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Gerhard Cromme Der wahre Siemens-ThyssenKrupp-Chef

Gerhard Cromme, Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens und ThyssenKrupp, beherrscht beide Unternehmen - Die Lektion der angekündigten Berufung von Heinrich Hiesinger als neuer Stahlchef: Siemens- und Krupp-Topmanager sind austauschbar - wenn Cromme dies für richtig hält.

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Der zukünftige Quelle: dpa

Heinrich Hiesinger wird neuer ThyssenKrupp-Chef. Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein. Spätestens im Januar 2011 wird der 49-jährige Diplomingenieur und Dr.Ing. Nachfolger des langjährigen ThyssenKrupp-Lenkers Ekkehard Schulz, der sich dann ganz auf seine Tätigkeit in der Essener Krupp-Stiftung konzentrieren wird, die über 25 Prozent am Stahl- und Technologiekonzern hält.

Die Überraschung birgt eine Fülle von Folgen in sich - und Einsichten. Die wichtigste: Gerhard Cromme, Chefkontrolleur beider Konzerne, ist mehr als nur ein Korruptions-Ausputzer bei Siemens, der den wegen Schmiergeldvorwürfen damals in Bedrängnis geratenen Heinrich von Pierer ablöste. In einer Blitzaktion installierte Cromme auch einen neuen Siemens-Vorstandschef - Peter Löscher - und kurbelte ein in der deutschen Wirtschaftsgeschichte einmaliges und unter Siemens-Altvorderen auch stark umstrittenes, internes Ermittlungsverfahren gegen die Korruptionsverdächtigten an. Sein Job könnte heute - da viele, auch von Pierer längst Schadensersatz gezahlt haben - bei Siemens beendet sein. Doch er fängt gerade erst an.

Mehr als ein Korruptions-Ausputzer

Dass nun Heinrich Hiesinger in der ThyssenKrupp-Aufsichtsratsssitzung am 12. Mai zum neuen Vorstandschef gekürt werden soll, hat Sensationscharakter. Denn die Konsequenzen dieser Entscheidung sind gravierend und vielfältig.

1. Die als Kronprinzen einst hochgelobten ThyssenKrupp-Vorstände Olaf Berlien, Edwin Eichler und Alan Hippe, der erst im vorigen Jahr als Finanzchef von Continental zum Stahl-und Technologiekonzern kam, haben keine Chance mehr, an die Spitze vorzurücken. Alle drei eignen sich aber auch nicht gerade als Männer, die in der zweiten Reihe auch in den nächsten zehn Jahren, im Vorstand Kärrnerarbeit leisten. Das Trio will jeder für sich auch einmal Unternehmenschef werden. Bei ThyssenKrupp können sie dieses Ziel nun nicht mehr erreichen.

2. Mit Hiesinger wird ein Mann an die Spitze von Krupp rücken, der von außen kommt. Hiesinger kennt die Industriewelt zwar aus dem Effeff, gehört aber nicht zum Ruhrgebietsklüngel. Genauso wenig ist er mit den Altlasten des Konzerns behaftet - Stahlkrise, Automobilkrise, Kurzarbeit, Straffung der Konzernorganisation, Arbeitnehmerproteste. Einzig die Rohstoffkrise ist vertraut - die drei großen Erz-Oligopole der Welt zeigen Muskeln und verderben den Stahlkochern die Bilanz.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Quelle: dpa

3. Hiesinger ist im Gegensatz zum gelernten Hütteningenieur Ekkehard Schulz kein Stahlmann. Sein Herz hängt ebenso wenig an der Welt der Hochöfen wie das Crommes, der das hundertjährige Krupp-Stahlwerk Rheinhausen dichtmachte, Hoesch und Thyssen feindlich übernahm und damit Krupp vor der Pleite retttete. Später wollte er den Stahl über die Börse an Anleger verkaufen und sich nur noch auf das Technologiegeschäft konzentrieren. Dieses ist es auch, das dem Revierkonzern im Augenblick noch Gewinne beschert. Stahl rutscht mit der Rohstoffklemme weiter in die Krise.

4. Alle drei Kronprinzen haben die Chef-Reife. Es ist zu erwarten, dass sie in den kommenden Jahren ausscheiden und woanders als Vorstandschefs aufrücken. Sie stellen theoretisch sogar eine Gefahr für Siemens-Chef Peter Löscher dar. Edwin Eichler zum Beispiel ist Informatiker, kennt das Medien- und Distribuitionsgeschäft von Bertelsmann und steckt zur Zeit bis zu den Ohren in der Stahlsanierung. Auch diese Entscheidung traf Gerhard Cromme. Schulz hätte auf diesem Posten lieber einen Hüttenexperten gesehen - so wie er selbst.Olaf Berlien ist an der Spitze des ThyssenKrupp-Technologie-Geschäfts (drittgrößtes Aufzugsgeschäft der Welt). Es könnte ihm bald langweilig werden in Essen, denn die Werften, ebenfalls unter seinen Fittichen, sind nun an die Araber verkauft beziehungsweise stellen Windräder im Dienste anderer Unternehmen her.

Crommes Ziehkind

Hiesinger ist als Siemens-Industrievorstand geradezu der ideale Vorstandschef für ThyssenKrupp. Erst im Januar 2008 wurde er Chef des gesamten Industriesektors von Siemens. Das war im wesentlichen eine Entscheidung von Cromme als Chefkontrolleur bei Siemens. Diese letzte Phase sieht nun im Nachhinein wie ein Probelauf für Hiesinger aus - zum Warmlaufen für Crommes zweiten Topjob bei ThyssenKrupp - den er nun bekommt. Er ist Crommes Ziehkind, er kennt das Geschäft der Energieübertragung, Hochspannung und Schaltanlagen, ein Schlüsselfeld der Industrie und der Infrastruktur. Damit hätte er eigentlich auch Chef eines Energiekonzerns werden können. Doch hier bevorzugt man interne Gewächse, die den Laden kennen.

Cromme dagegen setzte immer, wie vordem Krupp-Verweser Berthold Beitz, auf das Außengeblüt. Dieses steht für neue Ideen und mangelnde Gefahr sich im Gestrüpp von Ruhrgebietsklüngeln zu verheddern. Als Technologiemann ähnelt Hiesinger mehr der Thyssen-Seite des Konzerns, die immer großen Wert auf Technikentwicklung gelegt hat. Kruppianer dagegen können sich eine Welt ohne Hochofen kaum vorstellen - Ausnahme Cromme eben, dem die brodelnde Metallschmelze keineswegs heilig ist.

Erfahrener Hiesinger

Der neue ThyssenKrupp-Chef hat internationale Erfahrung: Er leitete einmal eine Geschäftseinheit in Jakarta, für wenige Monate. Auch im schweizerischen Zug hat er mal für kurze Zeit für Siemens das Geschäft Energieübertragung geführt. Sonst hat der gebürtige Baden-Württemberger sein Leben als Student und Siemens-Topmann in München verbracht. TU München in der Gabelsberger Straße war sein Feld, danach der Wittelbacher Platz, nur einen Kilometer davon entfernt. Nun muss er bald nach Essen umziehen, dem Hauptsitz von ThyssenKrupp im kommenden Jahr.

Vom Siemensianer zum Kruppianer? Von München nach Essen? Ob das eine echte Bereicherung seines Berufsleben ist, darüber wird er noch nachdenken.

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