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Gepa Wie Europas größtes Fairtrade-Handelsunternehmen tickt

Früher nur idealistisch, heute auch professionell: So funktioniert das größte Handelsunternehmen für faire Produkte in Europa.

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Bananen mit dem Quelle: dpa/dpaweb

So ändern sich die Zeiten. Die Stadtoberen von Wuppertal stellten nicht nur ein 25 000 Quadratmeter großes Grundstück zur Verfügung. Sie ließen auch eine Stichstraße zum Firmengelände bauen und tauften sie nach dem Unternehmen. Und sie stellten noch eine Bushaltestelle an den Straßenrand, die ebenfalls den Firmennamen trägt. Noch vor gut 30 Jahren wurstelten zwei Handvoll kirchlich organisierter Hunger-Protestmarschierer und romantischer Weltverbesserer in zwei Privatwohnungen in der Wuppertaler Innenstadt – beseelt von der Mission, die Bedingungen für Kleinbauern und Handwerker in der Dritten Welt zu verbessern. Doch im Laufe der Jahrzehnte wurde aus den frühen Kritikern bundesdeutscher Entwicklungspolitik ein florierendes Unternehmen – und ein hofierter Gewerbesteuerzahler namens Gepa. Der Name ist die Kurzform für Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt.

Seit zwei Jahren sitzt Europas führendes Handelshaus für faire Produkte nun am Gepa-Weg 1 im Wuppertaler Stadtteil Vohwinkel. Vom Wachstumskurs zeugen das lang gestreckte, dreistöckige Verwaltungsgebäude, das nahtlos in den 1000 Quadratmeter großen Selbstbedienungsmarkt namens Fairkauf übergeht, sowie das computergesteuerte Hochregallager mit seinen 10 000 Palettenstellplätzen. Parallel zum neuen Ambiente hat die Gepa sich auch einen schmissigen Beinamen verpasst: The Fair Trade Company.

Niemals zuvor griffen die Deutschen so häufig zu fair produzierten und gehandelten Produkten: 322 Millionen Euro gaben sie 2009 für fair gehandelte Waren aus, 21 Prozent mehr als im Vorjahr und eine Verdreifachung innerhalb der vergangenen fünf Jahre. Der Höhenflug hat sich nach Einschätzung von Transfair, der Kölner Organisation, die das Siegel Fairtrade für fair gehandelte Produkte vergibt, in diesem Jahr fortgesetzt. Ganze Städte unterstützen die Bewegung. Gerecht bezahlter Kaffee gehört mittlerweile ebenso zum Alltag wie faire Designer-T-Shirts. Selbst Discounter, Markenartikelhersteller, Coffeeshop-Ketten und Großküchen setzen auf das Geschäft mit dem reinen Gewissen. Prominente wie Schauspieler Hannes Jaenicke oder Starfotograf Jim Rakete stellen sich in den Dienst der Sache. Verbraucher, die fair gehandelte Produkte kauften, unterstützten damit „eine hervorragende Produktqualität zu hohen ethischen und sozialen Standards“, sagt Rakete.

Gepa erhält Nachhaltigkeitspreis

Auch die Gepa wächst, wenn auch nicht mehr ganz so stürmisch. 2009 steigerten die Wuppertaler den Umsatz um 1,5 Prozent auf 55 Millionen Euro, der Gewinn lag bei 320 000 Euro. Der Grund: Die Konkurrenz bei den fair gehandelten Produkten wird härter und vielfältiger. Angesichts neuer Wettbewerber wie Aldi Süd oder Lidl mit Eigenmarken wie One World und Fairglobe sei es wenig verwunderlich, dass der Markt schneller wachse als die Gepa, sagt Geschäftsführer Thomas Speck und reagiert: Kürzlich hat er den Schokoladenprodukten eine neue Verpackung verpasst sowie Rezepturen und Rohstoffe verändert. Im Februar wird ein neues Teesortiment auf den Markt kommen.

Was mit Kaffee aus Nicaragua in den Siebzigerjahren begann, ist zu einem üppigen Warenangebot geworden: von Maracuja-Konfitüre aus Laos über Springbock-Felltaschen aus Südafrika, Haselnuss-Sirup von den Philippinen bis zum Bio-Schokonikolaus mit Kakao aus Peru: 1200 Handwerksprodukte und mehr als 400 Lebensmittel tragen das Gepa-Logo. Zu den Kunden zählen rund 800 Eine-Welt-Läden, aber auch Edeka, Kaufland, Rossmann-Drogerien, Alnatura-Bioläden und Großverbraucher wie Kantinen, Ministerien und Krankenhäuser.

Gepa arbeitet seit mehr als 30 Jahren mit Kleinbauern, Handwerkern und Genossenschaften in Lateinamerika, Afrika und Asien zusammen. Die bekommen neben langfristigen Handelsbeziehungen und garantierten Rohstoffpreisen deutlich über Weltmarktniveau auch Kredite und Beratung. Im Gegenzug müssen die Produzenten garantieren, dass sie auf Kinderarbeit sowie gentechnisch manipuliertes Saatgut verzichten. Wer zudem auf biologische Erzeugung setzt, bekommt einen zusätzlichen Bonus. Gesellschafter von Gepa sind kirchliche Organisationen wie Misereor, der Evangelische Entwicklungsdienst oder Brot für die Welt.

Auch wenn Europas größter Fairtrade-Organisation durch die wachsende Konkurrenz indirekt Umsatz flöten geht: „Für den fairen Handel ist diese Entwicklung förderlich“, sagt Gepa-Chef Speck. Der Gutmensch aus dem Bergischen Land, der zu Jeans, grob kariertem Hemd und grauem Sakko einen silbernen Armreif aus Mexiko trägt, wurde 1952 in Leipzig geboren. Die Familie flüchtet in den Westen. Nach dem Studium gibt es für den Deutsch- und Sozialkundelehrer keine Stelle. Der Vater zweier Töchter wird Landwirt, züchtet Schafe, produziert eigenen Käse.

Mitte der Achtzigerjahre sattelt er erneut um: Im Zuge der EDV-Welle lässt er sich beim Frankfurter Chemieriesen Hoechst zum Systemanalytiker umschulen. 1990 wechselt er zur Gepa, zunächst als kaufmännischer Leiter, seit 1993 ist er Geschäftsführer. Seinerzeit setzt das Unternehmen mickrige neun Millionen Euro um und beschäftigt 60 Mitarbeiter. Unter der Führung von Speck, der Idealismus und Professionalität verbindet, wird die Mitarbeiterzahl verdreifacht, der Umsatz versechsfacht. Die Gepa etabliert sich als feste Größe in Sachen soziales und nachhaltiges Wirtschaften. So durfte Speck für die Gepa im November den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie „Deutschlands nachhaltigste Zukunftsstrategien – kleine und mittlere Unternehmen“ in Empfang nehmen.

Fairer, erlösbringer Kaffee

Gepa-Chef Speck

Gemessen am weltweiten Konsum, ist die Verbreitung von fairen Produkten noch gering. Gerade mal 0,01 Prozent der Nahrungsmittelumsätze weltweit sind fair produziert und gehandelt. Doch zwischen 1998 und 2007 wuchsen die Ausgaben für fair gehandelte Waren pro Jahr um mehr als 40 Prozent. Die Kaffeekette Starbucks ist inzwischen der weltweit größte Abnehmer von Fairtrade-Kaffee. Gepa-Chef Speck sieht denn auch „reichlich Luft nach oben“, insbesondere in Deutschland. Während in Großbritannien schon jedes fünfte Pfund Kaffee ein Fairtrade-Siegel trägt, sind es in Deutschland nicht einmal zwei Prozent. Und während die Deutschen pro Kopf rund drei Euro für Produkte mit Fairtrade-Siegel ausgeben, sind es in Großbritannien umgerechnet 15 Euro, in Finnland 16 und in der Schweiz sogar 20 Euro.

Unter den mehr als 1600 verschiedenen Produkten ist Kaffee nach wie vor die tragende Erlössäule der Gepa. Allein 43 Prozent des Inlandsumsatzes entfallen auf das Urprodukt der Fair-Bewegung. Wer jedoch in den Siebzigerjahren aus Solidarität mit den Revolutionären Kaffee aus Nicaragua kaufte, musste eine bittere Plörre schlabbern. Heute räumen fair gehandelte Kaffees oft Preise ab, weil die Qualität gut ist und der Kaffee nicht mehr nach dem Leid der Welt schmeckt. Verantwortlich dafür ist unter anderem Hans Jürgen Wozniak. Der 54-jährige Tropenagraringenieur mit Walross-Schnauzbart leitet das Produktmanagement Kaffee bei Gepa und gehört zu denjenigen, die den fairen Handel professionalisiert haben.

Fast sein halbes Leben lang beschäftigt sich Wozniak schon mit Kaffee. Nach seinem Studium arbeitete er drei Jahre für den Deutschen Entwicklungsdienst in Bolivien. 1993 kam er zur Gepa. Wozniak spricht fließend Spanisch, kommt gerade von einer Informationsreise aus Nicaragua zurück und bricht in Kürze zu den Partnerbetrieben in Mexiko und Guatemala auf. Die Kaffeebauern dort erhalten auf dem konventionellen Markt oft weniger als die jeweilige Börsennotierung für Rohkaffee. Denn sie verkaufen meist an Zwischenhändler zu miserablen Preisen – aufgrund mangelnder Alternativen und Unkenntnis der Marktpreise. „Die Händler kommen zu den Bauern, wedeln mit den Dollar und schon wird verkauft“, beschreibt Wozniak. Anders beim Fairtrade-Handel. Dort werden Mindestpreise festgesetzt, die über Weltmarktniveau liegen und sowohl die Produktions- als auch die alltäglichen Lebenshaltungskosten decken.

Projekt Fairtrade

Steigt der Weltmarktpreis über den Fairtrade-Preis, so zahlen die fairtradezertifizierten Exporteure den höheren Preis. Hinzu kommt in jedem Fall eine Fairtrade-Prämie. Die liegt bei zehn Dollar pro Quintal Rohkaffee (circa 45 Kilogramm). Für Biokaffee gibt es sogar 20 Dollar. Die Prämie ist für soziale Entwicklungsprojekte zweckgebunden. Dadurch können Kleinbauern ihre Lebenssituation dauerhaft und eigenverantwortlich verbessern. Zusätzlich habe die Gepa in den 17 Jahren seiner Tätigkeit rund 45 Millionen Dollar für Trinkwasserversorgung, Bewässerung von Plantagen, Schulen, Maschinen oder Fahrzeugen vorfinanziert, erzählt Wozniak. Dafür muss die Gepa ihrerseits Kredite aufnehmen. Die Rückzahlung wird dann mit den Warenlieferungen verrechnet.

„Rund 80 000 Dollar haben wir in den Sand gesetzt“, räumt der Kaffee-Liebhaber ein. Das sei ärgerlich, aber verkraftbar. „Das System der Gepa funktioniert, auch wenn sich mal ein Exportleiter einer Kaffeeplantage in Kamerun mit 50 000 Dollar aus dem Staub macht“, sagt Wozniak. Hauptlieferant für Gepa-Kaffee ist Mexiko. Dort arbeiten die Wuppertaler mit einem Dutzend Partner zusammen. Auch seine Frau hat Wozniak mit dem Kaffee-Virus infiziert. 2011 will sie in der Innenstadt des Ruhrgebietsstädtchens Gevelsberg ein klassisches Kaffeehaus nach Wiener Vorbild eröffnen. Und wird dort sicher auch Gepa-Kaffee ausschenken wie etwa den Café Aha.

2009 hatte die Stiftung Warentest 31 Röstkaffees getestet sowie das Engagement der beteiligten 19 Unternehmen für Soziales und Umwelt bewertet. Der GepaCafé Aha gehörte zu den vier Kaffees, die sowohl mit starkem Sozial- und Umwelt-Engagement als auch mit „gutem“ Geschmack als „rundherum gut“ überzeugen konnte. Aha, es geht also beides.

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