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Gesundheit Wie Kliniken an Patienten und Mitarbeitern sparen

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Schöner entbinden: Kreißsaal mit Blümchen-Ambiente Quelle: Max Lautenschläger für WirtschaftsWoche

Helfer statt Pfleger.

Essen bringen oder Wäsche wechseln sind in vielen Häusern nicht mehr Aufgabe der Schwestern, sondern wesentlich billigerer Hilfskräfte.

Laut Helios-Chef Francesco de Meo spare dies zwei bis drei Prozent der Personalkosten. Auslagerung an Externe. Viele Krankenhäuser gliedern einfache Dienste wie Gebäudereinigung, Wäscherei oder Küche an Tochterunternehmen aus und zahlen dort nach niedrigeren Spartentarifverträgen.

Leiharbeit. Asklepios stelle fast nur noch Zeitarbeitnehmer ein, rügt Verdi-Gewerkschafter Dirk Völpel-Haus. Asklepios kontert, das betreffe nicht einmal ein Prozent des Personals. „Einige Konzerne missbrauchen Leiharbeit, um mit konzerneigenen Leiharbeitsfirmen Löhne zu drücken“, klagten Betriebsräte verschiedener privater Kliniken im Herbst 2008. Neue Erlöse gesucht. „Die Kliniken müssen sich mehr mit der Ertragsseite auseinandersetzen“, sagt Klinikprüfer Grabow. Dazu zählen vor allem niedergelassene Fachärzte, die in der Regel Patienten ins Krankenhaus einweisen. Das schafft Begehrlichkeiten auf beiden Seiten. Denn „der Kampf um Patienten und Marktanteile läuft auf vollen Touren“, sagt Michael Philippi, Chef der Sana Kliniken.

„Wie lang soll die Wertschöpfungskette sein? Darüber denken alle nach“, formuliert es Bridges-Vorstand Weber in schönstem BWL-Deutsch. Im Klartext: Vom ersten Facharztbesuch über die Operation und anschließendem Reha-Aufenthalt bis zum Altenheim könnte es bald alles unter einem Dach geben. „Die Klinikketten entwickeln sich in einigen Regionen zu integrierten Gesundheitsdienstleistern“, sagt Sana-Chef Philippi.

Ob das auch zugunsten der Patienten ist, steht dabei auf einem anderen Blatt: „Der Krankenhausmarkt ist nicht transparent. Der Patient hat keinerlei Übersicht, wo er gute Qualität bekommt“, rügt Helios-Chef de Meo seine Branche. Der erste Schritt in die neue Krankenhaus-Zukunft ist längst getan. Seit 2003 dürfen die Kliniken auch bestimmte am-bulante Operationen selbst machen. „Das ist der volle Konflikt zu den niedergelas-senen Ärzten“, sagt Georg Baum, Geschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft.

Privatkliniken suchen neue Einnahmequellen

Zugleich dürfen Kliniken seit 2004 sogar ambulante Praxen gründen – die medizinischen Versorgungszentren (MVZ).

Mehrere Ärzte teilen sich unter einem Dach teure Technik, Anmeldung und Verwaltung, versprechen kurze Wege und Wartezeiten sowie schnelle Diagnosen. 37 Prozent der etwa 1150 Zentren sind bereits in Klinikhand. Die Idee ist nicht neu: Polikliniken nannte man sie in der DDR. Sind Klinik und Praxis vernetzt, können Ärzte beider Häuser auf Befunde, Röntgenaufnahmen und Krankengeschichte zugreifen. Doppeluntersuchungen fallen weg.

Das spart nicht nur Zeit, sondern auch Krankenkassenbeiträge. So weit das unbestritten Positive. Problematisch wird es, wenn die Kooperation darauf hinausläuft, dass sich Kollegen aus Abhängigkeit oder als Freundschaftsdienst Patienten zuschanzen. Ein weiterer Wachstumsmarkt für Krankenhausbetreiber sind, weil die Zahl alter Menschen zuverlässig steigt, Pflegeeinrichtungen. Sana will bis zum Herbst eine „Richtungsentscheidung treffen“, ob der Geschäftszweig weiter ausgebaut wird.

Doch das Betätigungsfeld hat Haken. Die Auslastung schwankt vor allem auf dem Land und in privaten Heimen. Die Kosten sind hoch, und immer wieder gibt es Klagen über mangelhafte Betreuung und Pflege.

Verschlechtert sich zudem die Lage der gesetzlichen Pflegeversicherung weiter, setzt auch das die Heimbetreiber unter Druck. Alternativen sind Versorgungsnetze übers ganze Land, wie es sie in den USA bereits gibt. Die Münchener Rück übt mit ihrer Versicherungstochter Ergo schon mal in Spanien.

In der Region Denia übernimmt der Versicherer die komplette medizinische Versorgung aller Einheimischen. Dafür zahlt ihm der Staat eine jährliche Pauschale von 600 Euro pro Kopf für Behandlungen, Gehälter, Investitionen. Da dies nicht reicht, sollen Privatpatienten und Zusatzservice die Kasse aufbessern. In Spanien kontrolliert der Staat die Ausgaben, in Deutschland aber die Krankenkasse. Auf der Insel Rügen ist ein solches Projekt gemeinsam mit Sana dennoch in Arbeit.

Einfacher ist es, über mehr Privatpatienten mehr einzunehmen – vor allem in eigens ausgegründeten Kliniken oder Edelstationen. Essen auf Silbertabletts, Sekretariatsservice, Suiten mit DVD-Player und Internet-Anschluss – wenn schon Krankenhaus, dann soll es sich wenigstens nicht so anfühlen.

Öffentliche Häuser dürfen von ihren Privatpatienten nicht mehr als die Fallpauschalen verlangen, nur Chefarzt, Einzelzimmer oder andere Sonderwünsche werden extra abgerechnet. Privatkliniken aber sind nicht an die Fallpauschalen gebunden – obwohl die Patienten teils von den gleichen Ärzten operiert und den gleichen Schwestern gepflegt werden wie alle anderen Patienten.

Für ein gewöhnliches Einzelzimmer im Krankenhaus werden laut Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) im Schnitt 83 Euro je Nacht erhoben. Vivantes in Berlin verlangt für die Edelvariante laut Verband 260 Euro.

Für eine künstliche Hüfte berechnet Helios Privatversicherten im Einzelzimmer nach 13 Tagen normalem Krankenhausaufenthalt durchschnittlich 8900 Euro. In den Helios Privatkliniken wie in Buch sind es mehr als 10.200 Euro. Der PKV-Verband läuft Sturm und klagt nun vor Gericht, dass „die angeblichen Privatkliniken die Ressourcen des Plankrankenhauses in Anspruch nehmen – bei identischem medizinischem Leistungsspektrum“.

Wie bei Helios in Berlin-Buch: Die Privatklinik im dritten Stock des Haupthauses hat nicht einmal einen eigenen Operationssaal. Die Pfleger schieben die Privatzahler genauso in den Zentral-OP wie alle anderen Patienten auch.

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