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Gerichtsprozess Ist Nestlé der Gewinner im bizarren L'Oréal-Prozess?

Der Prozess der L’Oréal-Erbin Françoise Meyers-Bettencourt gegen den Günstling ihrer Mutter könnte die Entscheidung beschleunigen, wem der weltgrößte Kosmetikkonzern künftig gehört.

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Liliane Bettencourt Quelle: APN

Liliane Bettencourt schätzt Diskretion. Die 87-jährige Dame ist die Tochter von Eugène Schueller, dem Gründer des weltgrößten Kosmetikherstellers L’Oréal. Sie lebt mit einem Vermögen von 17 Milliarden Euro zurückgezogen in einem Palais im Pariser Nobelvorort Neuilly. Ginge es nach der Greisin, pflegte sie in Ruhe ihre umfangreiche Kunstsammlung oder betätigte sich als Mäzenin und Wohltäterin, die erst kürzlich ihrer Stiftung Bettencourt Schueller 552 Millionen Euro vermachte.

Doch der Wille der steinreichen Seniorin zählt bald überhaupt nichts mehr. Indem ihre Tochter Françoise Meyers-Bettencourt sie seit dem vergangenen Donnerstag vor einem Pariser Gericht der Öffentlichkeit preisgibt, ist es mit der Diskretion endgültig vorbei. Nach Jahren verbissenen Streits will Françoise ihrer Mutter wegen angeblich zu großzügiger Schenkungen an den Fotografen und Dandy François-Marie Banier in die Parade fahren. „Es ist Zeit, dass die Justiz Banier und seiner Bande das Handwerk legt“, sagt die 56-Jährige, die ihre Mutter sogar entmündigen lassen wollte, was ihr jedoch vor knapp einem Jahr misslang.

Der Prozess, der sich noch Monate lang hinziehen kann, hat Bedeutung für die Zukunft von L’Oréal. Denn der französische Vorzeigekonzern gehört seit 1974 zu etwa 30 Prozent dem weltgrößten Lebensmittelhersteller Nestlé. Manche Beobachter glauben, Meyers-Bettencourt wolle auch die übrigen Anteile an die Schweizer verkaufen, sobald ihre Mutter doch noch für unmündig erklärt würde.

Meyers-Bettencourt, die seit Langem zusammen mit ihrem Mann Jean-Pierre Meyers und ihrer Mutter im L’Oréal-Verwaltungsrat sitzt, bestreitet dies zwar vehement. Die Mittfünfzigerin hatte vor Jahren von ihrer Mutter deren knapp 31 Prozent an L’Oréal überschrieben bekommen. Und diese hatte mit Nestlé eine Vereinbarung geschlossen, wonach die Aktienmehrheit zu ihren Lebzeiten französisch bleibt. Doch von der Hand zu weisen sind die Gerüchte nicht.

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    L´Oréal interessiert die höchsten Stellen des Staates

    Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, der Liliane Bettencourt aus seiner 19-jährigen Amtszeit als Bürgermeister von Neuilly recht gut kennt, will keinesfalls, dass L’Oréal in ausländische Hände fällt. „Sie können sich vorstellen, dass L’Oréal die höchsten Stellen des Staates interessiert“, sagt ihr Vermögensverwalter Patrice de Maistre.

    Prozesse und Parolen, Kräche und Intrigen – was macht ein Konzern, wenn Wirren über ihm schon seit geraumer Zeit derart zusammenschlagen? L’Oréal wächst und gedeiht, als perlte die Affäre ab wie Wasser von eingeölter Haut.

    Weltgrößter Kosmetikkonzern

    „Unsere Arbeit im Vorstand wird durch die Auseinandersetzung in keiner Weise beeinträchtigt“, sagt Jochen Zaumseil, im L’Oréal-Vorstand verantwortlich für Asien. Der über 100 Jahre alte Konzern, dessen Börsenwert bei 49 Milliarden Euro liegt, sei „ein Schmuckstück der französischen Industrie“ mit „echtem Know-how in der Grundlagenforschung“, schwärmt gar Joelle Morlet-Selmer, Portfolio-Managerin beim Vermögensverwalter Mandarine Gestion.

    Tatsächlich wirkt L’Oréal geschäftlich wie ein Hort der Unaufgeregtheit. Die Konzernchefs amtieren lange – François Dalle von 1957 bis 1988, Lindsay Owen-Jones von 1988 bis 2006 und Jean-Paul Agon seit 2006. Liliane Bettencourt bedenkt sie großzügig. Unter dem Walliser Owen-Jones, intern OJ genannt, hat sich L’Oréal zum weltgrößten Kosmetikkonzern entwickelt, der mit Marken wie Garnier, L’Oréal Paris oder Lancôme alle Segmente in den Bereichen Haut- und Haarpflege sowie Schminkprodukte abdeckt. In seiner Amtszeit, die 2006 mit dem Wechsel an die Verwaltungsratsspitze endete, sprang der Nettogewinn von 188 Millionen auf 1,6 Milliarden Euro.

    Ausländer im Olymp

    Jean-Paul Agon Quelle: AP

    Anders als viele französische Konzerne entwickelte sich L’Oréal zu einem Unternehmen, in dem Ausländer etwas zu sagen haben. Von den 14 asiatischen Länderchefs sind nur sechs Franzosen. Bestes Beispiel für die Internationalität des Managements ist Asien-Chef Zaumseil: Nach 27 Jahren und Stationen in Österreich, Kanada, Deutschland, Venezuela, Mexiko, Japan und Frankreich sitzt der gebürtige Düsseldorfer im Konzernolymp. „Es werden hohe Maßstäbe angelegt, aber man hat auch sehr große Freiräume“, sagt Zaumseil. Die „aktive Auseinandersetzung“ sei „Teil der Unternehmenskultur“, bei L’Oréal herrsche „eine Art permanente Kulturrevolution“.

    Das war nicht immer so. Lange galt L’Oréal als verschlossen. Nur wenig drang aus dem Unternehmen, dessen Börsenwert so regelmäßig stieg wie die Gewinne. Zeitweise setzte das Management zu sehr auf Luxus und vernachlässigte das untere und mittlere Preissegment, das heute mehr als die Hälfte zum Umsatz von 17 Milliarden Euro beiträgt und 2009 einziger Wachstumsträger war. „Die Wirtschafts- und Finanzkrise war für L’Oréal ein Elektroschock“, sagt Morlet-Selmer. Seitdem habe L’Oréal verstärkt auf Wachstum in Schwellenländern gesetzt und den Schwerpunkt auf Einstiegsprodukte verlagert. Durch die Übernahme der Pflegemittelkette Body Shop, die weitgehend selbstständig geführt wird, kam frischer Wind herein.

    Weitere Akquisitionen im Sucher

    Und der Kosmetikriese hat weitere Akquisitionen im Sucher. Das Unternehmen hat nur zwei Milliarden Euro Nettoschulden, eine gut gefüllte Kasse und eine neunprozentige Beteiligung am Pharmakonzern Sanofi-Aventis, die sechs Milliarden Euro wert ist. „Es gibt keinen wichtigen Grund, diese Beteiligung zu behalten. Sie ist für die Gruppe eine Kriegskasse, falls man Akquisitionen tätigen will“, sagt Portfolio-Managerin Morlet-Selmer.

    Experten sehen für L’Oréal vor allem die Chance, ausgangs der Krise kräftig zu wachsen. Die Umsatz- und Ertragsdellen der Jahre 2008 und 2009 sind ausgebeult, im ersten Quartal stiegen die Erlöse weltweit um acht Prozent, wobei Asien und Lateinamerika um 20 Prozent wachsen. Eine Milliarde neue Kunden will Konzernchef Agon in den kommenden zehn Jahren gewinnen – 650 Millionen davon in Asien, etwa die Hälfte davon in China. Damit hofft er, den Rückstand gegenüber Procter & Gamble oder Unilever in den Schwellenländern aufzuholen und zugleich die Marge zu steigern.

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      Gute Beziehungen zum Élysée

      Wie viele Unternehmen setzt auch L’Oréal große Hoffnung auf China. Das Potenzial ist da. Während ein Inder pro Jahr durchschnittlich einen Euro für Kosmetikprodukte ausgibt, blättert ein Chinese vier Euro und ein Japaner 115 Euro hin – fast so viel wie die Franzosen mit 130 Euro. Um 17,6 Prozent auf 861,6 Millionen Euro ist der Umsatz von L’Oréal 2009 im Reich der Mitte gestiegen. In diesem Jahr peilt Asien-Chef Zaumseil mehr als eine Milliarde Euro an. Damit wäre China der drittwichtigste Markt des Unternehmens – nach den USA und Frankreich, aber vor Deutschland.

      Für Schlagzeilen dürfte jedoch vor allem der Prozess sorgen. Olivier Metzner, der Rechtsanwalt von Françoise Meyers-Bettencourt will durch Ton-Mitschnitte beweisen, dass die greise Konzernerbin nicht mehr im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist und von skrupellosen Beratern und „Freunden“ ausgenutzt wird.

      Dabei könnte auch Unangenehmes für Sarkozy abfallen. Denn in den Aufzeichnungen prahlt de Maistre, der Vermögensberater der alten Dame, mit guten Beziehungen zum Élysée-Palast – und dass seine Mandantin trotz Steuerhinterziehung nichts zu befürchten habe. 

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