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Gloria von Thurn und Taxis "Wir sind das Land der Bedenkenträger"

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Und umgekehrt?

Da hat sich viel verändert. Alles, was aus Amerika kam, war noch in den Siebzigerjahren toll. Heute verbinden wir Amerika mit minderwertigen Produkten von Unternehmen, die in China produzieren lassen. Das Bild, das sich hier bietet, kenne ich sonst nur aus Südamerika.

Sie denken an die heruntergekommene Infrastruktur?

Ich meine nicht nur die Infrastruktur, sondern auch die dürftige Gesundheitsversorgung und den krassen Unterschied zwischen Reich und Arm.

Andererseits haben in den USA 2010 viele Vermögende Milliarden gespendet. Typisch amerikanisch oder auch Vorbild für uns und für Sie?

Die Amerikaner sind mitnichten großzügiger als die Deutschen. Sie haben nur ein anderes System. So wird in Amerika Kultur privat finanziert. Die Spender genießen sehr große steuerliche Vorteile. Der deutsche Staat gönnt sich den Luxus, die Künstler weitgehend aus Steuergeldern zu bezahlen. Dadurch haben wir eine freie Kunst, die es sich erlauben kann, Grenzbereiche auszuloten und zeitkritisch zu sein. In Amerika muss sich Kultur lohnen. Wenn ein Museum eine kontroverse Ausstellung macht, geht sofort das Spendenaufkommen zurück. Die Kultur ist viel gefälliger als in Deutschland. Ich bevorzuge das deutsche System.

Entlässt es die Unternehmen aus der Verantwortung?

Darum geht es nicht. Wir haben auch in Deutschland ein großes Mäzenatentum. Zahllose Unternehmer engagieren sich – die Familie Oetker, der Schrauben-Würth...

...und das Haus Thurn und Taxis?

Auch wir, etwa mit dem Erhalt der Hofbibliothek, die nach wie vor öffentlich zugänglich ist. Die Bewahrung unseres kulturellen Erbes verschlingt 80 Prozent unserer Einnahmen aus Land- und Forstwirtschaft. Wir engagieren uns auch sozial, besonders mit der Notstandsküche, die schon seit dem Ersten Weltkrieg täglich circa 300 warme Mahlzeiten an bedürftige Bürger ausgibt. Das ist einzigartig in Deutschland.

Sollten die deutschen Unternehmen generell dem Gemeinwesen stärker dienen?

Unsere Sozialgesetzgebung ist sehr, sehr human. Es fängt an bei der Arbeitslosenversicherung, es geht weiter mit der Krankheitsregelung, dem Renteneintrittsalter... Insofern kann man nicht sagen, dass die Unternehmen mehr tun müssten. Wir müssen im Gegenteil darauf achten, dass ihnen nicht zu viel abverlangt wird, damit sie noch konkurrenzfähig arbeiten und Arbeitsplätze erhalten oder schaffen können.

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