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Finanzmarkt Die Folgen und Lehren der Finanzkrise

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Joachim Schielke, Vorstand LBBW und Albrecht Graf Matuschka, Unternehmensberater (v. links)

Damit kommen noch mehr Belastungen auf die Banken zu. Welche Risiken drohen hier noch?

Knobloch: Im traditionellen Kreditgeschäft haben wir die Auswirkungen der Krise bisher kaum gespürt. Hier wird es noch viele Ausfälle geben. Bei den sogenannten toxischen Wertpapieren sind wir aber relativ weit. Hier dürfte ein großer Teil der Abschreibungen geschafft sein.

Diederichs: In der gegenwärtigen Situation ist es sehr schwer, einzuschätzen, ob es für bestimmte Papiere, abhängig von der weiteren Entwicklung, künftig noch einen funktionierenden Markt geben wird oder nicht.

Knobloch: Es gibt eigentlich keine Papiere ohne Markt. Wir hatten nur eine kurze Phase, in der fehlende Liquidität ein echtes Problem war. Jetzt gibt es wieder einen Markt und potenzielle Käufer, aber sie bieten nicht die Preise, die die Verkäufer gerne hätten. Wenn eine Bank meint, dass die Papiere mehr wert sind, muss sie sie eben weiter halten. Das bindet Kapital, und die Bank kann weniger Neugeschäft machen.

Schielke: Einige Papiere, die wir jetzt stark abgewertet haben, werden bei Fälligkeit voll zurückgezahlt. Da gibt es Erholungspotenzial in den Bankbilanzen. Die großen Ausfälle im traditionellen Kreditgeschäft könnten genau dann kommen, wenn sich erste Wertpapiere wieder erholen. Eine solche Situation würde zum Testfall, ob die Banken etwas gelernt haben.

Matuschka: In der Organisation der Banken hat sich aus Sicht der Kunden bisher wenig geändert, abgesehen vom Abbau Tausender Stellen. Dabei könnten gerade altgediente Mitarbeiter viel für die Begleitung von Unternehmen tun. Eine Kultur des Mit-dem-Kunden-Lebens muss wieder in der Organisation der Banken abgebildet werden. Für die Wachstumsunternehmen hat die Finanzindustrie aber kaum neue Werkzeuge zur Finanzierung entwickelt. Wir sind der größte Exporteur der Welt, aber ein Zwerg bei der weltweiten finanziellen Begleitung. Es gibt sogar Großbanken, die die Beratung von Unternehmern bei der Finanzierungsstrategie eingestellt haben.

Diederichs: Sie wollen nicht ernsthaft behaupten, dass sich private Banken nicht um Mittelständler gekümmert hätten. In Osteuropa haben deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahren sehr viel investiert, vor allem mithilfe privater Banken.

Schielke: Vor allem die Sparkassen haben Kredite vergeben, um auch den kleineren Mittelstand stabil zu halten, der bei den großen Adressen keinen Fuß in die Tür bekommt. Sparkassen und Landesbanken sind den Unternehmen in der Region besonders verbunden.

katastrophale Leistung der Landesbanken

Viele Landesbanken sind in ihrer Existenz gefährdet. Sie sind doch keine Erfolgsgeschichte.

Schielke: Wir haben unseren Fokus auf das Kundengeschäft gesetzt, und das ist heute die stabilste Säule der Bank.

Weiss: Die Leistung vieler Landesbanken war über Jahrzehnte katastrophal. Sie arbeiten nicht so renditeorientiert wie die Privaten und sind deshalb oft eine unfaire Konkurrenz, weil sie günstigere Angebote machen.

Auch bei der Hypo Real Estate, in deren Aufsichtsrat Sie, Herr Knobloch, sitzen, steht viel Steuergeld auf dem Spiel. Was können andere Banken aus diesem Negativbeispiel lernen?

Knobloch: Die HRE muss sich reorganisieren. Das ist immerhin so erfolgreich gelungen, dass die Abwicklung kein Thema mehr ist, wie sie Finanzminister Peer Steinbrück noch im Oktober in Aussicht gestellt hat. Das Übernahmeangebot des Staates ist ein klares Zeichen, dass die Regierung die Bank als Immobilien- und Staatsfinanzierer im Markt halten will. Wie alle Banken wird sich auch die HRE auf ihre Wurzeln besinnen müssen. Das richtige Geschäft ist heute eher jenes, was vor 20 Jahren richtig war, und weniger das, das vor drei Jahren richtig war. Als Immobilienfinanzierer hat die HRE derzeit aber ein ganz anderes Problem.

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