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Finanzmarkt Die Folgen und Lehren der Finanzkrise

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Bernd Knobloch, Aufsichtsrat Hypo Real Estate

Wie sollte denn die Beziehung zwischen Banken und Unternehmen aussehen?

Weiss: Bei den Großbanken verlassen sich die Risikovorstände zu sehr auf mathematische Rechenmodelle. Damit wird ein Rating festgelegt, die Kreditentscheidung trifft der Computer. Aber entscheidend sind die handelnden Personen. Die Banken müssen sich ihre Kunden ansehen. Der Lebensstil eines Unternehmers kann mehr über die Vertrauenswürdigkeit aussagen als die Zahlen. Eine Pleite wie die des Bohrsystem-Herstellers Flowtex wäre weniger dramatisch ausgefallen, wenn sich die Banken vorher mit dem barocken Lebensstil des Gründers Manfred Schmider beschäftigt hätten.

Schielke: Die Systematisierung aufgrund der Ratings hat beiden Seiten gutgetan. Die Dialoge mit den Unternehmen sind strukturierter. Wir müssen uns aber fragen, ob das kennzahlenorientierte Rating der Kern des Verständnisses sein kann. Wichtig ist, das Geschäft des Kunden zu kennen, um daraus die Entwicklung abschätzen zu können.

Bernd Knobloch: In vielen Vorständen gehört es heute zum guten Ton, keinen engen Kontakt zu Kunden zu pflegen, sondern seine Zeit strategischen Aufgaben zu widmen.

Diederichs: Es gibt noch ein anderes Problem: Die meisten Jahresabschlüsse 2008 waren im Mittelstand noch gut bis sehr gut. Die Situation hat sich in den vergangenen Monaten dramatisch verschlechtert. Viele Banken arbeiten deshalb derzeit mit Ratings, die nicht mehr der aktuellen wirtschaftlichen Situation entsprechen. Da kann es im Laufe des Jahres starke Abschläge geben.

Wie sind die Unternehmen denn aus Sicht der Banken auf die Krise vorbereitet?

Schielke: Im Vergleich zu vergangenen Krisen sind sie im Schnitt betriebswirtschaftlich deutlich besser vorbereitet. Sie haben Zahlen und Prognosen präsent und haben schneller und konsequenter reagiert. Aber diese Krise ist besonders abrupt eingetreten. Da sind einige Unternehmen schon überfordert.

"Viele Unternehmen werden gut durch die Krise kommen"

Die bekommen dann kein Geld mehr von Ihnen.

Schielke: Wir haben unsere Richtlinien für die Kreditvergabe nicht verschärft. Aber natürlich kommt es vor, dass sich Kunden aufgrund des verschlechterten Marktumfelds bei gleichen Kriterien nicht mehr auf dem bisherigen Bonitätsniveau wiederfinden. Aber es gehört zur Kultur einer Hausbank, mit ihren Kunden auch schwierige Phasen durchzustehen. Viele Unternehmen, die in vergangenen Krisen existenzielle Probleme hatten, stehen heute wieder glänzend da.

Diederichs: Auch im Maschinenbau oder bei Autozulieferern gibt es viele Unternehmen, die gut durch die Krise kommen werden: Sie sind international führend, vergleichsweise gering verschuldet und können flexibel ihre Kosten reduzieren. Diese werden nicht in eine existenzielle Krise geraten. Solche Unternehmen bekommen natürlich leichter Liquidität.

So gut stehen aber vermutlich nur wenige da. Droht eine Pleitenwelle?

Schielke: Wir Banken bemühen uns nach Kräften, Unternehmen zu finanzieren. Aber das kann nicht in allen Fällen gelingen. Deshalb wird es auch Pleiten geben, und Unternehmen werden wegen der Heftigkeit der Krise viel schneller in die Insolvenz gehen.

Diederichs: Wir werden schon im Sommer höhere Wertberichtigungen bei Unternehmenskrediten sehen.

Weiss: Wir müssen auch unterscheiden zwischen soliden Familienunternehmen und solchen, die von Finanzinvestoren übernommen worden sind. Von denen sind manche so ausgesaugt worden, dass sie beim ersten Windstoß umfallen.

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