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Gesundheit Wie Kliniken an Patienten und Mitarbeitern sparen

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Augenuntersuchung: Facharzt und Klinik im Wettbewerb Quelle: Max Lautenschläger für WirtschaftsWoche

Im Einkauf liegt der Gewinn – auf die alte Kaufmannsweisheit schwören die Privaten.

Als Helios das Klinikum in Buch übernahm, kündigte das Unternehmen alle Lieferantenverträge. Die Lieferanten hätten daraufhin von sich aus angeboten, den Preis um 20 Prozent zu senken, sagt Zacher. „Da haben wir angefangen zu verhandeln.“ Gab es früher 40 Lieferanten für Schrauben, sind es nun drei. 90 Prozent der Standardpatienten, die ein Kniegelenk bekommen, erhalten die Standardprothese.

Auch ein Großteil der öffentlichen Kliniken ordert heute über Einkaufsgemeinschaften. „Aber so radikal und durchsetzungsstark wie die Privaten sind sie vielfach nicht“, sagt ein Branchenkenner. Bei den Privaten liegen die Sachkosten laut RWI bei 25 Prozent vom Umsatz, gut ein Prozentpunkt weniger als bei den Öffentlichen.

Bei Ärzten, Pflegepersonal und Verwaltung haben die Privaten deutlich stärker den Rotstift angesetzt: Der Personalkostenanteil am Umsatz liegt bei ihnen mit 57,4 Prozent deutlich unter denen der freigemeinnützigen (69,2 Prozent) und öffentlichen Kliniken (70,8 Prozent) ohne Unikliniken. Der Druck zeigt Folgen, denn er zielt auch aufs medizinische Personal. Die Arbeitsbelastung für Schwestern, Pfleger und Ärzte bei den Privaten scheint noch stärker zu steigen als bei anderen Trägern.

Mehrheit würde sich nicht in eigene Klinik gehen

So eskalierte auch im Vorzeigehaus Berlin-Buch 2007 der Stress in der Pflege. „Bundesweit beklagten Mitarbeiter aller Helios Kliniken Überlastung“, sagt Klinik-Betriebsrat Rainer Stein. Der Betriebsrat wollte eine Mitarbeiterumfrage starten, die Geschäftsführung versuchte das Projekt per einstweiliger Verfügung zu stoppen – und unterlag.

Mehr als 55% der Pflegemitarbeiter beteiligten sich an der Befragung. Von diesen bewertete mehr als die Hälfte die Stationsbesetzung mit mangelhaft oder ungenügend, ein Großteil fühlte sich häufig überlastet, die Pflegequalität wurde nur mit befriedigend beurteilt.

Die Mehrheit der Befragten würde sich bei ihrem Arbeitgeber nicht behandeln lassen. „Wir haben 2008 weit über 100 Leute in der Pflege hinzubekommen“, sagt Betriebsrat Stein, „wenn auch die meisten auf zwei Jahre befristete Jobs haben. Ständig wird nach weiteren Einsparpotenzialen gesucht.“ Nicht besser ist es bei den privaten Asklepios Kliniken: „Jede Woche zeigen zehn Mitarbeiter in jedem unserer Häuser offiziell an, dass sie überlastet sind“, sagt ein Hamburger Betriebsrat. So vermelden die Kollegen, dass sie die Verantwortung für ihre Arbeit nicht mehr übernehmen können. Die Spar-Strategie im Detail:

Haustarife.

Die meisten privaten Kliniken sind aus den öffentlichen Tarifverträgen der übernommenen Häuser ausgestiegen und haben mit den Gewerkschaften Konzern- oder Haustarifverträge vereinbart. „So lassen sich sieben bis acht Prozent einsparen“, sagt Jan Grabow, Geschäftsführer des auf Kliniken spezialisierten Wirtschaftsprüfers Curacon. Zudem zahlen die Privaten laut RWI-Studie prozentual weniger für betriebliche Altersvorsorge – und für die Ausbildung.Pfleger statt Ärzte. Da Mediziner nicht nur knapp, sondern auch immer teurer werden, versuchen die privaten Kliniken, Verwaltungsaufgaben an Servicekräfte und ärztliche Tätigkeiten auf OP-Assistenten zu übertragen. „Branchenweit bricht die klassische Arbeitsteilung zwischen Arzt und Pflegekraft zusehends auf“, sagt Wolfgang Pföhler, Vorstandschef des privaten Klinikbetreibers Rhön. Damit sich die teuren Spezialisten auf die Patienten konzentrieren können, sollen ihnen bei Rhön 250 Assistenten Verwaltungsaufgaben abnehmen.

„Solche Modelle haben mehr oder weniger alle Träger aus der Not heraus umgesetzt“, beobachtet Uwe Bettig, Professor für Management in Gesundheitseinrichtungen an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin. Sie reden nur nicht gern darüber. Umstritten aber ist das Vorhaben, Pflegekräften nach Weiterbildungen ärztliche Aufgaben zu übertragen. Am OP-Tisch soll dann der Assistent arbeiten, ein Doktor derweil mehrere OP-Säle gleichzeitig beaufsichtigen. Ein Graus für Ärzteverbände.

Asklepios sucht deshalb den Mittelweg. Seit Mai bildet die Klinikkette Chirurgische Operationsassistenten aus. Fachkräfte mit Berufserfahrung sollen nach 18 Monaten Weiterbildung während der OP assistieren, Katheter und Zugänge legen oder Wunden nähen – alles ärztliche Aufgaben.

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