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Gert Hof im Interview "Ein gutes Feuerwerk ist leise"

Der Licht- und Pyrokünstler Gert Hof über den richtigen Weg zum gelungenen Feuerwerk an Silvester.

Gert Hof, geboren 1951, tauchte zum Jahrtausendwechsel die Akropolis in Licht und Flammen, machte 2004 eine Show in Berlin anlässlich der EU-Erweiterung und gestaltete im Juli dieses Jahres die Taufe des Kreuzfahrtsschiffs Aidadiva. Er wuchs in der DDR auf, wo er an verschiedenen Theatern inszenierte, später auch in München, Tübingen, Zürich und Stuttgart. Hof begann 1994 die Zusammenarbeit mit der Band Rammstein, für die er bis heute Bühnenshows gestaltet. Er arbeitete mit Künstlern zusammen wie Mikis Theodorakis, Motörhead, Mike Oldfield, John Cale oder den Scorpions Quelle: Jens Rötzsch

WirtschaftsWoche: Herr Hof, in der Silvesternacht werden Millionen von Deutschen Böller verknallen und mit winzigen Raketen versuchen, die Nacht zu illuminieren. Warum tun sie das?

Es ist eine Expedition, der Mensch kommt dem Himmel ein Stück näher. Ein Feuerwerk ist eine Metamorphose des Himmels, sie verändern ihn, es wird gezaubert auf großer Fläche. Wir ersticken ja in Mittelmäßigkeit, unsere Reize sind so auf einen Mittelwert eingestellt, da muss man den Menschen das Staunen wieder beibringen. Das gelingt mit einem guten Feuerwerk.

Wie sieht denn ein gutes Feuerwerk aus?

Ich liebe monochrome Farben, wie ein reines Grün, Rot oder Gelb. Viele Feuerwerker kaufen einfach so eine Batteriebox, aus der viele Hundert kunterbunte Schüsse abgefeuert werden. Dazu spielen die dann entweder noch Carmina Burana von Carl Orff oder die Vier Jahreszeiten von Vivaldi – den Winter. Das ist dann Feuerwerk. Ich bin ein großer Freund der Architektur, vom Bauhaus, und habe mich immer gefragt, wie man das fortsetzen könnte. Normalen Architekten sind ja Grenzen gesetzt in die Höhe. Mit einem Feuerwerk und Scheinwerfern kann man jedoch viel höher schießen, meine Chrysanthemen gehen zwischen 600 und 800 Meter hoch und die Schweinwerfer strahlen 60 Kilometer weit.

Diese Mittel stehen uns nicht zu Vefügung. Habe ich denn Chancen als Privatmann an Silvester ein gutes Feuerwerk zu machen?

Absolut. Ein gutes Feuerwerk fängt damit an, dass es – bis auf gewollte Ausnahmen – wenig Nebel macht. Dafür ist es ganz wichtig, dass sie gute Raketen kaufen. Auch wegen der Sicherheit, das ist das A und O auch bei meinen Shows. Dass jemand zu Schaden kommt, ist kein Feuerwerk der Welt wert. Sparen Sie nicht an den Feuerwerkskörpern, sondern kaufen Sie gute Raketen. Das ist auch gut für die Umwelt, die billigen Raketen verpesten die Umwelt. Ich rede nicht mal vom CO2, sondern von echten Schadstoffen. Billigware raucht extrem, und die Rückstände sind hoch. Gott sei Dank haben wir doch so ein starkes Umweltbewusstsein, da sollten wir doch gerade an so einem Tag drauf achten.

Woran erkenne ich denn aber gute Feuerwerkskörper?

Das erkennen Sie, wenn es seriös zugeht, am Preis. Billige Raketen können nicht gut sein. Wenn Sie sparen wollen, legen sie lieber eine Sonate von Bach auf und zünden zwei Kerzen an, das ist auch sehr schön. Kaufen Sie Raketen oder Vulkane von großen Herstellern, da gibt es ausreichend Auswahl. Schauen Sie auf deren Web-Seiten, wo es deren Produkte zu kaufen gibt.

Mit guten Raketen kaufen allein ist es aber kaum getan.

Nein. Überlegen Sie sich eine Choreografie. Planen Sie vorher und kaufen Sie entsprechend ein. Wollen Sie ein barockes Feuerwerk machen oder ein moderneres, das ist entscheidend für die Auswahl.

Wie lange sollte das Feuerwerk denn dauern?

Ich habe für meinen Sohn zu seinem zwölften Geburtstag im Sommer eines gemacht, das hatte eine Länge von drei, vier Minuten, das reicht völlig aus. Die Grenze für ein normales Feuerwerk sind etwa sechs Minuten. Dann wird es schon schwer, den Kopf noch nach oben zu richten.

Wie viel Feuerwerkskörper brauche ich denn dann?

Wenn Sie wollen, reichen zwei Feuerwerksbatterien mit je 100 Schuss, die ihre Kugeln gut 30 Meter in die Höhe schießen. Die zwei mit möglichst unterschiedlichen Farben lassen Sie zeitlich einige Sekunden versetzt abfeuern, das ist schon ausreichend.

Das erfordert aber noch nicht meine Kreativität.

Wer mehr will, schaut auf die Packungen, welche Brenndauer die Raketen und Vulkane haben und daran können sie ausrechnen, wie viele Feuerwerkskörper sie brauchen. Sie brauchen viel weniger als Sie denken. Hauptsache, sie sind gut. Nehmen Sie beispielsweise Kometen, die bestehen aus einem silbernen oder goldenen Schweif. Die haben einen Durchmesser von gut einem Meter und gehen rund 300 Meter hoch. Wenn ich mir da 20 schlechte billig besorge, dann weiß ich ganz genau, etwa vier gehen nach oben, die einen nach links, die anderen nach rechts.

Das haben wir gelernt. Gehen wir fortan davon aus, dass wir auf jeden Fall auf die Qualität achten.

Das kann man den Menschen gar nicht oft genug sagen.

Kaufe ich denn lieber eine Sorte und schieße die als Orgel hintereinander ab oder mixe ich besser verschiedene Raketen?

Am besten beginnen sie erst mal damit, sich ein Musikstück rauszusuchen. Was einem gefällt, völlig egal.

Es muss nicht Händels Feuerwerksmusik sein?

Nein, nein, nein. Hat man die Musik, sucht man danach die Feuerwerkskörper aus. An ruhigen Stellen eignen sich Fontänen, die eine Höhe von zwei bis drei Metern haben. Die brennen bis zu einer Minute. Einen wunderbaren Effekt machen auch die bengalischen Lichter, die illuminieren in den Farben Rot, Grün, Gelb und Orange. Aus diesen Komponenten können sie zusammen mit der Musik schon eine schöne Choreografie machen. Zum Beispiel, in dem sie die bengalischen Lichter parallel verbrennen.

Da brauche ich aber viele Helfer.

Kaufen oder basteln Sie am besten eine Zündanlage, die können Sie jedes Jahr wieder verwenden. Da verdrahten Sie alles und drücken nur noch im Rhythmus der Musik die Knöpfchen. Dann schreiben Sie eine kleine Partitur, zu welchem Teil der Musik was brennen soll, starten dann die Musik und geben dann nur noch in der Reihenfolge das Zündsignal.

Wie beim Weichenstellen an der elektrischen Eisenbahn?

Genau, das konnte auch mein Sohn bei seinem Geburtstag schon gefahrlos machen. Das ist dann auch etwas für die ganze Familie, jeder kann sich beteiligen und es ist nie dieses sinnlose Geballere. Da würde man auch schon nicht mehr diese Knaller nutzen, denn die stören nur die Musik.

Sie selber mischen in Ihren Shows Licht und Feuerwerk. Was kann ich daheim tun?

Ein einfacher Halogenstrahler, wie Sie ihn in jedem Baumarkt bekommen, kann schon tolle Effekte erzeugen. Den können Sie nutzen, wenn Sie die Bengalfeuer anzünden, vielleicht so acht Stück auf 20 Meter verteilt. Die leuchten beim Brennen beispielsweise schön rot. Wenn Sie hinter der Rauchentwicklung so einen Gartenstrahler von hinten reinblenden, dann ist das magisch, das ist mystisch und dennoch ganz einfach und für jedermann zu machen. Das habe ich an der Akropolis auch gemacht, nur im großen Maßstab. Sie müssen natürlich aufpassen, den Scheinwerfer wieder auszuschalten, wenn die bengalischen Lichter abgebrannt sind, sonst heben Sie den Effekt wieder auf.

Dann ist es Zeit, den nächsten Kometen zu zünden. Wenn ich so viel Aufwand betreibe, habe ich aber selber nicht viel davon.

Mein Problem ist das gleiche: Ich bekomme meine eigene Show eigentlich nicht mit. Ich habe die ganzen Monitore vor mir, um die Show zu beobachten. Die Show wird vorher errechnet und programmiert und ich überwache natürlich den Ablauf, um gegebenenfalls per Hand die Show weiterzufahren. Ich muss dann die einzelnen Einsätze der Laser, der Scheinwerfer und Pyro-Effekte aus der Partitur kennen und den Mitarbeitern den Einsatz geben. Ich muss den ganzen Ablauf im Kopf haben, die Anspannung ist unmenschlich. Ich sehe also auch erst beim Schneiden der Filme so richtig, wie es ausgesehen hat. Das geht einem normalen Menschen, der nur drei Minuten Feuerwerk steuern muss ganz ähnlich.

Also habe ich nichts von meinem eigenen Feuerwerk?

Doch, machen Sie einen Videofilm, aber achten Sie darauf, an der Videokamera vorher einen sogenannten Weißabgleich zu machen und möglichst die Automatik auszuschalten. Denn wenn es dunkel ist, und dann die hellen Farben explodieren, dann schließt die Automatik – klatsch – und Sie sehen gar nichts mehr. Und Ihren Film mit Ihren choreografierten Feuerwerk können Sie hinterher auch noch mit der Musik, die Sie ausgewählt haben, vertonen. Denn denken Sie immer daran: Ein gutes Feuerwerk ist leise.

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