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Glücksspiel Las Vegas in Sibirien

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Die Fahrt von Barnaul nach Sibirskaja Moneta führt durch schneeverwehte offene Landschaft, in der hier und da Birken stehen, vorbei an einem Museum, das dem russischen Kosmonauten German Titow gewidmet ist. Dann sind da das Hinterland von Bijsk, Meuten wilder Hunde und mehrere usbekische Cafes. Die letzten paar Kilometer der Fahrt führen über eine vereiste, einspurige Holperstrecke durch schäbige Dörfer. Die Gemeindebehörden sehen dies als Vorteil: „Wenn die Leute aus Moskau oder von woanders hierherkommen, dann nicht nur um zu spielen. Sie wollen im Wald sein, in den Bergen – Hirsche sehen."

Das Projekt Sibirische Münze entspricht dem russischen Hang zu Großvorhaben, die andere für unmöglich halten. Einige dieser Projekte – zum Beispiel die Transsibirische Eisenbahn und das Wasserkraftwerk Wolgograd – wurden verwirklicht. Andere nicht. So wurden sowjetische Pläne von 1971, durch unterirdisch gezündete Atombomben die Fließrichtung mehrerer Flüsse umzukehren, schließlich verworfen. Wie die anderen Spielerorte ist Sibirskaja Moneta das Resultat von moralisch verbrämten Opportunismus – mit eingebautem Widerspruch: der Schaffung von Glücksspiel-Zonen, um aus der generellen Ablehnung von Glücksspiel Kapital zu schlagen. „Man dachte, man könne schwache Regionen fördern und gleichzeitig die Moral hochhalten", sagt Wadim Nowikow, leitender Wissenschaftler der Moskauer Akademie für Volkswirtschaft. „Moskau oder Sotschi wären eine sinnvolle Wahl gewesen, aber sie wollten arme Regionen entwickeln, die sozusagen per Definition für ein solches Vorhaben nicht geeignet sind."

"Ihr seid verrückt!"

Das schlechte Geschäft in den Kasinos der anderen Glücksspiel-Zonen kostet die Staatskasse Steuereinnahmen, sagt Ljubow Loginowa, Chefin des Moskauer Kasino-Ausrüsters Alsart Group. Raschid Taimasow wiederum, der Chef der Royal Time Group, der das Oracle Casino in Asow gehört, will von Investments in der neuen Kasinozone nichts wissen. Erst müsse das „Infrastrukturproblem" gelöst werden, wie er es ausdrückt. Auch Boettcher legt nach: „Was ein Anspruch, Vegas in die Altai-Region setzen zu wollen – oder nach Spanien, Ungarn oder Frankreich! Ich sage ihnen jedes Mal wieder: ‚Ihr seid verrückt!’"

Der Staat steht jedoch weiter unerschütterlich zum Moneta-Projekt. Nach Worten von Elena Wladimirowa, der Assistentin von Minister Michail Schtschetinin, lautet die „offizielle Position", dass das Projekt umgesetzt wird, und zwar innerhalb von zwei Jahren und unter Budget. Schtschetinin selbst sei – leider – unabkömmlich, um über die vielen positiven Entwicklungen zu sprechen. Er wollte gerne, darauf besteht Wladimirowa, aber er sei sehr beschäftigt. „So ist das mit wirtschaftlicher Entwicklung", sagt sie.

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