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Glücksspiel Las Vegas in Sibirien

Russland will am äußersten Ende Sibiriens ein Spielerparadies eröffnen mit Luxushotels und Edelkasinos. Sogar der Hongkonger Kasinomagnat Albert Yeung erwägt Investitionen - sagt die Regierung.

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Glücksspiel Quelle: dpa

Bald jetten Scharen glückssuchender Menschen in die autonome russische Republik Altai mit ihren schneebedeckten Gipfeln – für eine Nacht an verrauchten Würfeltischen, ein Dinner mit Starkoch oder einen Junggesellenabschied mit Stripperinnen. Es wird neonerleuchtete Kasinos und Hotelpaläste geben, Männer in Smokings und Blondinen in Miniröcken. Wenn die Gäste in Penthaussuiten mit Marmorbadewannen eintreffen, finden sie ein Täfelchen Schokolade auf ihrem Kopfkissen, darauf in kyrillischer Schrift die Botschaft: Sibirien – aufregend und sexy.

Allerdings fehlt für diese Fantasie eine wichtige Voraussetzung: Strom – und Straßen, ein Rohrnetz und Kommunikationseinrichtungen. Doch keine Sorge, das kommt noch! Eine vierköpfige Kolonne legt schon Stromleitungen, die die Lasterhöhle ins richtige Licht tauchen sollen. Bald, versichert ein Mann der Baukolonne, werde der Bau der ersten von mehreren geplanten Fünfsterne-Anlagen beginnen. „Klingt verrückt", sagt er, „aber sie sagen es." Dann deutet der Arbeiter auf einen schneebedeckten Hang. „Dort soll das erste Kasino hin", meint er. Dann zeigt er auf einen weiteren Hügel: „Dort das zweite." Er hält inne, um an seiner Zigarette zu ziehen. „Sie sagen, das wird das Las Vegas Sibiriens. Aber besser, man fährt ins Las Vegas von Las Vegas."

Neue Arbeitsplätze

Das Ost-Vegas – offiziell Sibirskaja Moneta, „Sibirische Münze" – ist ein Einfall der russischen Regierung. 2008 ließ Wladimir Putin, der damalige Staatspräsident und derzeitige Ministerpräsident, in ganz Russland das Glücksspiel verbieten – außer in vier abgelegenen Sonderzonen. In drei davon stehen bereits Kasinos: in der zwischen Polen und Litauen an der Ostsee gelegenen Enklave Kaliningrad, in Asow an einem Nebenmeer des Schwarzen Meeres und in der Region Primorje im äußersten Südosten Russlands. Überall läuft das Geschäft schlecht, weil die Infrastruktur fehlt, und jetzt ist die noch weiter abgelegene Republik Altai an der Reihe.

Der Staat hofft, dass das Projekt Arbeitsplätze schafft und im Umfeld des Kasinobetriebs weitere Unternehmen entstehen. Dies wäre ein gewisser Ausgleich für die Jobs, die durch das Verbot des Glücksspiels 2008 verloren gingen. Michael Boettchers Unternehmen Storm International besaß und betrieb vor der Zwangsschließung in Moskau und Nischni Nowgorod 25 Kasinos und Spielhöllen, er schätzt den Kahlschlag auf eine halbe Million Jobs.

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    15 Kasinos und 30 Hotels

    Boettcher veranschlagt die Kosten für einen Ausbau der Republik Altai in ein Glücksspiel-Mekka auf 50 Milliarden Dollar. Die russischen Behörden rechnen mit einer viel niedrigeren Summe – rund einer Milliarde Dollar. Damit wollen sie 15 Kasinos und 30 Hotels für bis zu 3.000 Besucher bauen. Immerhin finden sich Investoren, wenn auch langsam: Die staatliche Nachrichtenagentur RIA Novosti berichtete, der russische Bauträger Alti errichte für 14,4 Millionen Dollar zwei Hotels mit hundert Zimmern. Vergangenen August teilte das slowenische Glücksspiel- und Tourismusunternehmen Hit Company mit, es wolle in der Region „dabei sein". Michail Schtschetinin, Minister für wirtschaftliche Entwicklung der Altai-Region, sagte zum Moskauer Nachrichtendienst Business New Europe, der Hongkonger Kasinomagnat Albert Yeung erwäge zu investieren. Weder Yeung noch Schtschetinin wollten sich hierzu äußern. Die Eröffnung des ersten Hotels ist für 2012 geplant. „Bald werden die Mafia, das Geld und die Prostituierten auftauchen", sagt Anatoli Golowatschjow, der Chef des nahe gelegenen Touristzentrums Kaimskoje.

    Wenn sie denn hinkommen. Sibirskaja Moneta liegt vier Stunden mit dem Auto von Barnaul entfernt, einer Stadt mit fünf Monaten Winter, deren bestes Restaurant – „Velvet" – für Rindsmedaillons bekannt ist. Die Hotels wimmeln von Männern in Lederjacken und Mädchen, die Vogue-Zigaretten rauchen und warten, dass ihr Telefon klingelt. Auch Barnaul hat ein Kasino, das Lemon Mega Chance, aber es ist illegal. Gängige Berufe sind der Schmuggel seltener Vögel, Taxi fahren und Prostitution.

    Die Fahrt von Barnaul nach Sibirskaja Moneta führt durch schneeverwehte offene Landschaft, in der hier und da Birken stehen, vorbei an einem Museum, das dem russischen Kosmonauten German Titow gewidmet ist. Dann sind da das Hinterland von Bijsk, Meuten wilder Hunde und mehrere usbekische Cafes. Die letzten paar Kilometer der Fahrt führen über eine vereiste, einspurige Holperstrecke durch schäbige Dörfer. Die Gemeindebehörden sehen dies als Vorteil: „Wenn die Leute aus Moskau oder von woanders hierherkommen, dann nicht nur um zu spielen. Sie wollen im Wald sein, in den Bergen – Hirsche sehen."

    Das Projekt Sibirische Münze entspricht dem russischen Hang zu Großvorhaben, die andere für unmöglich halten. Einige dieser Projekte – zum Beispiel die Transsibirische Eisenbahn und das Wasserkraftwerk Wolgograd – wurden verwirklicht. Andere nicht. So wurden sowjetische Pläne von 1971, durch unterirdisch gezündete Atombomben die Fließrichtung mehrerer Flüsse umzukehren, schließlich verworfen. Wie die anderen Spielerorte ist Sibirskaja Moneta das Resultat von moralisch verbrämten Opportunismus – mit eingebautem Widerspruch: der Schaffung von Glücksspiel-Zonen, um aus der generellen Ablehnung von Glücksspiel Kapital zu schlagen. „Man dachte, man könne schwache Regionen fördern und gleichzeitig die Moral hochhalten", sagt Wadim Nowikow, leitender Wissenschaftler der Moskauer Akademie für Volkswirtschaft. „Moskau oder Sotschi wären eine sinnvolle Wahl gewesen, aber sie wollten arme Regionen entwickeln, die sozusagen per Definition für ein solches Vorhaben nicht geeignet sind."

    "Ihr seid verrückt!"

    Das schlechte Geschäft in den Kasinos der anderen Glücksspiel-Zonen kostet die Staatskasse Steuereinnahmen, sagt Ljubow Loginowa, Chefin des Moskauer Kasino-Ausrüsters Alsart Group. Raschid Taimasow wiederum, der Chef der Royal Time Group, der das Oracle Casino in Asow gehört, will von Investments in der neuen Kasinozone nichts wissen. Erst müsse das „Infrastrukturproblem" gelöst werden, wie er es ausdrückt. Auch Boettcher legt nach: „Was ein Anspruch, Vegas in die Altai-Region setzen zu wollen – oder nach Spanien, Ungarn oder Frankreich! Ich sage ihnen jedes Mal wieder: ‚Ihr seid verrückt!’"

    Der Staat steht jedoch weiter unerschütterlich zum Moneta-Projekt. Nach Worten von Elena Wladimirowa, der Assistentin von Minister Michail Schtschetinin, lautet die „offizielle Position", dass das Projekt umgesetzt wird, und zwar innerhalb von zwei Jahren und unter Budget. Schtschetinin selbst sei – leider – unabkömmlich, um über die vielen positiven Entwicklungen zu sprechen. Er wollte gerne, darauf besteht Wladimirowa, aber er sei sehr beschäftigt. „So ist das mit wirtschaftlicher Entwicklung", sagt sie.

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