanwälte ankämpfen.

Mit seinem letzten großen Deal bei der Bank of America, der Übernahme der Investmentbank Merrill Lynch Mitte September 2008, hat sich der BofA-Chef sein eigenes Grab geschaufelt. Er sah die Milliardenrisiken nicht, die noch in den Wertpapierabteilungen der Investmentbank schlummerten.

Bei der Übernahme billigte die BofA auch noch Boni-Zahlungen in Höhe von 5,8 Milliarden Dollar für Merrill-Lynch-Mitarbeiter. Ihre eigenen Aktionäre informierte die BofA aber erst sehr spät über die Boni-Problematik der geschluckten Bank.

Einige Wochen lang wurde Lewis für seinen Deal als visionärer Stratege gefeiert. Doch das Geschäft wurde zum Höllenritt für Lewis: Bald wurde klar, dass Merrill Lynch zusätzlich 20 Milliarden Dollar an Staatshilfen benötigen würde. Zusätzlich übernahm die BofA noch den Hypothekenfinanzierer Countrywide, was die Bilanz der Bank weiter belastete. Am Ende musste die US-Regierung der Bank of America mit 45 Milliarden Dollar unter die Arme greifen.

Hat Lewis aktienrechtliche Vorschriften verletzt?

Lewis soll im Dezember 2008 überlegt haben, die Übernahme von Merrill Lynch wegen der hohen Verluste der Investmentbank platzen zu lassen. Doch laut Lewis habe ihn der damalige US-Finanzminister Henry Paulson gedrängt, die Verluste von Merrill Lynch zu verstecken und die Bank wie geplant zu übernehmen – eine Anschuldigung, die Paulson und andere Politiker von sich weisen.

Die undurchsichtigen Vorgänge Ende letzten Jahres haben Lewis mehrere Untersuchungen der Regierung und von Staatsanwälten eingebraucht.

Im Kern geht es um die Frage, ob Lewis und sein Team aktienrechtliche Vorschriften verletzt haben, indem sie im Dezember die Aktionäre zu spät über noch nicht gemeldete Verluste und Bonuszahlungen bei Merrill Lynch informiert haben. Sein Rückzug wird die Mühlen des US-Gesetzes nicht zum Stillstand bringen. „Ken Lewis Entscheidung, sich zurückzuziehen, wird keinen Einfluss auf unsere weiter laufenden Untersuchungen haben“, tönte etwa der New Yorker Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo.

Banker des Jahres 2008

Lewis hat wohl noch einige unangenehme Momente vor sich: Die öffentlichen Anhörungen, die Rechtfertigungen für seine Übernahmen und die aufgebrachte Kunden, die von ihm eine Erklärung für die genehmigten Milliarden-Boni hören wollen. Ein Trost bleibt ihm immerhin: Das US-Branchenmagazin American Banker hat ihn zweimal zum Banker des Jahres gewählt: 2002 und ausgerechnet 2008. Die Urkunde für die Auszeichnung -  am Höhepunkt der Finanzkrise und kurz vor seinem Fall - kann sich Lewis als Zeitdokument ja prominent im Treppenhaus aufhängen.

Neuanfang an Wall Street fraglich

Ob die Wall Street nach dem Abtritt von Lewis und der restlichen alten Garde zur Ruhe kommt, bleibt unklar. Zwar sind einige der großen US-Banken bereits fleißig dabei, ihre Staatshilfen zurückzuzahlen. Doch gerade bei der Citibank und der Bank of America stehen noch immer große Summen aus. Ob unter neuem Management auch die vielgescholtenen Banker-Boni der Vergangenheit angehören, ist ebenfalls zweifelhaft. In London werden Einsteiger schon wieder mit kräftigen Gehaltsaufschlägen geködert. Der Neuanfang, den Politiker von den Banken eingefordert haben, könnte also bald wieder in „business as usual“ münden.

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