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Geldinstitut Warum die Deutsche Bank wieder zur Zockerbude wird

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Bankkunden in Deutschland

Im ersten Quartal 2010 hat die Postbank erstmals wieder einen kleinen Gewinn erzielt. Sollte sie dennoch beim Banken-Stresstest durchfallen und eine Kapitalerhöhung brauchen, wäre die Deutsche Bank in der teuren Pflicht.

Unter Sachsenhausen galt noch vor wenigen Jahren als feinste Adresse des deutschen Finanzwesens. Die Zentrale des Bankhauses Sal. Oppenheim ist von außen ein klotziger Zweckbau, innen jedoch atmet sie den Geist jahrhundertealter Tradition. Livrierte Diener servieren den Kunden vor Ölgemälden feine Speisen auf feinem Porzellan. Kein Regisseur hätte sich eine bessere Kulisse für das groteske Drama ausdenken können, das sich hier 2009 abspielte.

Die ehemalige Chefriege rund um Matthias Graf von Krockow hat die Bank mit Schmackes vor die Wand gefahren. Dabei sind so viele windige Geschäfte ans Licht gekommen, dass die Außenwahrnehmung der Adelsbank nun eher einer Räuberhöhle gleicht. Mit der Besonderheit, dass sich die Räuber letztlich selbst beklauten: Durch die Fastpleite haben viele Mitglieder der früheren Eignerfamilien ihr privates Vermögen verloren. In Köln und Umgebung stehen ihre Luxusimmobilien zum Verkauf.

Das Traditionshaus Sal. Oppenheim wird durchgepflügt

Auf Sentimentalitäten der Familien hat die Deutsche Bank keine Rücksicht genommen. Sie hat extrem hart verhandelt. So zahlte sie für die Bank nur eine Milliarde Euro. Finanzkreise erwarten, dass sie die Oppenheim-Tochter BHF-Bank schon bald verkauft. Liechtensteiner LGT und HypoVereinsbank haben Interesse bekundet. Liegt der Kaufpreis am Buchwert der BHF von 650 Millionen Euro, hätte die Deutsche das von Oppenheim verwaltete Privatkundenvermögen von 57 Milliarden Euro 2009 zum Schnäppchenpreis bekommen.

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    Damit sich der Kauf aber wirklich lohnt, muss Sal. Oppenheim unter der neuen Führung Kundengelder halten und irgendwann wieder Gewinne machen. Von Letzterem ist die Bank weit entfernt. 2009 machte sie 1,2 Milliarden Euro Verlust, vor 2012 wird sie kaum wieder schwarze Zahlen schreiben. Dafür soll Wilhelm v. Haller sorgen. Außer seinem erheirateten Adelstitel qualifiziert den ehemaligen Firmenkundenmann der Deutschen Bank auch sein distinguiertes Auftreten für die neue Aufgabe in der feinen Umgebung.

    Nahezu der gesamte Oppenheim-Vorstand ist nun mit Deutsche-Bank-Managern besetzt. Die Aufräumtruppe pflügt das Traditionshaus durch. Insider fragen sich, wie viel von dessen Kultur bestehen bleibt. Nach Schätzungen lag allein der Oppenheim-Marketingetat früher bei rund 50 Millionen Euro pro Jahr. Davon richtete die Bank exklusive Kundenveranstaltungen wie Galopprennen und Poloturniere aus. So wurden Kunden in eine Art elitären Club aufgenommen, wenn sie ihr Geld der Bank anvertrauten.

    Vorwurf der Bilanzfälschung

    Viel Geld verdiente die Bank aber selbst in guten Zeiten in der Vermögensverwaltung nicht. Die Gewinnbringer waren vor allem das Investmentbanking und die Entwicklung und der Verkauf von Zertifikaten. Diese Geschäfte aber hat die Deutsche Bank eingestellt. Einige wichtige Oppenheim-Banker haben schon gekündigt, sind zu Konkurrenten gewechselt oder haben sich selbstständig gemacht. Andere sollen auf dem Absprung sein. Sie plagt die Furcht, dass sie allen gegenteiligen Beteuerungen der Deutschen Bank zum Trotz ihre Kunden nicht mehr wie gewohnt beraten können.

    Niemand weiß zudem, wie viele Leichen die Exchefs ihrer Bank noch in den Keller gelegt haben. Erst vor wenigen Wochen durchsuchten Staatsanwälte das Bankhaus. Der Vorwurf: Ehemalige Top-Manager sollen sich selbst günstige Kredite ohne Sicherheiten gegeben und zudem die Bilanz 2008 gefälscht haben. Ein Strafprozess scheint unabwendbar. Auch ehemalige Miteigentümer der Bank wollen auf Schadensersatz klagen. Sie warten ab, was die Staatsanwälte bei ihren Ermittlungen zutage fördern. Vorteil für die verarmten Adligen: So lassen sich Anwaltskosten sparen. Kochen dabei neue Skandale hoch, würde das auch die Deutsche Bank beschädigen.

    Dagegen könnte es für Anshu Jain derzeit kaum besser laufen. Nach den Rückschlägen 2008 ist er auf dem Zenit seiner Karriere angekommen. Nachdem sein bisherigen Co-Chef Michael Cohrs die Bank verlassen hat, ist Jain nicht mehr nur für den als Zockerei verschrienen Handel, sondern auch für das deutlich angesehenere Geschäft rund um die Finanzierung großer Firmenkunden zuständig. Und es regnet Auszeichnungen. Die Fachzeitschrift „Euromoney“ ehrte die Deutsche Bank vor wenigen Tagen als „beste globale Investmentbank“, die britische „Financial News“ kürte Jain am vergangenen Montag zum „einflussreichsten Mann“ der europäischen Finanzmärkte.

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