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GM-Europa-Chef Forster im Interview "Lokale Autonomie für Opel"

Der voraussichtliche Opel-Chef Carl-Peter Forster über den Einstieg von Magna und der russischen Sberbank, das Verhältnis zur US-Mutter General Motors, den Weg aus den roten Zahlen – und eine mögliche Party mit Bundeskanzlerin Angela Merkel.

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Carl-Peter Forster Foto: Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Forster, Opel wird voraussichtlich an das Magna-Konsortium verkauft. Was bedeutet das für Opel?

Forster: Wir bei Opel haben immer deutlich gemacht, was uns wichtig ist: Planungssicherheit, ausreichende Investitionen in neue Produkte und eine positive Zukunft für die Mitarbeiter und deren Familien. Die Chance, dies nun gemeinsam mit Magna zu verwirklichen, sind gut.

Ist das die Entscheidung? Oder wird es sich GM noch mal anders überlegen?

Die GM-Empfehlung für eine Zusammenarbeit mit Magna ist ein wichtiger Schritt. Aber es sind noch weitere Schritte notwendig, um den Weg bis zum Ende zu gehen. Alle involvierten Gruppen – die Unternehmen, aber auch Politik und Treuhand – müssen jetzt weiter hart arbeiten, damit diese Empfehlung mit Inhalten gefüllt wird und tatsächlich in einen unterschriftsreifen Vertrag mündet.

Warum zog sich die Entscheidung so lange hin?

Es ging um nicht weniger als die zukünftige Position von General Motors im europäischen Automarkt. Die Frage, welche Rolle Opel dabei spielt, war von extremer Tragweite für den Konzern. Das war wirklich nicht leicht zu beantworten. Am wenigsten für die neuen Mitglieder des Verwaltungsrates, die erst seit Kurzem im Amt sind und sich erst einmal in die Thematik einarbeiten mussten.

Sie haben sich schon vor der GM-Entscheidung eindeutig für Magna ausgesprochen. Da haben Sie hoch gepokert. Was, wenn es nicht Magna geworden wäre?

Ich habe nie ausschließlich für Magna plädiert. Ich habe nur gesagt, welche Chancen ich für Opel in Europa sehe und dass ich der Meinung bin, dass der neue Eigentümer von Opel sich langfristig engagieren sollte. Das hätte Magna sein können. Das wäre aber theoretisch auch unter dem Dach von GM gegangen. Opel braucht jemanden, der die Chancen für Opel in Russland gerne wahrnehmen will. Und natürlich suchen wir nach einem Weg, der Marke Opel die größtmöglichen Entfaltungsmöglichkeiten zu geben. Wenn ich das addiere, dann bietet Magna eine gute Perspektive.

Welche Voraussetzungen sehen Sie für eine gute Zusammenarbeit mit Magna?

Es sollte eine Zusammenarbeit sein, die locker und straff zugleich ist. Sie brauchen eine Organisation, die auf der Basis gemeinsamer Lösungen und technischer Standards arbeitet, sonst erzielt man keine Vorteile durch die gemeinsame Größe. Auf der anderen Seite müssen die Mitarbeiter, die die Autos bauen und verkaufen, die Chance haben, eigenständig und schnell auf die Anforderungen des Marktes zu reagieren. Dafür müssen sie den Opel-Mitarbeitern eine lokale Autonomie ermöglichen. Diesen Spagat muss man hinkriegen.

Lokale Autonomie? Mit GM wäre das schwierig geworden…

GM war früher bekannt für regional höchst unterschiedliche Fahrzeuge. Es gab im Konzern eher zu wenige Standards, was verhinderte, die Kostenvorteile großer Stückzahlen zu heben. In den vergangenen Jahren ging es jedoch in die andere Richtung. Es gab zu viele Standards und zu wenig lokale Autonomie.

Opel-Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz hat gesagt, dass Opel durch die Verzögerungen der vergangenen Monate 1,1 Milliarden Euro verloren habe. Stimmt das?

Solange es keine Entscheidung über den neuen Eigentümer gab, konnten wir die Kosten nicht so stark senken, wie wir das gerne getan hätten. Aber die genannten Verluste stimmen nicht. Herr Franz macht manchmal so seine eigenen Rechnungen, die wir nicht immer ganz nachvollziehen können. 1,1 Milliarden Euro ist jedenfalls viel zu hoch.

1,1 Milliarden Euro klingt aber so, als hätte da jemand spitz gerechnet.

Das täuscht. Wir wollten im Juli eine Entscheidung haben, sind nun aber erst im September so weit. Das ergibt eine Verzögerung von zwei Monaten. Nehmen wir an, wir hätten pro Monat einen Betrag von unter 100 Millionen Euro verloren, dann wären dadurch weniger als 200 Millionen Euro Verlust aufgelaufen. Aber niemals 1,1 Milliarden. Natürlich hat Herr Franz recht, wenn er sagt, dass die Hängepartie geschadet hat. Solange wir nicht wussten, wer der neue Opel-Eigentümer sein wird, konnten wir unser längst ausgearbeitetes Sparprogramm nicht umsetzen.

Trotzdem hat Opel durch die Verzögerung überzähliges Personal länger bezahlt, als es nötig war.

Wir wollen künftig 1,2 Milliarden Euro einsparen. Der wichtigste Baustein, um das zu erreichen, ist Personalabbau. Es wird um eine hohe vierstellige Zahl von Arbeitsplätzen gehen, vielleicht auch etwas mehr. Der Markt ist um 20 bis 25 Prozent zurückgegangen, ebenso unser Absatz in Europa. Das erfordert eine entsprechende Verringerung der Kapazitäten. Das sieht auch das Konzept von Magna vor.

Was muss darüber hinaus geschehen?

Wir müssen auch im Verkauf vorankommen, beispielsweise bei den Firmenkunden. Es sind nicht die Privatkunden, die die Situation von Opel irritiert und die sich deshalb beim Kauf zurückhalten. Es ist eher das Flottengeschäft, das unter der Situation leidet. Wenn nun bald die Verhältnisse bei Opel geklärt sind, werden auch die Firmenkunden wieder stärker unsere Produkte nachfragen.

Gewerkschafter sagen, Opel verliere zurzeit jeden Tag Geld. Wie soll Opel je profitabel werden, wenn selbst der Schub durch die Abwrackprämie keine schwarzen Zahlen brachte?

Die Aussage, dass wir jeden Tag Geld verlieren, stammt, wie Sie richtig sagen, nicht von uns. Sie stimmt auch nicht. Es gibt Zeiten, in denen wir sehr wohl schon profitabel sind. Aber insgesamt fehlt uns noch ein wenig für die schwarze Null. Wir haben ja noch fast die gesamte Restrukturierung vor uns. Sobald unsere Strukturen an den Markt angepasst sind, haben wir auch andere Ergebnisse.

Wo steht Opel in fünf Jahren?

Wir können uns in Russland noch besser aufstellen, und auch in anderen ausgewählten Märkten der Welt hat Opel noch Chancen. Wir sind gut positioniert bei den Kompakt- und Mittelklassewagen. Chancen sehe ich vor allem noch unterhalb des Kleinwagens Corsa. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir hier ein neues Modell auf den Markt bringen. Wir werden unsere Stärke bei verbrauchsarmen Fahrzeugen ausbauen. Wir haben sehr große Erfolge mit dem Design unserer neuesten Modelle, das werden wir über die ganze Palette hinweg ausbauen. Nicht zuletzt werden wir mit dem Elektroauto Ampera, das schon 2010 kommt, Maßstäbe setzen. Opel ist und bleibt ein starker Volumenhersteller in der Mitte des Marktes.

Es gibt viele starke Volumenhersteller. Warum braucht es unbedingt Opel?

Ich gebe zu, Opel war eine Zeit lang nicht unbedingt die emotional spannendste Marke. Aber Opel hat hier stark zugelegt, viele Menschen mögen die Marke und begeistern sich für unsere Produkte. Wir sind damit in der Mitte des Marktes, die übrigens immer wichtiger wird, gut aufgehoben.

Magna will Sie zum neuen Chef von Opel berufen. Dürfen wir gratulieren?

Personalien haben wir bislang nicht diskutiert. Ich lehne es ab, persönliche Interessen vor Unternehmensinteressen zu stellen. Zuerst müssen die Fragen geklärt werden, die das Unternehmen betreffen. Ich bin aber auch selbstbewusst genug zu sagen: Wenn nicht hier, dann hätte ich auch anderswo Chancen.

Die Bundeskanzlerin will sich auf der anstehenden Messe IAA für die Opel-Rettung feiern lassen. Haben Sie schon eine schöne Party am Opel-Stand vorbereitet?

Für große Partys ist das sicher nicht der richtige Zeitpunkt. Natürlich sind wir der Kanzlerin und den anderen beteiligten Politikern quer durch alle Parteien für die Unterstützung sehr dankbar. Im Mittelpunkt der IAA stehen aber immer noch die Autos. Deshalb wird es auf unserem Stand vor allem um einen guten Start für den neuen Astra gehen.

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