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Glücksspiel Der teure Traum vom großen Geld

Das Geschäft mit der Hoffnung auf schnellen Reichtum läuft auf Hochtouren. Rund 30 Milliarden Euro geben die Deutschen inzwischen pro Jahr für Glücksspiele aus. Noch nie war der Run auf Casinos, TV-Anrufshows und Pokerrunden so groß – und die Gefahr so greifbar, abgezockt zu werden.

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Robbie Quo Quelle: Patrick Ohligschläger für WirtschaftsWoche

Achim Schotte sitzt in einem Billardcafé am Kölner Heumarkt. Der 44-jährige Hannoveraner mit den schulterlangen Haaren und der getönten Brille hat es sich an einem ovalen Pokertisch bequem gemacht. Er hat seinen Laptop aufgeklappt. Neben ihm steht eine Flasche Cola, eine Schachtel West liegt parat und ein silbernes Feuerzeug, darin eingraviert, wie Schotte sich nennt, wenn er pokert: Robbie Quo.

Es ist Montag, gegen vier Uhr nachmittags. Schotte alias Robbie Quo macht sich an die Arbeit. Er startet ein Pokerportal im Internet. 18.437 andere Spieler sind bereits auf der Web-Site und zocken um die Wette. Robbie Quo öffnet sechs Fenster, in jedem erscheint ein grüner Pokertisch. Er setzt jeweils 20 Dollar. Während die meisten seiner Gegner nur an einem Tisch spielen, pokert er gleich an sechs. Denn Robbie Quo ist kein Hobbyspieler, er ist Profi.

In rasantem Rhythmus werden Karten aufgedeckt, blinkende Dollar-Zeichen jagen über den Bildschirm. Robbie Quo klickt gelassen von einem Pokertisch zum anderen, erhöht den Einsatz hier, passt dort und hält Ausschau nach leichten Opfern. „Oh“, sagt er, „die Experten sind da.“ Mit „Experten“ meint er einen Mitspieler, der an 15 Tischen gleichzeitig spielt – mit jeweils 100 Dollar. Eindeutig ein Profi. „Mit so einem legt man sich besser nicht an“, sagt Robbie Quo und zieht sich von dem Tisch zurück. Dafür leuchtet an einem anderen Tisch „26$“ auf. Robbie Quo hat gewonnen. Macht umgerechnet 16 Euro, nach fünf Minuten.

Robbie Quo repräsentiert auf den ersten Blick eine Spezies, die schon immer im Halbdunklen und Verruchten, im Zwielichtigen und Fadenscheinigen gedieh und einen besonderen Reiz auf das übrige Publikum ausübte. Doch seit Millionen Menschen auch in Deutschland quer durch alle Gesellschaftsschichten dem Pokerspiel verfallen, sind Typen wie der Mittvierziger mehr als nur faszinierende Sonderlinge.

Der ewige Traum, ohne Arbeit über Nacht zu Reichtum zu gelangen, scheint zum Kennzeichen einer ganzen Generation geworden zu sein. Statt zum Wetten nach Großbritannien, zum Roulettespiel ins Casino oder zum Daddeln in die Spielhalle am Bahnhof zu fahren, reichen heute wenige Mausklicks, und schon rollt der Rubel. Dass die Gesetze der Wahrscheinlichkeitsrechnung solche Träume zerstören, dass unlautere Anbieter das Pech gar herbeizwingen, übersteigt vielfach die Vorstellungskraft.

Immer mehr Werbung, mehr Spiele und noch mehr Gewinne

Noch nie florierte in Deutschland das Geschäft mit dem Glück so sehr. Ob Lotto, Spielautomaten, Sportwetten oder TV-Gewinnspiele – mit immer mehr Werbung, immer neuen Spielen und immer höheren Gewinnen finden die Anbieter neue Spieler oder halten die alten bei der Stange. Etwa 30 Milliarden Euro geben die Deutschen pro Jahr für Glücksspiele aus. „Die Versuche, ohne viel Arbeit schnell das große Geld zu machen, nehmen in der Gesellschaft zu“, sagt Gerhard Meyer, einer der renommiertesten Glücksspielexperten von der Universität Bremen. Nach einer aktuellen Studie des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln zweigen Angehörige der unteren Einkommensschichten allein drei Prozent ihres Einkommens für Lotto ab, ein dreimal so hoher Anteil wie bei Besserverdienenden. „Glücksspiel ist » eine Jagd auf Arme und Dumme“, sagt Michael Adams, Wirtschaftsrechtler an der Universität Hamburg.

Der Jagd tut kein Abbruch, dass der Boom mancherorts bereits seinen Höhepunkt hinter sich zu haben scheint. Poker etwa habe „seinen Zenit überschritten“, glaubt Ingo Fiedler, Wirtschaftswissenschaftler von der Universität Hamburg. „Der Markt hat seine Reife erreicht“, sagt Martin Oelbermann, Chef des Beratungshauses Media & Entertainment Consulting Network (MECN). Erste Spielcasinos benötigen finanzielle Unterstützung ihrer Eigentümer, der Länder. Fernsehsender setzen Quizspiele ab, weil die undurchschaubaren Rate- und Anruforgien nicht mehr so einschlagen wie früher.

Doch aufgeben werden die meisten Anbieter nicht. Zu groß sind die gesetzlichen Lücken, als dass die Glücksspielindustrie nicht Wege fände, mit immer neuen Tricks die Vorschriften zu umgehen, mit den Behörden Katz und Maus zu spielen und das Geschäft anzukurbeln. Zumal der Staat zwar vorgibt, die Spielsucht eindämmen zu wollen, tatsächlich aber kräftig an ihr mitverdient und erfolgreiche Unternehmer der Branche sogar öffentlich ehrt.

Kein Wunder, dass das Spiel mit dem Glück da immer mehr Lebens- und Wirtschaftsbereiche durchzieht. Beim Gewinnsparen verknüpfen Banken die Altersvorsorge mit klassischen Lotterien. Die Berliner Börse offeriert Sportzertifikate, bei denen die Anleger etwa auf die Fußball-Europameisterschaft setzen konnten. Buchmacher wie Totobet bieten Finanzwetten an, bei denen Laien auf die Entwicklung des Deutschen Aktienindex Dax wetten können. „Spekulieren“, „Zocken“ und „Wetten“ gehören zum Standardvokabular auf den Finanzmärkten, das Wort vom „Casinokapitalismus“ ist so populär wie lange nicht.

Doch zugleich boomen – seit alters mit dem Glücksspiel verbunden – auch Lug und Trug. So wird Pokern als neuer „Volkssport“ vermarktet, der es aus dem Hinterzimmer in das Abendprogramm von ProSieben geschafft hat. Doch der Schein trügt. Razzien, Turnierverbote und interne Streitigkeiten erschüttern die Branche; Betrügereien, nicht ausgezahlte Turnierprämien oder falsche Sponsorenversprechen gehören zum Alltag. Zwei der größten Online-Pokerräume sorgen seit Monaten weltweit für Aufruhr: Personen mit Zugriff auf die interne Software konnten sich als „Superuser“ anmelden und so die Karten der anderen Spieler sehen. Zurzeit wird gegen die Verantwortlichen ermittelt. Selbst das sprichwörtliche As im Ärmel ist keine Kinolegende. In den Casinos von Hannover und Bad Zwischenahn flogen Falschspieler auf, die mit dieser Masche gewannen.

Allen voran die spätabendlichen Quizsendungen im Fernsehen, bei denen die Zuschauer beim Kanal 9Live und zahlreichen Wettbewerbern zum Anrufen animiert werden, erweisen sich nicht selten als reine Abzockmaschinen. „Es ist zum Teil unsäglich, was da passiert“, sagt Holger Girbig, Leiter der Aufsicht bei der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen. 2007 häuften sich nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten die Beschwerden von Zuschauern über nicht eindeutige Lösungen und die unklaren Mechanismen beim Durchstellen der Anrufer.

Neu an der Glücksspielleidenschaft ist nicht der Spaß der Teilnehmer, den Zufall oder den Gegner zu überlisten. Das hat die Menschen schon immer gereizt. Die ältesten bekannten Würfel aus geschnitzten Knochen stammen aus Mesopotamien und dem alten Ägypten. Und ebenso alt wie das Glücksspiel selbst ist auch der Streit, ob und in welchem Maß der Staat dagegen vorgehen soll. In Baden-Württemberg etwa war das Zahlenlotto bis 1957 verboten. Der Grund für die Intervention des Staates ist die dunkelste Seite des Glücksspiels, die Sucht, wie sie der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski in seinem Roman „Der Spieler“ beschrieb. Dostojewski selber verspielte tatsächlich ein Vermögen, und zwar in den Casinos von Wiesbaden und Bad Homburg, weswegen er die Handlung seines Romans an den fiktiven Kurort Roulettenburg verlegte.

Eine andere Qualität gewinnt das Glücksspiel heute dadurch, dass Roulettenburg inzwischen nicht mehr nur hie und da ist, sondern – dank Internet und Spielhallen, dank Quizsendungen und Pokerboom – überall. Entsprechend umkämpft ist das Geschäft und groß der Streit über die Eingriffe des Staates. Denn die Gefahr, dass Glücksspiele süchtig machen, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen schätzt die Zahl der Spielsüchtigen in Deutschland auf über 220.000, der Fachverband Glücksspielsucht geht sogar von 400.000 aus.

Günther Jauch darf nicht mehr, Boris Becker hingegen schon

Der Streit zwischen Unternehmen und Behörden dreht sich meist um die Frage, ob eine Quizsendung oder ein Spielautomat ein Glücks- oder ein Geschicklichkeitsspiel ist. Also ob „die Entscheidung über den Gewinn ganz oder überwiegend vom Zufall abhängt“, wie es im Glücksspielstaatsvertrag zwischen den Ländern heißt. Die Glücksspielindustrie versucht dieser Einordnung und den Verboten zu entgehen. Sportwettenanbieter behaupten, der Erfolg hänge mehr vom eigenen Wissen als vom Zufall ab. So argumentieren nun auch Pokeranbieter. „Poker ist ein Geschicklichkeitsspiel“, sagt Sven Stiel, der für den Marktführer Pokerstars arbeitet. Doch damit schaffen sie genau die Illusion, die das Glücksspiel so gefährlich macht, warnen Experten. Der Süchtige klammert sich an die Vorstellung, er könne mit seinen Fähigkeiten das Glück zwingen.

Dies ist allerdings nur die eine Seite der staatlichen Eingriffe. Im Windschatten der Spielsuchtbekämpfung kassierte der Staat im Jahr 2006 durch Lotteriesteuern und Spielbankabgabe 4,1 Milliarden Euro. Bei keinem Glücksspiel sind Gewinnchance und -ausschüttung so klein wie bei den landeseigenen Lottogesellschaften, auch wenn deren Überschüsse für gute Zwecke ausgegeben werden. Um diese Pfründen zu sichern, gilt in Deutschland seit Januar ein neuer, rechtlich umstrittener Staatsvertrag, der das Spielen im Internet und Fernsehwerbung für Glücksspiel untersagt.

Die Folgen sind teilweise skurril: So darf die SKL-Show mit Günther Jauch wegen des Werbeverbotes nicht mehr ausgestrahlt werden. Ex-Tennisstar Boris Becker dagegen darf munter für Poker werben, weil die Online-Pokeranbieter ihrerseits in Deutschland nur für Internet-Seiten werben, auf denen ausschließlich mit Spielgeld gepokert wird. Doch die Pokerportale, auf denen um echtes Geld gespielt wird, sind nur einen Mausklick entfernt. Es ist immer das Gleiche. Bis ein Glücksspiel gesetzlich zugelassen ist, sind längst neue Spiele in Mode, andere Internet-Seiten gegründet oder neue Märkte erobert.

Das ist auch der eigentliche Grund für die plötzliche Pokerleidenschaft der Deutschen. Das Kartenspiel schwappte erst so richtig nach Europa, als die Online-Variante in den USA im Herbst 2006 verboten wurde und die Anbieter ihre Werbeetats verlagerten. Zwei bis sechs Millionen Deutsche spielen inzwischen regelmäßig mit Freunden, im Casino oder online Poker – sagen die Pokerverbände.

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