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Fritz Vahrenholt im Interview "Städte ohne Strom"

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Anteil der Stromerzeugung aus fossilen und regenerativen Quellen in Deutschland

84 Prozent der Deutschen wollen einen schnellen Atomausstieg. Soll die Bundesregierung das ignorieren?

Der Ausstieg ist längst beschlossene Sache. Es geht nur um den Zeitraum. Vor einigen Monaten wurde aus guten Gründen eine Verlängerung der Laufzeiten beschlossen. In Frankreich, Spanien und Schweden können die Regierungschefs den Bürgern sehr wohl erklären, dass Fukushima auf Europa nicht übertragbar ist. Die abrupte Reaktion in Deutschland ist weltweit einzigartig.

Was lässt Sie als Mann der Erneuerbaren so vehement für die Kernenergie streiten?

Weil sie idealer Wegbereiter für grüne Techniken ist. Wenn Wind weht, werden die Kraftwerke gedrosselt, bei Flaute hochgefahren. Die 20.000 Megawatt preiswerte Regelenergie, um die Schwankungen der Erneuerbaren auszugleichen, würden uns noch einige Zeit sehr fehlen.

Vermisst RWE nicht vor allem die Zusatzgewinne aus der Laufzeitverlängerung?

Wir bezahlen die alternativen Energien zu einem großen Teil aus den Erlösen der Kernkraftwerke. Steht daraus weniger Geld zur Verfügung, wird es schwieriger, den Umbau zu finanzieren.

Was ist die Alternative?

Dass die Regierung alles tut, Netzausbau und Stromspeicher voranzubringen, damit Windenergie on- wie offshore ausgebaut werden kann. Das Investitionskapital der großen Energieversorger und der Stadtwerke reicht nicht aus, um die Energiewende zu finanzieren. Es müssen also private Geldgeber her. Die aber kommen nur bei ordentlichen Renditen, sonst bauen sie lieber höher verzinsliche Windparks vor den britischen Küsten. Das Fatale daran: Am Ende führt das zu regulierten Preisen für alle Energieformen.

Das müssen Sie erklären.

Mit jeder fest vergüteten Kilowattstunde aus Solar, Wind und Biomasse wird der Anteil der Stromerzeugung kleiner, der dem Wettbewerb unterliegt. Auf der anderen Seite dürfen Gaskraftwerke nur noch einspeisen, wenn das Angebot aus grünen Quellen die Nachfrage nicht deckt. Das macht deren Bau immer unrentabler. Um dennoch Investoren zu finden, wird man wahrscheinlich auch ihnen feste Preise garantieren müssen

Wir marschieren in die Planwirtschaft?

Zumindest bleiben der Wettbewerb und das Streben nach Effizienz auf der Strecke. Immer mehr Erzeuger bekämen dann eine feste Vergütung. Diese würde jedes Jahr im Bundesgesetzblatt bekannt gegeben.

Zu welchem Energiekonzept raten Sie der Bundesregierung?

Es bekommt erst Hand und Fuß, wenn wir es von hinten her denken. Also wie viele zusätzliche Stromleitungen und Speicher stehen bis 2020 oder 2030 tatsächlich zur Verfügung? Wie viel konventionelle Kraftwerke zum Ausgleich der Schwankungen bei Wind und Sonne brauchen wir und wo? Erst dann lässt sich der Anteil, den die Erneuerbaren leisten können, relativ zuverlässig bestimmen.

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