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Flugbranche Tupolews langsamer Tod

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Tragisch", findet Klaus-Dieter Bergner, "wirklich tragisch ist das, was mit Tupolew nun passiert." Den letzten Chef der ehemaligen DDR-Fluggesellschaft Interflug tröstet allenfalls, dass es manchen West-Herstellern ähnlich erging. "Auch Junkers, Dornier, Bleriot oder McDonnell Douglas sind heute von der Bildfläche verschwunden", bemerkt der Fan der legendären Flugzeug-Marke.

Wehmut schwingt mit, wenn sich der gebürtige Ostberliner an die russischen Flieger erinnert. Die Maschinen mit dem Kürzel "Tu" vorne dran seien stets sehr zuverlässig gewesen, erzählt der spätere EADS-Manager, der 1975 seine Ingenieursausbildung mit einem Doktortitel der Universität für Zivilluftfahrt in Kiew abschloss.

Bei Interflug setzte er die Tu 134 ein, das etwas kleinere Modell des Flugzeugherstellers, gebaut für die Mittelstrecke. 1968, im Jahr von Leonid Breschnews "Bruderhilfe", hatte man sich dazu entschlossen, diesen Typ zu kaufen.

Bis zur Liquidation der Gesellschaft waren die Flieger täglich im Einsatz. Selbst am letzten Flug von Bergners Airline - von Wien nach Berlin-Schönefeld am 30. April 1991 - war der russische Traditionshersteller beteiligt. "Es war eine Tu 134A", weiß Bergner noch ganz genau. 18 Tupolews besaß Interflug bei ihrem Ende. Alle gingen in das Staatseigentum des Bundesrepublik Deutschland über.

"Die Maschinen waren sehr robust", lobt Bergner. Größere Ausfälle? Nein, an die könne er sich wirklich nicht erinnern.

Tupolews hatte man damals vor allem für den sowjetischen Luftraum gebaut, vor der "Perestroika" ein gewaltiger Heimatmarkt. Allerdings einer mit Eigenarten. "Die Start- und Landebahnen sehen aus wie Bienenwaben", berichtet der heutige Unternehmensberater, der vor seiner Interflug-Zeit bei der Flugzeugwerft Dresden für die Wartung verantwortlich war. "Sie bestehen aus Fertigbetonplatten, die im Laufe der Zeit größere Fugen bekommen." Wer dort starten und landen wollte, habe wirklich sehr robuste Fahrwerke gebraucht, sagt Bergner. Die Tupolews hatten sie, selbst die kleineren Maschinen verteilten die Last auf viele Räder.

Dennoch bemerkte Bergner früh den schleichenden Niedergang. In der militärischen Luftfahrt sei zu Sowjetzeiten viele Jahre alles perfekt gelaufen, in der zivilen aber habe man von Beginn an nach dem Motto verfahren: Es wird schon passen. "Wenn aus einer Klappe ein paar Schrauben heraus fielen, es aber dennoch normal darunter aussah, wurde die Klappe einfach geschlossen", wundert sich Bergner. "Habe ich alles erlebt."

Die Maschine flog trotzdem. "Die Tupolew-Ingenieure hatten schlechten Service bereits eingeplant und eingebaut", glaubt der einstige Interflug-Chef.

Schon die Entwicklung der Maschinen war ein Abenteuer. "Während in den Siebzigern im Westen vieles mit Simulationen gemacht wurde", grinst Bergner, "probierten die Russen das, was technologisch möglich war, einfach aus."

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