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Frog-Design-Gründer Hartmut Esslinger „Ich spiel’ den Hartmut“

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Die deutsche Staatsbürgerschaft hat er in den Neunzigerjahren abgelegt: „Ganz oder gar nicht.“ Auch weil Esslinger und seine Frau politisch engagiert sind: „Wir wollten in unserer neuen Heimat USA auch wählen.“ Beide sind Anhänger der Demokratischen Partei, unterstützen Barack Obama als Präsidentschaftskandidaten. Wenn Esslinger nicht den Hartmut mimt oder sich beim Fußball die Kehle aus dem Leib brüllt, ist er in Wien. Dort bildet er an der Universität für angewandte Kunst Industriedesigner aus. In den USA löst sich Frog Design seit der Übernahme durch Aricent von seinem Gründer, baut ein eigenständigeres Profil auf – ohne Stardesigner. Nur auf eine Person zu setzen ist den Kunden zu riskant. Heute hat das Unternehmen 350 Mitarbeiter und neun Büros weltweit. „Der Trend ist, Designer bereits in die strategische Planung einzubeziehen“, sagt die Chefin von Frog Design, Doreen Lorenzo. „Bei dem Preisdruck heute muss man sich über Design und Funktion vom Wettbewerb absetzen.“ So wie der Festplatten-Hersteller Seagate. Für ihn entwarf Frog Design die Produktreihe Freeagent, eine Festplatte in einem schmalen, schwarzen Gehäuse aus Metall. Eine Leuchtdiode zeigt an, ob auf die Festplatte geschrieben wird. Das Produkt gewann einen Designpreis. „Bei der Präsentation hatten mein Produktionschef und ich nur einen Gedanken: Was kostet diese verdammte Diode zusätzlich?“, sagt Seagate-Chef Bill Watkins. Es war rund ein Dollar, viel in dem preiskampfgeplagten Geschäft. „Aber es war es wert.“ Frog-Chefin Lorenzo ist eine Ausnahme in der Industriedesign-Branche, die von Männern geprägt ist. Esslinger schwört auf starke Frauen. Ohne eine ganz besondere gäbe es Frog Design längst nicht mehr: Esslinger ist der Star, aber seine Ehefrau Patricia Roller führte das Unternehmen viele Jahre gemeinsam mit ihm. Die Schwäbin bewarb sich im Mai 1983 bei Frog Design. „Hartmut hat mir die ganze Zeit erzählt, warum ich unbedingt zu ihm kommen müsse. Es war, als ob er sich bei mir bewerben wolle“, erinnert sich Roller, eine zierliche, aber resolut auftretende Frau. Das Paar hat zwei Kinder im Schulalter. „53 Prozent von Frog Design ist meine Frau“, sagt der Designer. Warum das so ist, wird jedem klar, der länger mit Esslinger zu tun hat. Der Mann ist Künstler, springt mit seinen Gedanken oft hin und her, verwirrt und verunsichert Gesprächspartner leicht. Seine kurzen, kryptischen Sätze sind mit Referenzen zu Literatur, Geschichte und Fußball gespickt. „Schon die Argonauten hatten ein Stück sprechendes Holz in ihrem Schiff. Wie ein Computer. Faszinierend.“ Ein Mitarbeiter gibt zu, dass er in seinem Vorstellungsgespräch maximal 20 Prozent verstanden habe. „Ich war beeindruckt, zerbrach mir aber hinterher den Kopf: ,Über was haben wir eigentlich gesprochen?‘“ Roller dagegen ist organisiert, analytisch, effizient, ganz Geschäftsfrau. „Ich bin die linke Gehirnhälfte“, sagt sie. Seit ihrem Rückzug von Frog Design unterstützt sie Startup-Unternehmer als Mitglied in Silicon Valleys „The Angels Forum“, einem elitären Kreis von Ex-Unternehmenschefs. Baut ihr Mann komplexe Gedankengebäude, geht sie dazwischen und bringt ihn aufs Thema zurück. „Patricia kann knallharte Dinge sagen und freundlich wirken“, sagt Esslinger. „Ich kann das nicht. Ich bin ein schlechter Kommunikator.“ Roller hat Frog Design vor dem Untergang bewahrt. Kurz nach dem Dotcom-Crash 2001 stand das Unternehmen vor dem Aus, musste für die deutschen Büros Insolvenz anmelden. Kunden konnten ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, Aufträge brachen weg. Wettbewerber wie Pixelpark und Razorfish drückten die Preise.

„Schon als der Boom noch lief, machte es keinen Spaß mehr. Anspruchsdenken machte sich breit“, sagt Roller. Bewerber forderten extravagante Gehälter, Dienstwagen und Anteile am Unternehmen. „Es mag zynisch klingen, aber der Insolvenzverwalter war mein bester Freund.“ Mit verschlankten Strukturen überstand Frog Design die Krise. In der Branche wird getuschelt, dass das Paar die erste Gelegenheit genutzt hätte, um das wieder erstarkte Unternehmen zu verkaufen. Solche Vorwürfe bringen Esslinger auf die Palme. Er hätte nur verantwortlich gehandelt, damit die Nachfolge geregelt und die Zukunft seiner Mitarbeiter gesichert. „Ich sehe Frog Design nicht als Familienbetrieb.“ Tatsächlich existiert Frog als weitgehend eigenständiges Unternehmen innerhalb von Aricent, von Zerschlagung ist nicht die Rede. Roller kann das schlechte Image von privaten Beteiligungsunternehmen nicht nachvollziehen. „Die Leute von KKR sind sehr engagiert. Wir sind stärker als früher, besser vernetzt. Wo ist das Problem?“ Die San Jose Frogs schwächeln leider an dem Tag. Die Gäste aus Südkalifornien gewinnen mit 2:1. Esslinger stürmt aufs Spielfeld. „Es ist wie im Geschäft. Es gibt nicht nur Siege. Sondern auch Niederlagen. Und dann tut sich endlich was.“

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