10 Jahre nach Arcandor-Insolvenz „Es war von Anfang an absehbar, dass Quelle keine Zukunft hat“

Im Jahr 2009 wurden die Wolken über der Arcandor-Zentrale in Essen immer dunkler. Im Juni musste der Konzern Insolvenz anmelden. (Archivfoto vom 19.06.2009). Quelle: dpa

Vor zehn Jahren meldete der Handelskonzern Arcandor mit den Töchtern Karstadt und Quelle Insolvenz an, eine der spektakulärsten Pleiten der Wirtschaftsgeschichte begann. Im Interview spricht Arcandor-Insolvenzverwalter Hans-Gerd Jauch über den Ablauf der Rettungsmission und verrät, wie er aus Altpapier Geld machen will.

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Sein großer englischer Schreibtisch steht bereits, die wuchtigen Bilder seines Lieblingskünstlers fehlen noch. Baulärm schallt durchs Büro am Kölner Barbarossaplatz, wo Hans-Gerd Jauch gerade sein neues Domizil aufgeschlagen hat. Bislang war Jauch Partner der Insolvenzkanzlei Görg, die er einst mitbegründet und über Jahre geprägt hat. Doch seit ein paar Wochen – nach Erreichen der Görg-internen Altersgrenze – macht er sein eigenes Ding: „Jauch Rechtsanwaltsgesellschaft“ lautet der Name seines Start-ups, in dem es – was sonst – um Insolvenzen geht. Neue Fälle will er annehmen, alte zu Ende bringen, darunter auch den größten Verfahrenskomplex seiner Karriere: Arcandor. Vor zehn Jahren, am 9. Juni 2009, meldete der Konzern mit seinen Töchtern Karstadt und Quelle Insolvenz an. Eine der spektakulärsten Pleiten der Nachkriegsgeschichte begann. Fernsehbilder von der Arcandor-Zentrale in Essen flimmerten damals über die Bildschirme und zeigten drei Männer im Blitzlichtgewitter: Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick, den Düsseldorfer Sanierungsexperten Horst Piepenburg und den vorläufigen Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg. Jauch war nicht zu sehen. Er leitete im Hintergrund die Mission, übernahm aber später, als sich Klaus Hubert Görg in den Ruhestand verabschiedete, auch formal das Amt des Arcandor-Insolvenzverwalters.

Herr Jauch, vor zehn Jahren meldete der Handelskonzern Arcandor Insolvenz an. Wie lief der erste Tag im größten Pleiteverfahren der deutschen Wirtschaftsgeschichte ab?
Als der Anruf des Gerichts kam, sind Herr Görg und ein Kanzleiteam direkt zur Arcandor-Hauptverwaltung nach Essen gefahren. Ich war auch dabei und war ganz froh, als die erste Pressekonferenz begann. Das war wie beim Fußballspiel. Sofort setzte ein riesiger „Run“ nach unten ein, alle wollten dabei sein. Das gab mir Gelegenheit, oben im Gebäude ein paar Dinge zu regeln.

Was gibt es am Anfang denn zu regeln?
Zunächst geht es schlicht darum, einen Platz zu finden, von wo aus man den Einsatz steuert. Wir haben uns an einem großen Besprechungstisch im so genannten War Room versammelt. Ich habe am Anfang gerne den Überblick und dafür ist es nicht schlecht, wenn alle zusammensitzen. Das ist ein Vorgehen, dass sich bei mir übrigens auch privat bewährt hat - mit sechs Kindern, vier großen Hunden und einer Frau wäre es sonst kaum möglich, den Überblick zu behalten. (lacht) Aber im Ernst: Gerade in der Anfangsphase tauchen so viele verschiedene Fragestellungen auf, dass man sonst erhebliche Informationsdefizite riskieren würde. Das haben wir über mehrere Monate so belassen.

Was musste in den ersten Stunden entschieden werden?
Am Anfang schlägt alles auf einen ein. Alle wollen etwas haben und etwas wissen – es gibt im Grunde aber nichts, was sofort entschieden werden muss. Wir haben uns erstmal einen groben Überblick geben lassen. Die Berater von Roland Berger haben uns bis nachts um drei Uhr über Arcandor informiert. Sie hatten ja schon vorher dort beraten. Wir haben die Gesellschaftsstruktur ausgedruckt und an die Wand gehängt und geschaut, wo die Gelder liegen und welche Probleme auf uns zu kommen.
Ihr erster Eindruck vom Konzern?
Zum Zeitpunkt des Insolvenzantrages war Arcandor weitgehend ausgelaugt. Es gab eine verschachtelte Konzernstruktur und kaum verfügbare Sicherheiten. Sehr schnell drängten dann die Probleme beim Quelle-Versand nach vorne auf die Agenda.

Warum?
Durch die Finanzierungstruktur war die Lage in Nürnberg hochgradig prekär. Wenn ein Kunde bei Quelle etwas bestellt hatte, bezahlte er meistens sehr viel später, oft auch auf Raten. Quelle wiederum verkaufte diese Forderungen gegenüber den Kunden mit Abschlag an einen so genannten Factorer weiter und bekam sofort Geld dafür. Nach dem Insolvenzantrag kündigte das Factoring-Unternehmen jedoch direkt die Verträge.

Welche Folgen hatte das?
Die Liquiditätsversorgung brach zusammen. Es war klar, dass über Wochen so gut wie kein Geld aus den Verkäufen reinkommen würde. Um das Geschäft fortzusetzen, brauchten wir daher dringend einen Kredit.

Und den Banken war das zu riskant?
Ja. Deshalb sind wir schon wenige Tage nach dem Insolvenzantrag nach Berlin zur Politik geflogen und haben gesagt: Wir brauchen 50 Millionen Euro. Aber die Verhandlungen zogen sich hin. Erst einen Monat später haben wir schließlich den so genannten Massekredit bekommen. Das war hochproblematisch da wir den kompletten Konzernteil Quelle mit Tausenden Beschäftigten über Wochen in der Schwebe halten mussten. Sie können nichts bestellen, nichts bezahlen, keine Druckaufträge etwa für den Quelle-Katalog erteilen. Nichts.

Wieso ging es trotzdem weiter?
Weil kein zentraler Geschäftspartner den Stecker ziehen wollte. Der Stromanbieter hat weiter geliefert, die Logistik funktionierte. Irgendwann kam der Vertreter der Druckunternehmen zu mir ins Büro und fragte, ob ich ihm versprechen könne, dass der Auftrag für den Quelle-Katalog noch kommt. Ich habe ihm geantwortet, dass ich nichts Verbindliches sagen kann. Daraufhin wollte er den Vertrag eigentlich beenden, bis ihm auffiel, dass seine Entscheidung das Aus der Quelle bedeutet hätte. Das wollte er dann doch nicht. Den Untergang des Traditionsunternehmens wollte niemand verantworten.

Auch Sie nicht? Bei dieser Ausgangslage hätten Sie Quelle doch direkt abwickeln können.
Wir hätten Quelle tatsächlich am ersten Tag schließen können - das wäre insolvenzrechtlich im Grunde nicht zu beanstanden gewesen. Das Unternehmen war illiquide, die IT war völlig veraltet, der Onlineauftritt eine Zumutung. Das ganze Geschäftsmodell war hinter dem Mond. Aber stellen Sie sich vor, wir hätten das wenige Tage nach dem Insolvenzantrag wirklich getan: Das wäre nicht vermittelbar gewesen. Wenn sie in einem solch prominenten Fall mit so einem Vorschlag gekommen wären, hätte sich das zuständige Gericht verständlicherweise abgesichert und erstmal Gutachter bestellt. Die Politik wäre auf das Thema raufgesprungen. All das hätte nichts an den operativen Umständen geändert, aber einen riesigen Shitstorm verursacht.

War von vornherein klar, dass die Rettung nicht klappen würde?
Nach meiner Einschätzung war von Anfang zumindest absehbar, dass Quelle keine Zukunft hat.

„Mindestens fünf Jahre werden wir noch brauchen“

Trotzdem wurde ein Investorenprozess aufgesetzt. Warum?
Man will keine noch so kleine Chance ungenutzt lassen – und als Insolvenzverwalter muss man natürlich auch gegenüber Gläubigern, Mitarbeitern und der Öffentlichkeit belegen können, dass man alles versucht hat. Deshalb haben wir einen professionellen Verkaufsprozess gestartet und eine Bank eingeschaltet. Die wiederum hat potentielle Interessenten angeschrieben, die Bücher wurden geprüft und Verhandlungen gestartet und am Ende sind alle – wie erwartet – abgesprungen. Es bedarf manchmal vielleicht einfach einer gewissen Zeit der Gewöhnung an die Faktenlage. Die Menschen müssen sich darauf einstellen, dass es scheitern kann. Das war bei Quelle der Fall.

Karstadt konnte dagegen an einen Investor übertragen werden. War die Ausgangslage so viel besser?
Da wir im Präsenzhandel kein Ratengeschäft finanzieren mussten, konnten wir aus den Umsätzen unmittelbar die nächsten Wareneinkäufe bezahlen. Wir waren daher in der Lage für eine Übergangszeit von einem Jahr das Geschäft zur Suche eines Investors „am Leben“ zu halten.

Was hat der Verkauf den Karstadt-Gläubigern gebracht?
Es steht noch eine Ausschüttung aus. Bislang haben die Karstadt-Gläubiger rund fünf Prozent ihrer Forderungen erhalten.

Wann werden die Insolvenzakten von Karstadt, Arcandor und Quelle endgültig geschlossen?
Bis der letzte Ratenkäufer gezahlt hat, vergeht Zeit. Dann beginnt das Inkasso einzelner Forderungen. Diese Forderungen werden in verschiedenen Portfolien gebündelt und weitergekauft. Damit sind wir fast durch. Anschließend müssen noch steuerliche Aspekte geklärt werden. Dann folgt bei Quelle die Schlussrechnung. Zwischen den Verfahren müssen Quoten ausgeschüttet werden. Auf Arcandor-Ebene laufen zudem noch mehrere Rechtsstreite, unter anderem gegen den früheren Vorstandschef Thomas Middelhoff und weitere ehemalige Manager und Aufsichtsräte. Auch gegen die Wirtschaftsprüfer sind Schadenersatzklagen anhängig. Am Ende müssen noch die Gläubigeradressen aktualisiert werden.

Das klingt nicht nach einem raschen Abschluss der Insolvenzverfahren.
Mindestens fünf Jahre werden wir bis zum Abschluss der Arcandor-Insolvenz-Verfahren noch brauchen. Das ist bei einem Verfahrenskomplex dieser Größenordnung aber durchaus normal. In Nürnberg lagern wir noch rund 15.000 Paletten und Transportboxen randvoll mit Akten, die wir mindestens zehn Jahre aufbewahren müssen.

Die Frist ist bald abgelaufen. Was geschieht mit den Akten?
Wie prüfen gerade, wie sich der Preis für Altpapier entwickelt. Vielleicht springt durch die Verwertung über einen Entsorger sogar noch etwas für die Gläubiger heraus.

Würden Sie einen Verfahrenskomplex wie den Arcandor-Fall noch einmal übernehmen?
Klar, sofort.

Sie haben hier nur eine Handvoll Mitarbeiter. Wie wollen Sie ein Großverfahren stemmen?
Ehrlich gesagt brauchen Sie bei Konzerninsolvenzen gar nicht so viele Leute, da ist oft auch viel Show der großen Kanzleien dabei. Sie brauchen ein paar Spezialisten und müssen mit den vorhandenen Mitarbeitern arbeiten. Das sind die Experten, die sie brauchen…

… und die für eine Krise im Unternehmen oft mitverantwortlich sind. Wie wollen Sie die in die richtige Richtung steuern?
Das hat viel mit Menschenführung zu tun – und etwas mit Kontrolle. Oft werden bei Insolvenzen sofort die Chefs ausgetauscht – das ist aufwendig und teuer. Denn die Expertise muss erst von außen reingeholt und bezahlt werden. Im Grunde muss man Leute sehr schnell einschätzen können. Wenn jemand krumme Geschäfte macht, muss man ihn aussortieren. Aber in der Regel kann man mit vielen Geschäftsführern gut und konstruktiv zusammenarbeiten. Wenn jemand ordentlich mitarbeitet, hilft das Kosten zu sparen – das nutzt den Gläubigern und sollte auch berücksichtigt werden, wenn es am Ende um Verantwortungsfragen und Regressforderungen geht.

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