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Frauenquote für Aufsichtsräte Die Jagd auf die „Goldröcke“

Die gesetzliche Frauenquote für Aufsichtsräte soll kommen. Gerade einmal jeder vierte Dax-Konzern erfüllt sie. Die Suche nach qualifizierten Frauen würde hart werden. Deswegen rebellieren CDU-Wirtschaftspolitiker.

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Goldröcke: So werden qualifizierte Aufsichtsrätinnen zuweilen genannt. Quelle: Getty Images

Düsseldorf/Berlin In den Koalitionsverhandlungen haben sich Union und SPD auf Vorgaben für Frauenquoten in Unternehmen geeinigt. Ein Baustein: Mindestens 30 Prozent der Aufsichtsräte sollen ab 2016 künftig weiblich sein. Aus dem Umfeld der Verhandlungsparteien heißt es, dass die Quote für den gesamten Aufsichtsrat berechnet werden soll – und nicht getrennt für Vertreter von Anteilseignern und Arbeitnehmern.

Derzeit erfüllt einer Übersicht von Handelsblatt Online zufolge gerade einmal jeder vierte Dax-Konzern die Frauenquote. Perfekte Musterschüler sind derzeit lediglich Henkel, Deutsche Bank, Beiersdorf und Allianz. Bei diesen vier Firmen überschreiten sowohl Anteilseigner als auch Arbeitnehmer die 30-Prozent-Schwelle im Aufsichtsrat.

Vier weitere Dax-Konzerne können dank weiblicher Arbeitnehmervertreter sorgenfrei in die Zukunft schauen. Denn Commerzbank, Deutsche Post, Deutscher Telekom und Lufthansa überschreiten die Grenze dank starker Präsenz von Frauen auf der Arbeitnehmerseite. So ist im 20-köpfigen Aufsichtsrat der Lufthansa die Chefin des Maschinenbauers Trumpf, Nicola Leibinger-Kammüller, die einzige Frau unter den zehn Vertretern der Anteilseigner. Auf der Tischseite der Arbeitnehmer sitzen aber fünf Frauen – Christine Behle, Doris Krüger, Ilona Ritter, Christina Weber und Birgit Weinreich.

Bislang liegt die durchschnittliche Frauenquote der 30 Dax-Konzerne einer Übersicht von Handelsblatt Online zufolge bei 22 Prozent (2012: 18%, 2011: 13,4%). Betrachtet man die Anteilseigner für sich, liegt die Quote bei 18 Prozent. Besser schneiden die Arbeitnehmervertreter ab: Ihre Frauenquote über alle Dax-Unternehmen hinweg liegt bei 26 Prozent.

Abgeschlagen sind der Gesundheitskonzern Fresenius und seine ebenfalls im Dax notierte Tochter Fresenius Medical Care. Dort schicken weder Arbeitnehmer noch Arbeitgeber Frauen in den Aufsichtsrat. Beim Autozulieferer Continental liegt die Frauenquote bei fünf Prozent im Aufsichtsgremium, beim Baustoffkonzern Heidelberg Cement bei acht Prozent. Der Initiative „Frauen in Aufsichtsräte“ zufolge liegt die Frauenquote bezogen auf 160 börsennotierten deutsche Unternehmen bei 17,4 Prozent. In jedem fünften Aufsichtsrat seien Männer unter sich.


Wirtschaft kritisiert Verhandlungsergebnis

Die Lücken zu füllen, gilt in einigen Branchen als besonders schwierig. Etwa in der Metallverarbeitung gibt es recht wenige Kandidatinnen, die für die Aufsichtsposten in Frage kommen. Unter Personalberater werden die wirklich Qualifizierten daher gerne „Goldröcke“ genannte – sie häufen Mandate an, verdienen deswegen gut und habe eine große Machtfülle.

Die Einigung der Koalitionsarbeitsgruppe Familie, Frauen, Gleichstellung stößt in der CDU auf massiven Widerstand. „Eignung und Leistung müssen Maßstab für Stellenbesetzungen bleiben. Deshalb fordere ich die Verhandlungsspitzen der Union auf, eine starre gesetzliche Quote von 30 Prozent weiblichen Aufsichtsräten zu verhindern“, sagte der Generalsekretär des Wirtschaftsrates, Wolfgang Steiger, Handelsblatt Online. Der Wirtschaftsrat habe „volles Vertrauen“, dass Selbstverpflichtungen wirken. Unternehmen hätten zudem ein „starkes eigenes Interesse“ an mehr qualifizierten Frauen in Schlüsselpositionen. „Nur so lässt sich der demographische Wandel wirksam bekämpfen“, betonte Steiger.

„Das wird in einigen Firmen mit Sicherheit sehr schwierig sein, mit dieser Quote zu leben“, sagte auch der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs. Er verwies etwa auf den Maschinenbau, in dem nur wenige Frauen tätig seien. Die Unions-Verhandlungsführerin der Koalitionsarbeitsgruppe, Annette Widmann-Mauz (CDU), sagte dagegen: „Wir wollen die Aufstiegschancen von Frauen in der deutschen Wirtschaft befördern.“ Die stellvertretende SPD-Parteivorsitzende Manuela Schwesig sagte zur Quote: „Das ist ein guter Schritt für die Gleichstellung von Frauen in Deutschland.“

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) fürchtet wegen der Quote negative Folgen für die Unternehmen. „Erfahrungen mit entsprechenden Regelungen in Norwegen haben nämlich gezeigt, dass die Einführung einer verbindlichen Frauenquote in den Aufsichtsräten den Unternehmen schadet – weil schlicht zu wenige geeignete Kandidatinnen mit den entsprechenden Erfahrungen in der Unternehmensführung zur Verfügung stehen“, heißt es in einer IW-Analyse.


„Verbindliche Zielgrößen“ für Frauen im Management

Auch die Hoffnung, dass Frauen im Aufsichtsrat eher Frauen in den Vorstand berufen, habe sich nicht bewahrheitet. „Weibliche Führungskräfte entscheiden in Besetzungsfragen ebenso auf Basis von Kompetenzen, Leistungen und Erfahrungen wie ihre männlichen Pendants und nicht auf Basis des Geschlechts.“ Warum daher in Deutschland künftig das Geschlecht einer Person eine Rolle spielen solle, „bleibt das Geheimnis der künftigen Koalitionspartner“.

Wer die Beteiligung von Frauen in Führungspositionen und Aufsichtsräten im Blick hat, müsse sich vielmehr um die Berufswahl und das Erwerbsverhalten kümmern, heißt es in der Analyse weiter. „Und auch wenn beides zunächst in die Domäne der einzelnen Frau oder des einzelnen Mannes fällt, sind deutsche Unternehmen hier schon längst aktiv“, geben die Wirtschaftsforscher zu bedenken. Zum einen sensibilisierten sie junge Frauen für Ausbildungswege gerade im technischen Bereich, die beste Aufstiegsperspektiven bieten. Zum anderen bemühten sie sich, die Arbeitswelt familienbewusster zu gestalten, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Gesetzgeberische Nachhilfe sei daher unangebracht.

Union und SPD einigten sich zudem darauf, für Vorstände und obere Managementebenen eine sogenannte gesetzliche Flexi-Quote einzuführen. Die börsennotierten Unternehmen müssten demnach selbst „verbindliche Zielgrößen“ für einen höheren Frauenanteil festlegen, teilten beide Unterhändlerinnen mit.

Weitere Einigungen der Arbeitsgruppe: Eltern sollen künftig bis zu 28 Monate ein „ElterngeldPlus“ erhalten, wenn sie nach der Geburt ihrer Kinder in Teilzeit in den Beruf zurückkehren. Wenn sich beide Elternteile um die Betreuung kümmern und dafür in Teilzeit arbeiten, soll es einen Bonus von zehn Prozent geben. Auch für einen Rechtsanspruch auf eine bezahlte Familienpflegezeit wollen CDU, CSU und SPD in einer großen Koalition sorgen. Zur Pflege eines Angehörigen soll es zehn Tage lang eine Lohnersatzleistung geben.

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