100 Prozent Grupp

Praktiker ist das Opfer hemmungsloser Gier

„20 Prozent auf alles außer Tiernahrung“. Eine irrsinnige Rabattstrategie plus maßlose Eigentümer haben die Baumarktkette in den Ruin getrieben.

Das sind die besten Baumärkte Deutschlands
Das Deutsche Institut für Service-Qualität hat neun große Baumarktketten anhand von 108 verdeckten Testbesuchen auf Herz und Nieren geprüft: Wie sind die Wartezeiten, wie kompetent und freundlich sind die Angestellten, wie umfangreich ist das Sortiment? Praktiker belegte vor seiner Insolvenz Platz neun. Besonders die Kompetenz der Mitarbeiter sei zu bemängeln gewesen, urteilten die Testkäufer. Die Beratung sei zu oberflächlich und die Mitarbeiter wenig motiviert. Insgesamt machten die Mitarbeiter bei jedem fünften Testbesuch falsche Angaben oder wiesen nicht auf Gefahren hin - etwa bei der Verlegung eines Starkstromanschlusses. Quelle: dpa
Am schlechtesten schnitten die Mitarbeiter der Firma Hornbach ab. Dafür überzeugte Hornbach mit einem sehr großen Angebot. "Kunden können aus vielen Produktgruppen, Herstellermarken, Größen und Farben wählen. Und es gab in großem Maße Aktionsangebote", kommentiert Serviceexpertin Bianca Möller, Geschäftsführerin des Marktforschungsinstituts. Insgesamt reichte es somit für Platz acht. Quelle: AP
Die Qualität von Service und Beratung wurde anhand von jeweils zwölf verdeckten Besuchen in verschiedenen Filialen der neun Unternehmen analysiert. Im Fokus der Analyse standen die Kompetenz und Freundlichkeit der Mitarbeiter, die Gestaltung und die Sauberkeit der Räumlichkeiten, das Angebot sowie die Warte- und Öffnungszeiten. Mitarbeiter der Firma Hagebau haben sich bei der Beratung der Kunden nicht mit Ruhm bekleckert. Die Beratung war oft oberflächlich und der Umgang mit Beschwerden ließ zu wünschen übrig. Bei Hagebaumarkt reichte es für Platz sieben. Quelle: Screenshot
Die meisten Heimwerkermärkte, wie auch die Globus Baumärkte, überzeugten durch saubere Räumlichkeiten, ausreichende Parkmöglichkeiten und viele Zusatzservices wie Werkzeugverleih. So zählten die Globus-Filialen zu den übersichtlichsten und boten die meisten Zusatzservices an, dafür ließen auch hier die Mitarbeiter zu wünschen übrig. Sie reagierten auf Beschwerden am unprofessionellsten und zeigten Schwächen beim Fachwissen. Dafür gibt es Platz sechs von neun. Quelle: AP
Bauhaus überzeugte mit sehr umfangreichen Zusatzdienstleistungen wie Holzzuschnitt oder Werkzeugverleih. Wegen der sehr langen Wartezeiten an Kasse und Info reichte es allerdings nur für Platz fünf. "Wer fachmännischen Rat bei einem Baumarktmitarbeiter sucht, muss sich gedulden: durchschnittlich rund viereinhalb Minuten, in Einzelfällen sogar bis zu einer Viertelstunde - das ist deutlich zu lang", kritisiert Serviceexpertin Bianca Möller. Quelle: Screenshot
Die Toom Baumärkte schafften es auf Platz vier im Ranking. Was das Fachwissen und die Beratung der Mitarbeiter angeht, schaffte es Toom sogar unter die Top drei. Besonders positiv fiel den Testern auf, dass die Angestellten den Kunden oft günstige Produktalternativen gezeigt haben. Quelle: Screenshot
Die Bronzemedaille geht an den Baumarkt mit dem Bieber. Obi überzeugte mit einem umfangreichen Angebot und kompetenten Mitarbeitern. Quelle: obs

Praktiker ist nicht unbedingt ein zweiter Fall Schlecker. Die Baumarktkette ist seit ihrer Gründung 1978 in Luxemburg unter dem Namen Bâtiself mehrfach verkauft worden. Hier haben mehrere Unternehmer die Bodenhaftung verloren oder ihr Schärflein ins Trockene gebracht, während Geldgeber und Arbeitnehmer mit dem Unternehmen untergingen.

Das Scheitern von Praktiker hat seine Ursache in der Gier von Konzernen, die ihr  Heil im hemmungslosen Wachstum sehen. Die damalige Konzernmutter Asko in Saarbrücken, die später in dem Düsseldorfer Handelsriesen Metro aufging, hatte nichts Besseres zu tun, als Wettbewerber zu schlucken, allein 1979 die neun Märkte von Baywa. Von 1985 an folgte der Erwerb der damaligen Wickes-,  1990 der Realkauf-Märkte.

Die Liste der Übernahmen ließe sich beliebig verlängern: BLV, Massa, Huma, extra, Bauspar, Wirichs. Alle diese Unternehmen waren für Praktiker nichts anderes als ein Mittel, Konkurrenten mit viel Kapital aus dem Rennen zu schlagen und sich die Opfer einzuverleiben. Insofern ist Praktiker der typische Fall eines großmachtsüchtigen Konzerns, dessen Verantwortliche glauben, mit ihrer Kapitalkraft alles zu ihrem Vorteil regeln zu können.

Dazu trugen kräftig die schier unersättlichen heute mehr als 600 Mitglieder des Industriellen-Clans Haniel bei. Als Großaktionäre des Düsseldorfer Handelskonzerns Metro, zu dem Praktiker 1995 kam, holten die Familienaktionäre aus der Baukette heraus, was sie konnten. Zunächst brachte Metro die Baumarktkette im November 2005 ein zweites Mal an die Börse und bescherte dadurch sich und somit den Haniels viele Millionen.

Keine drei Wochen später verkaufte Metro die Immobilien von Praktiker für sage und schreibe umgerechnet 240 Millionen Euro an eine Investmentfirma. Ein größeres Weihnachtsgeschenk durch Aussaugen einer Firma hätten sich Metro und dahinter die Haniels gar nicht machen können.

Dass dieses Vermögen jetzt in der Insolvenz fehlt, um Gläubiger zu befriedigen oder die Arbeitnehmer zu bezahlen, ist der bisher unbeachtete Skandal des Praktiker-Konkurses. Dafür muss die Bundesagentur für Arbeit einspringen, um die Beschäftigten in den kommenden drei Monaten mit Beitragszahlungen der deutschen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auszuhalten.

Die eigentlichen Ursache für die Zahlungsunfähigkeit von Praktiker sind aber ein völlig verfehltes Konzept und schwerstes Missmanagement. Der Grundstein dazu wurde bereits 1982 durch die Einführung des Discount-Prinzips geführt. Doch anders als Aldi war die Idee bei Praktiker von Vorneherein zum Scheitern verurteilt. 

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