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Handel Heißer Herbst für Handelskonzerne

Die Handelskonzerne ziehen in einen wahren Kreuzzug gegen Preiserhöhungen – selbst große Markenhersteller sind dagegen fast chancenlos. Wie die Discounter gegen die geplanten Preissteigerungen der Hersteller kämpfen.

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Heißer Herbst für die Quelle: AP

Der Mann ist Manager eines namhaften deutschen Markenartikelherstellers, stets korrekt in Anzug und Krawatte. Doch das, was ihm zurzeit widerfährt, raubt ihm langsam die Contenance. „Hier, hören Sie sich das mal an“, schimpft er und kramt einen Brief hervor, den er gerade von einem Einkäufer eines großen deutschen Handelskonzerns erhalten hat. „Mit Ihrem Schreiben vom soundsovielten teilen Sie uns eine Preiserhöhung zum soundsovielten mit“, beginnt der Text des Krämerkonzerns, um sodann auf das Wesentliche zu kommen. „Hiermit widersprechen wir der Preiserhöhung und verweisen auf unsere aktuellen Vereinbarungen. Bis zu einer einvernehmlichen Einigung gehen wir davon aus, dass die bisher vereinbarten Preise Gültigkeit behalten.“

So „einen Wisch“, schäumt der Manager des Markenartikelherstellers, habe er in den vergangenen Wochen von allen großen Handelsunternehmen erhalten. Während sein Unternehmen unter steigenden Löhnen und Rohstoffkosten ächze, hagele es von den Handelskonzernen nur harsche Ablehnung – hier vom Einkäufer der Edeka-Gruppe, dort auf weißem DIN-A4-Papier mit rotweißem Logo vom Konkurrenten Rewe: „Bezugnehmend auf Ihr Schreiben teilen wir mit, dass wir eine Preisänderung ausdrücklich ablehnen.“

Die Monate Oktober und November verliefen noch nie besonders friedlich zwischen Einzelhandel und Herstellern in Deutschland. Schon immer kämpften beide Seiten in den Wochen vor dem großen Weihnachtsgeschäft mit härtesten Bandagen um die Preise, die die Handelskonzerne den Produzenten im folgenden Jahr zu zahlen bereit sind. Doch diesmal haben die sogenannten Jahresgespräche, wie die Preisrunden in der Branche beschwichtigend heißen, eine völlig neue Qualität.

Fronten hinter den Regalen sind verhärtet

Die Fronten hinter den Regalen sind verhärtet. Demonstrativ, unmissverständlich und kompromisslos erklären die Handelsriesen mit Blick auf die drohende Rezession nicht nur jede Preiserhöhung für tabu. „Die Krise wird drastische Konsequenzen haben“, droht etwa Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub (Kaiser’s, Obi). Geht es nach den Handelsriesen, sollen die Hersteller für ihre Suppen, Waschmittel oder Joghurts sogar weniger als zurzeit erhalten – in vielen Warengruppen mindestens zehn Prozent. Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels, erwartet daher „eine spürbare Entspannung bei der Entwicklung der Lebensmittelpreise“. Um den Druck zu erhöhen, bauen große Ketten wie die Metro-Tochter Real derzeit beinahe demonstrativ ihr Angebot von Eigenmarken aus – Schokopuddings und Backmischungen etwa, die fast wie Markenartikel aussehen, aber viel weniger kosten.

Umgekehrt stöhnen Bahlsen und Unilever, Henkel und Nestlé, Brauereien und Zigarettenhersteller über gestiegene Kosten bei Mehl, Getreide, Energie oder Rohöl. Wenn es nach ihnen geht, soll der Handel den Mehraufwand in den kommenden Monaten auf die Preise und somit auf die Verbraucher abwälzen. „Wir haben weiteren Handlungsbedarf und das auch so beim Handel adressiert“, sagt Stefan Leitz, Vertriebschef bei Unilever Deutschland.

Nach seinen Plänen sollen zum Jahreswechsel die Preise für einzelne Pfanni- und Knorr-Produkte, Körperpflegemittel wie Dove oder Rexona und Putzmittel wie Domestos oder Viss steigen – um durchschnittlich zwischen 5 und 15 Prozent. Henkel-Chef Kasper Rorsted kündigte für Persil, Pril und Pritt Preiserhöhungen von bis zu zehn Prozent an. Fazit der Unternehmensberatung Wieselhuber & Partner aus München nach einer Befragung von 40 Lieferanten: „Die Unternehmen streben im Durchschnitt für die bevorstehende Jahresgesprächssaison Preiserhöhungen von vier Prozent an.“

Die Chance, dass die Hersteller trotz ihrer Kostenprobleme höhere Preise erzielen, stehen so schlecht wie nie. Denn die Machtverhältnisse haben sich in den vergangenen Jahren zugunsten des Handels massiv verschoben, der das Geschehen fast nach Belieben diktieren kann: Nach einem gewaltigen Konzentrationsprozess beherrschen die zehn größten Lebensmittelhändler mehr als 85 Prozent des Marktes. Allein die Top Fünf – Metro, Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe (Lidl) – dominieren 70 Prozent. Gemessen an deren Umsätzen, wirkt das Geschäft riesiger Markenartikler wie Nestlé und Unilever fast wie Peanuts, verliert die Verhandlungsmacht international agierender Produzenten drastisch an Stärke.

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