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Gemeinnützigkeit Banken spenden jährlich Millionen

Deutsche Institute spenden jährlich etliche Millionen. Clevere Banken begreifen das als wirtschaftlich sinnvoll angelegtes Geld.

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Die Clown Doktoren: Der Verein für krebskranke Kinder wird von der Commerzbank finanziert

Wenn es mal Ärger gibt, schaut Paco abends im „Jona’s Haus“ in Berlin vorbei, denn dort findet der Auszubildende immer jemanden, mit dem er reden kann. Seit eineinhalb Jahren gibt es das Jugendhaus im Stadtteil Staaken. Es ist eine Anlaufstelle für Kinder aus sozial schwachen Familien. Die Betreuer helfen den Jugendlichen, einen Ausbildungsplatz zu finden, bieten Hausaufgabenbetreuung und täglich eine warme Mahlzeit an.

Jona’s Haus war eine Idee von Angelika Bier, Chirurgin an der Berliner Charité. Sie kaufte vor drei Jahren mit eigenem Geld und vielen Spenden eine alte Schule und renovierte sie als Anlaufstelle. Die wurde nötig: Als rund ein Drittel der Berliner Horte wegen öffentlicher Kürzungen schließen musste, viele Kinder nachmittags auf sich allein gestellt und das Versorgungsamt überlastet war, drohte die Situation zu eskalieren. 45 Kinder kommen regelmäßig. Bier hat die Räume für 85 Kinder erweitert. Das Geld für den Ausbau, eine niedrige sechsstellige Summe, stellte der Alfred Herrhausen Fonds, eine Stiftung der Deutschen Bank, bereit.

Ausgerechnet die Geschäftsbanken, zeitweise als Abzocker verschrien, geben sich großzügig? Tatsächlich ist die Sparkassen-Gruppe, mit weitem Abstand gefolgt von den Volks- und Raiffeisenbanken, aufgrund ihres gemeinnützigen Auftrags noch immer der größte Spender der deutschen Finanzwelt. Doch die Geschäftsbanken ziehen nach: Nach eigenen Angaben steigern sie ihre Spenden seit einigen Jahren. Insgesamt waren es im vergangenen Jahr über 800 Millionen Euro – und dies durchaus eigennützig: Clevere Banken können Charity-Projekte als Seismograf für Trends in Öffentlichkeit und Kundenschar nutzen. Auch geht es um ein freundliches, emotionales Image, das aufgrund des ruinösen Preiswettbewerbs für Banken kriegsentscheidend sein kann.

Zahl der Hochverdiener bei Banken nach EU-Land

Der Weg dorthin führt über kleine Projekte. In Frankfurt etwa pflegt die Commerzbank seit fünf Jahren ihre Unterstützung für die Kinderstationen der Universitätsklinik: Montags und mittwochs setzt der Wiesbadener Verein „Die Clown Doktoren e. V.“ hier je zwei Komiker ein, die den oft traurigen Alltag krebskranker Kinder aufhellen sollen. Beate Schöffel, Geschäftsführerin des Vereins, bestreitet mit der Spende unter anderem die Honorare der Clowns. Zwar wisse sie, dass die finanzielle Hilfe durch die Bank unverbindlich ist, ihre Kontinuität gebe ihr dennoch eine gewisse Planungssicherheit für ihr Projekt, sagt sie.

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    Was ins Förderkonzept eines Geldinstituts passt, hat gute Chancen: So machte die Sparkasse Südholstein Ende der Neunzigerjahre in ihrem Geschäftsgebiet eine große Bildungslücke für hochbegabte Schüler aus. „Ein riesiges Manko. Deshalb haben wir bereits 1999 entschieden, besonders leistungsfähigen Schülern außergewöhnliche Kurse außerhalb der üblichen Unterrichtszeiten anzubieten“, sagt Mario Porten, Chef der Sparkasse Südholstein. Gemeinsam mit dem schleswig-holsteinischen Bildungsministerium, Schulpsychologen sowie Stützpunktschulen initiierte die Stiftung ein Projekt, das heute 2500 Hochbegabten aus den Kreisen Neumünster, Pinneberg und Segeberg zusätzliches geistiges Futter bietet und Kontakte der Schüler untereinander fördert. So finden derzeit an jedem zweiten Wochenende 70 naturwissenschaftliche und sprachliche Workshops statt. Die Kinder blicken dort in physikalischen oder chemischen Experimenten über den Lehrplans hinaus; sie lernen dann etwa, ob Kresse besser in Leitungswasser oder in Flusswasser gedeiht. Die Stiftung der Sparkasse Südholstein stelle dafür in diesem Jahr rund 23.000 Euro für Material zur Verfügung und genieße dadurch auch positive öffentliche Aufmerksamkeit, sagt Ute Steinberg, Leiterin der Stiftung.

    Für Bildung spenden Banken gerne

    Auch die Frankfurter Sparkasse hatte schon lange vor Veröffentlichung der Pisa-Studie besonderen Wert auf Bildung gelegt: „Lesen ist eine elementare Voraussetzung um erfolgreich zu sein, deshalb wollen wir mit unseren Projekten Kinder in die Bibliotheken locken“, sagt Hans Grüntker, Vorstandschef der Frankfurter Sparkasse. Zum Beispiel über Vorlesestunden und Bastelnachmittage in Büchereien. Im vergangenen Jahr investierte die Stiftung der Stadtsparkasse dafür 16.000 Euro.

    Die öffentlich-rechtlichen Banken gaben im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 465 Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke aus, das sind rund 23 Prozent ihres Ertrags und mehr als das Fünffache, als die Deutsche Bank mit 82,2 Millionen Euro im abgelaufenen Jahr weltweit ausgegeben hat. Bei dem Bankenriesen entspricht das 1,3 Prozent des Jahresgewinns. Die 1300 Volks- und Raiffeisenbanken spendeten 2006 gemeinsam 218 Millionen Euro und haben sich nach eigenen Erwartungen auch 2007 in dieser Höhe bewegt. Die Commerzbank beziffert ihre Ausgaben für gute Zwecke weltweit auf knapp 39 Millionen Euro für 2007, rund zwei Prozent des Gewinns. Die Dresdner Bank spendete mit 7,6 Millionen Euro etwa 1,9 Prozent des Ertrags.

    Anders als gemeinhin bei den Geschäftsbanken üblich werden in der Sparkassen-Finanzgruppe Entscheidungen über die Spenden vor Ort getroffen. Jede der 446 Sparkassen hat in der Regel mindestens eine eigene Stiftung und bestimmt selbst die Schwerpunkte.

    Das Gutmenschentum gedeiht aber nicht um seiner selbst willen. „Als verantwortungsbewusster Unternehmensbürger wollen wir soziales Kapital schaffen, auf dessen Basis auch privates Kapital besser gedeihen kann“, sagt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Gerade in Phasen sinkenden Vertrauens, wie durch die aktuelle Finanzkrise hervorgerufen, schafft die Nähe des Unternehmens zum Bürger verloren gegangene Authentizität und stelle „einen unschätzbaren emotionalen Zusatznutzen dar, der zur Generierung eines wahrhaft nachhaltigen Markenwertes führen kann“, sagt Nicole Fabisch, Lehrbeauftragte für Marketingethik an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik.

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      Meilensteine des größten Banken-Checks aller Zeiten

      Aber auch in entspannteren Zeiten lohnt sich bürgerschaftliches Engagement. Franz Wenzel, Geschäftsführer vom Center for Corporate Citizenship, spricht vom „Pfadfindereffekt“: Die Bank lerne dabei ihre gesellschaftliche und politische Umwelt besser kennen und bemerke möglicherweise, dass das gesellschaftliche Leben „draußen“ anders getaktet ist als die Welt der ökonomischen Effizienz innerhalb des Unternehmens.

      Oder die Firmenleitung erhalte auf diese Weise wertvollen Wissensvorsprung: „Im Idealfall deckt sie gar zukünftige Konfliktfelder auf und findet schon frühzeitig Lösungsansätze dafür“, sagt Wenzel. So hätten Zusammenhänge zwischen amerikanischen Kreditausfällen und wachsenden Obdachlosenzahlen in den USA möglicherweise schon früher wahrgenommen und die aktuelle Krise dadurch sogar entschärft werden können. Auch soziale Kompetenz lerne die Bank durch in die Tat umgesetzte soziale Verantwortung – Soft Skills, die sie von ihren Mitarbeitern längst erwartet. Gute Mitarbeiter bewerben sich allerdings nur bei attraktiven Unternehmen. Und das sind nur solche, die das, was sie erwarten, auch selbst leben.

      In Paco hat die Deutsche Bank schon einen Fan gefunden. Sein Leben hat sich durch die Jugendeinrichtung „Jona’s Haus“ in Berlin grundlegend geändert. Jetzt macht er eine Ausbildung zum Mechatroniker und würde später gerne Sozialassistent werden. Als Arbeitnehmer kommt er damit für die Deutsche Bank wohl nicht infrage. Dafür aber als Kunde.

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