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1000 Stellen betroffen Kaufhof will Logistikstandorte schließen

Exklusiv
Karstadt- und Kaufhof-Filiale liegen wie hier in Düsseldorf teilweise direkt gegenüber Quelle: dpa

Nach Komplettübernahme durch Karstadt-Eigner Signa droht der Warenhauskette Kaufhof neues Ungemach: Logistikstandorte sollen schließen, weitere Stellenstreichungen zeichnen sich ab. Die Belegschaft fühlt „Wut und Angst“.

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Der Warenhauskonzern Kaufhof steht vor weiteren Einschnitten. Nach Stellenstreichungen in der Kölner Zentrale und in den Filialen zeichnen sich jetzt nach Informationen der WirtschaftsWoche auch in der Logistik Standortschließungen und ein umfassender Personalabbau ab. Etwa 1000 der rund 1600 Logistik-Beschäftigten könnten ihre Jobs verlieren, heißt es intern. 

Hintergrund sind Pläne des Managements, nach dem Zusammenschluss von Kaufhof und Karstadt auch die Warenbelieferung für die Filialen zusammenzulegen. Bereits vor der Fusion hatte Karstadt ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Logistikkonzern Fiege gegründet, in das nun auch Teile der Kaufhof-Logistik integriert werden sollen. „Das Unternehmen will den Großteil der Lagerstandorte schließen“, sagt Orhan Akman, Bundesfachgruppenleiter Einzelhandel der Gewerkschaft Verdi, der WirtschaftsWoche. In der neuen Struktur sei bislang „nur noch einer von bisher fünf großen Galeria-Kaufhof-Standorten“ vorgesehen, so Akman. Ob sich diese Zahl durch die geplante Öffnung des Logistik-Bereichs für externe Handelspartner noch ändert, ist fraglich.

Beim Betriebsrat und der Gewerkschaft Verdi formiert sich unterdessen Widerstand gegen die Kürzungspläne. Für Montag sind Betriebsversammlungen an den Logistikstandorten von Kaufhof geplant. „Wir werden gegen diese geplanten Einschnitte kämpfen und zusammen mit den Beschäftigten auf die Barrikaden gehen“, kündigte Akman an. Auch die Pläne für den Bau eines neuen Logistikzentrums in Zülpich für den E-Commerce sind inzwischen wieder vom Tisch, heißt es intern. Mit dem Neubau sollte die Basis für den Ausbau des Online-Geschäfts geschaffen werden. „Größe und Lage des neuen Standorts garantieren kurze Lieferzeiten und bieten die perfekten Rahmenbedingungen, um das digitale Wachstum weiter voranzutreiben“, tönte noch vor rund zwei Jahren Klaus Hellmich, damals Digitalgeschäftsführer von Kaufhof. Inzwischen ist Hellmich nicht mehr Teil der neuen Geschäftsführung, die unter der Leitung von Stephan Fanderl zum großen Teil aus früheren Karstadt-Managern besteht. Seit dessen Amtsantritt geht es Schlag auf Schlag.

„Das kracht im Moment“

Erst vor wenigen Wochen hatten sich Kaufhof-Mitarbeitervertreter und Unternehmensleitung auf einen Interessenausgleich und Sozialplan für den Stellenabbau in den Filialen und der Zentrale verständigt. Demnach sollen in der Verwaltung der Warenhauskette in Köln 1000 Vollzeitstellen wegfallen und in den Filialen rund 1000 von zunächst rund 1800 angekündigten Stellen gestrichen werden. Für die verbliebenen Beschäftigten soll der Tarifvertrag nicht mehr gelten, die Mitarbeiter bekommen somit beispielsweise keine tariflichen Lohnerhöhungen mehr. Zudem wird ein Freiwilligen-Programm aufgelegt: Wer aus freien Stücken geht, soll eine höhere Abfindung erhalten.

Das Programm könnte regen Zulauf bekommen. Vielen Kaufhof-Angestellten gefalle die neue Kultur nicht, die bei Karstadt gepflegt werde, heißt es intern: „Die Stimmung in der Belegschaft ist dominiert von Wut und Angst“. Einer, der die internen Prozesse kennt, berichtet: „Das Management unterschätzt, was es heißt, zwei Unternehmen zusammenzuführen. Das ist eine Riesenherausforderung. Wenn die kulturelle Integration nicht gelingt, wird es sehr schwer. Das kracht im Moment.“

Am 11. Juni hatte der österreichische Immobilien-Unternehmer René Benko bekannt gegeben, über seine Signa-Holding für rund eine Milliarde Euro die verbliebenen 49,99 Prozent Kaufhof-Anteile vom kanadischen Einzelhandelskonzern Hudson's Bay Company (HBC) zu übernehmen. Signa und HBC hatten erst im vergangenen Dezember ein Gemeinschaftsunternehmen aus Karstadt und Kaufhof gebildet und so einen neuen Warenhauskonzern mit europaweit rund 243 Standorten und rund 32.000 Mitarbeitern geschaffen.

Problem der Doppelstandorte

Gerd Hessert, Handelsexperte der Uni Leipzig, habe dieser neuerliche Schritt „nicht überrascht“: „Die vollständige Zusammenlegung beider Kaufhäuser zu einer Warenhaus AG ist strategisch richtig und kommt aus meiner Sicht schon zu spät.“ Jetzt folge der schwierige Part, sagt Hessert: „Wie ordnet man das Ganze? Es geht darum, Kosten einzusparen, die aus dem Heben von Synergiepotenzialen möglich sind. Die Häuser müssen saniert werden – das kostet und das dauert.“ Hier und da sei zwar in jüngerer Vergangenheit schon etwas Bewegung in die Fläche gekommen, „mit einzelnen Konzeptbeiträgen wie der Kosmetikkette Sephora oder der Modemarke Top-Shop. Aber das sind Einzelfälle. Außer der Umbenennung wurde bislang kaum ein neuer Anreiz für die Kunden geschaffen.“ Das sieht auch Verdi-Mann Orhan Akman ähnlich: „Was bei Kaufhof und Karstadt aktuell als Strategie bezeichnet wird, beschränkt sich in Wahrheit doch nur auf das Senken von Kosten“, kritisiert er. Unternehmenschef Stephan Fanderl sei der „derzeit größte Jobkiller im Handel“.

Im Zuge der Komplettübernahme von HBC sicherte sich Benkos Signa auch sämtliche Anteile am bislang gemeinsamen Immobilienbestand. Dies sind aktuell rund 65 von insgesamt 172 Häusern (ohne KaDeWe, Alsterhaus und Oberpollinger): 79 Karstadt- und 93 Kaufhof-Häuser. Die Standorte sind schwerlich miteinander zu vergleichen: Es gibt von beiden Marken Vorzeigefilialen in sehr gut besuchten Fußgängerzonen wie in Köln, München, Frankfurt, Stuttgart und Düsseldorf; die kürzlich sanierte Kaufhof-Filiale in Aachen gilt laut Insidern der neuen Führungsmannschaft um Fanderl als Vorzeigefiliale. Viele andere Filialen aber in mittelgroßen, strukturschwachen Städten haben schwer zu kämpfen und häufen teilweise Verluste an. Hinzu kommt das bekannte Problem von Doppelstandorten: Von 30 Karstadt- oder Kaufhof-Filialen, die seit 2010 geschlossen wurden, traf es laut Gerd Hessert in 16 Fällen einen Doppelstandort. Derzeit gebe es 60 Doppelstandorte in 26 deutschen Städten. 

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