WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Finanzmarkt Die Folgen und Lehren der Finanzkrise

Seite 4/5

Lutz Diederichs, Vorstand HypoVereinsbank

Nämlich welches?

Knobloch: Die Immobilienbanken können derzeit kaum Neugeschäft machen, weil sie kein Kapital haben. Früher konnten sie größere Finanzierungen über den Kapitalmarkt verbriefen und so die Bilanz entlasten. Das geht seit zwei Jahren nicht mehr, und deshalb geht das Neugeschäftsvolumen stark zurück.

Diederichs: Wenn es so etwas wie eine Kreditklemme geben sollte, dann am ehesten im kommerziellen Immobiliengeschäft. Große Marktteilnehmer sind hier viel stärker ausgefallen als bei der klassischen Mittelstandsfinanzierung.

In deutschen Städten wird doch überall gebaut.

Knobloch: Was Sie jetzt sehen, stammt aus Krediten, die vor ein oder zwei Jahren vergeben wurden. Das sind Projekte, die bald fertig sind und vielleicht keinen Markt mehr finden. Das noch größere Problem sind die Bestandsobjekte, die in den vergangenen Jahren auch von Investmentgesellschaften mit wenig Eigenkapital und zu hohen Preisen gekauft worden sind. Auf heutiger Basis ist zumindest das Eigenkapital verloren. Das bereitet den finanzierenden Banken Sorgen.

Ist der Ausfall der Immobilienfinanzierer wirklich so dramatisch?

Knobloch: Ohne Immobilienfinanzierung kann eine Wirtschaft nicht prosperieren. Wenn der Staat der Commerzbank jetzt vorgibt, dass sie sich auf das Mittelstandsgeschäft konzentrieren soll, weiß ich nicht, ob das erfolgreich sein wird. Es hilft einem Unternehmen nicht, wenn es einen Betriebsmittelkredit von zwei Millionen Euro erhält, aber die Finanzierung von 20 Millionen Euro für die Immobilien nicht mehr verlängert bekommt.

Brauchen wir einen staatlichen Immobilienfinanzierer, weil die Banken das nicht schaffen?

Weiss: Ich bin dagegen. Sie sehen ja, wie sich der Staat geriert, wenn er eine Beteiligung übernimmt. Denken Sie an die Fernsehsendung, in der der Commerzbank-Chef Martin Blessing vom Finanzminister wie ein Befehlsempfänger behandelt wurde. Ich bin sicher, dass man eine solide Immobilienfinanzierung auch auf privatwirtschaftlicher Basis organisieren kann.

Knobloch: Die wichtigsten Adressen vor der Krise – HRE, Eurohypo, HSH Nordbank und WestLB – sind mehr oder weniger ausgefallen. Wenn sich das Geschäft aber für die private Wirtschaft nicht rentiert, müssen wir die Vorteile, die der Staat hat, auch bei der Refinanzierung nutzen. Das hat in Amerika bis zum Kollaps der halbstaatlichen Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac über Jahrzehnte gut funktioniert. Ein privater Immobilienfinanzierer hat derzeit Probleme, den nicht besicherbaren Darlehensanteil am Markt zu refinanzieren.

Matuschka: Wieso? Es gibt genug Geld und irgendwann auch eine Inflation – und da Deutschland weiter ein interessanter Standort ist, ist auch die Finanzierung von Sachwerten attraktiv. Sie sollte selbstverständlich privatwirtschaftlich organisiert sein.

Keine Quersubventionierung

Derzeit wird viel über „Bad Banks“ diskutiert. Wie müsste eine Bank aussehen, der man das Etikett „good“ ans Gebäude heftet?

Weiss: Auf der einen Seite brauchen wir Geschäftsbanken, die für das System notwendig sind, die wir als Dienstleistung für die Wirtschaft benötigen. Und auf der anderen Seite muss es Banken geben, die als Vermögensverwalter arbeiten und auch ins Risiko gehen können. Wenn diese insolvent sind, dürfen sie aber nicht dem Steuerzahler zur Last fallen. Wir brauchen solide Banken, wie wir sie mit der IKB hatten, bevor diese auf die schiefe Bahn geriet. Daneben kann es auch „Spielbanken“ geben, die entsprechend lizenziert und überwacht werden. Beide Bankentypen könnte man auch unter dem Dach eines Konzerns bündeln. Nur darf es keine Quersubventionierung geben. Beides muss sauber getrennt sein.

Diederichs: Für uns sind andere, profitable Geschäftsbereiche wie die Vermögensverwaltung oder das kundenbezogene Investmentbanking die Basis, um auch Kreditgeschäft betreiben zu können. Eine „Good Bank“ braucht eine solide Kundenbasis im kommerziellen Bankgeschäft.

Knobloch: Wenn Sie sagen, dass wir beide Geschäftssäulen in einem Konzern bündeln sollten, muss ich widersprechen. Genau das ist doch mit fatalen Folgen passiert. So lange die IKB sich als Kreditbank für den Mittelstand verstanden hat, ging es gut. Warum ist sie in andere Geschäfte ausgewichen? Weil der Mittelstandskunde ihr zu wenig bezahlen wollte. Wenn wir jetzt wieder mit der Mischkalkulation anfangen, weil ich meine Kredite nicht risiko- und preisgerecht verkaufen kann, sind wir wieder da, wo wir hergekommen sind.

Schielke: Eine „Good Bank“ sollte die Bonität eines Unternehmens nicht nur aus den operativen Zahlen heraus beurteilen. Genauso wichtig für dessen Potenzial ist der Gesellschafterkreis. Wenn Sie langfristig Kunden begleiten wollen, kann nur Fairness die Basis sein. Sonst machen Sie einmal ein Geschäft und dann nie wieder.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%