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Gema Club der Plutokraten

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Auf allen Kanälen

Die Erklärung für die Unwissenheit ist einfach. „Dem Veranstalter ist das Prozedere zu umständlich, und Künstlernaturen wie Musikern ist es oftmals nicht hinreichend bekannt“, sagt Wieland Harms, Musiker und Mitinhaber einer Schule für Musik, Theater und Tanz in Sindelfingen bei Stuttgart. Zudem hätten „einige der Musiker resigniert, weil sie eh nur mickrige Tantiemen ausgezahlt bekommen“.

Zum Stein des Anstoßes wird diese Praxis für viele Künstler dadurch, wie die Gema in all diesen Fällen die Einnahmen auf ihre Mitglieder verteilt. Denn dazu verwendete sie ein hoch komplexes statistisches Berechnungsmodell namens Pro-Verfahren, das ganz offenkundig unbeteiligte Großverdiener unter den Gema-Mitgliedern bevorzugt. „Weil keiner mehr durchblickt, nutzt die Gema das für eine massive Vermögensumverteilung zugunsten der eh schon gut verdienenden Großkünstler“, kritisiert Ole Seelenmeyer, Vorstand des Deutschen Rock & Pop Musikerverbandes. Das Nachsehen hätten Bands und Künstler, die in dem riesigen Topf unterrepräsentiert seien.

2,37 Euro Tantiemen

Der Vorstandsvorsitzende der Gema, Harald Heker, verteidigt die Methode. Sie solle „Ungerechtigkeiten ausgleichen, die durch die mangelnde Einreichung von Titellisten entstehen“. Auch der Bundesgerichtshof habe das Verfahren nicht beanstandet.

Wie der angebliche Ausgleich von „Ungerechtigkeiten“ aussieht, hat Bruno Kramm, Frontman der Gothic-Band „Das Ich“, für seine Gruppe überschlagen. Die Bayreuther Formation absolvierte in den vergangenen Jahren rund 200 Konzerte in Clubs und auf Festivals. Dafür hätten die Veranstalter jeweils etwa 300 Euro pro Auftritt an die Gema überwiesen, insgesamt also 60 000 Euro, schätzt Musiker Kramm. „Uns ausgezahlt wurden von der Gema jedoch lächerliche 2,37 Euro.“ Im Grunde spiele seine Band damit „quasi für Dieter Bohlen und Konsorten“ – und das, obwohl seine Band nur das eigene Repertoire darbiete.

Zwar können Bands, die mindestens zu 80 Prozent aus dem eigenen Repertoire schöpfen und für deren Konzerte mehr als 750 Euro an die Gema gehen, die ihnen zustehenden Tantiemen direkt einfordern. Doch funktioniert diese Methode nicht für Bands wie „Das Ich“. „Wir spielen immer mit Vorgruppe oder haben einen DJ dabei“, sagt Musiker Kramm, „deshalb akzeptiert die Gema keine direkte Verrechnung.“ Ebenfalls zugunsten der Großverdiener läuft die Rechteverwertung mit den TV- und Rundfunksendern. Denn die tatsächlich gesendeten Musikstücke werden von der Gema nur bei den öffentlich-rechtlichen und den großen privaten Sendern erfasst und persönlich abgegolten.

Anders ist dies beim großen Rest der Anstalten. „Die vielen kleinen Stationen zahlen lediglich eine Pauschale“, sagt Tim Renner, Ex-Chef der Universal Music Group und heute Rundfunkunternehmer. All dieses Geld wird nach einem Verteilungsschlüssel ausgeschüttet, der mit bestimmten Bewertungspunkten pro Gema-Mitglied arbeitet. Dadurch werden ebenfalls die Taschen unbeteiligter Ohr-Wurm-Komponisten à la Christian Bruhn („Marmor, Stein und Eisen bricht“) gefüllt. Für Gema-Kritiker ist dieser Topf ein „Schwarzes Loch“. Über den Betrag, der auf diese Weise umverteilt wird, macht die Gema keine Angaben.

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