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Googlability

Haben Sie schon mal von Googlability gehört? Nicht? Sollten Sie aber! Das Internet wächst und wächst, es kennt Antworten zu Karrierefragen, Kommentare zum Klimawandel oder Rezepte für Boeuff Stroganoff. Und immer öfter weiß es auch Wissenswertes über die Fragensteller selbst. Immer mehr Nutzer füttern das neue, personalisierte Internet, kurz Web 2.0, mit immer persönlicheren Daten – und das lockt immer mehr Neugierige an. Selbstdarstellung und Exhibitionismus sind zur Freizeitbeschäftigung für Millionen geworden. Ein paar Klicks reichen aus, um ein eigenes Webjournal zu betreiben, private Bilder hochzuladen oder in Blogs und Fachforen munter mitzuplappern. Was da entsteht, ist ein gigantisches globales Zentralarchiv, ein Online-Gedächtnis, das alles sieht und weiß und fast nichts mehr vergisst. Und das ist das Problem. Das Netz macht Lebensläufe transparenter als es vielen recht ist. Mal eben ein paar Ausrutscher retuschieren und die eigene Laufbahn schönen – das ist kaum noch möglich. Wahr ist, was digital geschrieben steht. Und das hat Folgen. Immer mehr Personaler werten dieses Wissen systematisch aus, durchforsten die Online-Vita eines Kandidaten, achten auf Lücken oder Widersprüche im Lebenslauf, auf eine seriöse Darstellung sowie darauf, ob jemand die Schlüsselpersonen seiner Branche kennt und umgekehrt. Profiling heißt das im Fachjargon. So ist auf einmal für jeden erkennbar, wo und mit wem jemand zur Schule gegangen ist, für welche Vereine oder Verbindungen er sich engagiert hat, wer seine oder ihre Freunde sind und was die so treiben. Aber auch die Schattenseiten einer Vita – ein missglücktes Projekt, Verleumdungen, die Rache eines verschmähten Liebhabers, Jugendsünden – stehen plötzlich für alle sichtbar im Cyberspace. Das Netz mutiert nicht nur zu einem allumfassenden Wissensspeicher, sondern auch zum Reservoir der Indiskretion. Ein enormes Wissen – und eine enorme Macht. Der Internet-Leumund ist längst ein Faktor, der die Karriere entscheidend beeinflussen kann. Bei einer aktuellen Befragung des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) von mehr als 300 Personalberatern und Personalentscheidern gaben 28 Prozent an, das Internet regelmäßig zu nutzen, um Lebensläufe von Kandidaten auf Schwachstellen abzuklopfen: Referenzen, fachliche Eignung, Vergangenheit, Kompetenzen, Meinungsäußerungen, Mitgliedschaften, Freizeitaktivitäten – alles wird gesammelt und ausgewertet. 69 Prozent der Personalprofis nutzen das Medium dazu immer häufiger, mit entsprechenden Konsequenzen: In 34 Prozent der Fälle flogen Kandidaten schon nach den Online-Recherchen aus dem Auswahlprozess. Die WirtschaftsWoche widmet diesem Thema in der aktuellen Ausgabe (Nr. 47) eine Titelgeschichte. Darin finden Sie zudem Tipps zum anonymeren Surfen, dem Löschen von unliebsamen Daten sowie einem Interview zur wachsenden Bedeutung der Reputation. Zudem haben wir im Internet für diese Geschichte eine Kunstfigur angelegt: Reiner Fakeman. Sie soll Ihnen a) am konkreten Beispiel zeigen, mit welchen Mitteln man sein Image im Web gestalten kann und b) transparent machen, wie sich welche Einträge in den Trefferlisten der Suchmaschinen auswirken, welche Einträge (die wir bewusst erzeugt haben) gefunden und wo sie später eingeordnet werden. Drei Beispiele: Schon kurz nach Erscheinen des Fakeman-Blogs verwendeten einige Glückspielseiten den bis dahin bei Google völlig unbekannten Namen "Reiner Fakeman" im Kontext, nur um entsprechende Klicks auf ihre Seiten zu locken. Im Prinzip harmlos. Aber will man damit in Verbindung gebracht werden? Am Wochenende verwiesen bereits zwölf Blogs und andere Webseiten auf die Story und die Fakeman-Seiten. Letztere führten bis dato die Suchlisten unangefochten an. Nun liegt die erste eigene Webseite, das Fakeman-Blog, nur noch auf Rang 4. Besser verdrahtete und ältere Blogs haben sie verdrängt. Wären diese rufschädigend, würde es schwer, den Platz zurück zu erobern. Ebenfalls am Wochenende tauchten in einem anderen Blog Kommentatoren auf, die sich als "Reiner Fakeman" ausgaben, es aber nicht waren. Den naheliegenden Spaß habe ich zwar erwartet - er zeigt aber auch, wie leicht es ist, im Namen anderer Unfug zu veröffentlichen und so dessen Reputation zu beeinflussen. Auf MySpace wurde ich übrigens von einigen Mitgliedern auf gefälschte Identitäten angesprochen. Zitat: "Von Fake zu Fake: Auf MySpace ein glaubwürdiges Profil anzulegen ist wirklich einfach. Man muss nur genug Leute als Freund hinzufügen, gefühlte 70% bestätigen ohne Nachfrage den Kontakt. Nachdem ich hier 200 Freunde hatte, habe ich alle meine Bilder gegen die aktuellen ausgetauscht. Das ursprüngliche Profil war eine komplett andere Person, aber das hat nur drei (!) Leute gestört." Desillusionierend. Welche Erfahrungen haben Sie im oder mit dem Internet gemacht? Sind Sie schon einmal ausgegoogelt worden und daraufhin in einem Bewerbungsprozess abgeblitzt? Hat jemand versucht, Ihren virtuellen Ruf zu schädigen? Oder haben Sie selbst eine Scheinidentität angenommen, um Ihren Ruf zu schützen? Diskutieren Sie mit mir und anderen Lesern dieses Thema...

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