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Frog-Design-Gründer Hartmut Esslinger „Ich spiel’ den Hartmut“

Ohne ihn wäre Apple heute keine Kultmarke: Hartmut Esslinger, deutsch-amerikanischer Design-Weltstar und Gründer von Frog Design.

Wie zum Sprung bereit kauert Professor Doktor Hartmut Esslinger auf der Zuschauertribüne. Statt wie gewohnt in abenteuerliches Gelb, Grün oder Pink ist der Stardesigner heute ganz in Rot gekleidet, die Farben seines Teams. Rotes T-Shirt, rote Windjacke, den Safarihut zum Schutz vor der Sonne tief ins Gesicht gezogen. „Ich bin sehr nervös“, sagt Esslinger. Unter ihm, auf dem Rasen des Stadions des Polizeisportvereins von San Jose kämpft seine Mannschaft – die San Jose Frogs – um die Tabellenführung in der kalifornischen Fußball-Liga. Zu Gast in der Metropole des Silicon Valley sind die San Fernando Valley Quakes. Gerade noch hat Team-Eigentümer Esslinger zur Eröffnungszeremonie auf dem Spielfeld gestanden, die rechte Hand auf die linke Brust gepresst, zum Gruß der Flagge seiner Wahlheimat USA. „Go, go, go“, brüllt er jetzt von der Tribüne. Es hilft nichts. In der zehnten Minute gehen die Gäste in Führung. „Den Jungs fehlt einfach der Torinstinkt“, klagt Esslinger. Für ihn ist es Qual und Vergnügen zugleich. Der 63-Jährige ist eine lebende Legende. Er ist der wohl wichtigste Industriedesigner der vergangenen Jahrzehnte. Dass es heute solche Kultprodukte wie iPod und iPhone gibt, ist auch Esslingers Verdienst. Ohne ihn wäre Apple keine Weltmarke. Der gebürtige Schwabe hat Geschmack, Stil und Emotion in Industrien gebracht, in denen man sie für nicht möglich oder nötig hielt. Vom eleganten Sony-Fernseher und dem Apple-Macintosh bis zur Benutzeroberfläche der Buchhaltungssoftware von SAP – gerade im High-Tech-Segment hat Esslinger mit seiner Designschmiede Frog Design immer wieder die Grenzen verschoben. Heute ist Esslinger noch immer der Spiritus Rector von Frog Design, auch wenn er und seine Frau in den vergangenen drei Jahren nahezu alle Anteile an ihrem Lebenswerk für geschätzte rund 50 Millionen Dollar verkauft haben. Zunächst an den Fertigungskonzern Flextronics und später an die Beteiligungsgesellschaft Kohlberg Kravis Roberts (KKR). Frog Design ist seit September 2006 Teil der KKR-Beteiligung Aricent, einem Softwareriesen mit 7200 Mitarbeitern. An dem Verkaufserlös wollte das Ehepaar die Allgemeinheit teilhaben lassen. Die Wahl fiel auf Esslingers Passion Fußball. Der Designer erwarb eine Ligalizenz, heuerte Peter Weiss, ehemals Spieler des VfB Stuttgart, als Manager an und ließ Trainer Charlie Hatfield das Team zusammenstellen. Rund eine Million Dollar sind für die San Jose Frogs vorerst budgetiert. Für Esslinger, der bis Mitte 50 in der Freizeit kickte und dann wegen einer Fußverletzung aufgab, ist Fußball mehr als ein Hobby. „Man kann damit das Leben erklären“, sagt er und zitiert den französischen Literaturnobelpreisträger Albert Camus, ehemals Torwart der Mannschaft der Universität von Algier: „Was ich über Moral und Verpflichtungen auf lange Sicht am sichersten weiß, verdanke ich dem Fußball.“ Esslinger ist bei jedem Spiel dabei. Der Multimillionär schüttelt auf den Fahrten zu den Auswärtsspielen seine Knochen im Mannschaftsbus durch. Seine zwölfjährige Tochter Anna hilft beim T-Shirt-Verkauf. Aufsteigen kann das Team laut Ligaregeln nicht. Aber die jungen Spieler haben die Chance, von größeren Clubs entdeckt zu werden, als Profis Karriere zu machen. „Genau so ist das gedacht“, sagt Esslinger. Ohne Fußball wäre er vielleicht nie Designer geworden. Sein Vater überlebte als Soldat der Wehrmacht den Zweiten Weltkrieg, entkam dem Kessel von Stalingrad. In dem Grauen ließ er in seiner Fantasie Fußballspiele aus der Vorkriegszeit auferstehen. Nach seiner Heimkehr richtete er ein Modegeschäft ein. „Er wollte sich nur noch mit schönen Dingen umgeben“, sagt sein Sohn. Der Junior wurde so schon als Kind mit Mode, Formen, Farben und Schnitten vertraut. Der Berufswunsch Gestalter stand früh fest, gegen den Willen der Eltern. „Die haben immer das Spitzweg-Gemälde vom Armen Poeten vor sich gesehen“, sagt der Designer. „Doch ich habe schon immer getan, was ich wollte.“ Er studierte ab 1966 in Schwäbisch Gmünd Gestaltung, gründete 1969 mit Andreas Haug und Georg Spreng in Mutlangen Esslinger Design. Daraus entstand Frog Design – Frog steht für Federal Republic of Germany. Erster Großkunde war der deutsche Hi-Fi- und TV-Hersteller Wega, später kam Sony dazu. Die Japaner hatte Esslinger schon während des Studiums mit Briefen überzogen. Er lobte die Technik, den Ideenreichtum und verdammte das Design – „hässlich, schrecklich!“ Ab und zu kam ein Standardbrief zurück: Danke, dass Sie Kunde sind, kaufen Sie weiter unsere Produkte.

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