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Adler Modemärkte AG „Wenn der Lockdown bis Ostern dauert, wird es ein Blutbad geben“

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Eine Frau mit Mund-Nase-Bedeckung geht an einem Schild des Unternehmens «Adler Modemärkte» an einem Einkaufszentrum vorbei. Quelle: dpa

Adler-Vorstandschef Thomas Freude und Sanierungsexperte Christian Gerloff über ihre Rettungspläne für die insolvente Modekette – und die existenzbedrohenden Folgen der Coronakrise für die gesamte Textilbranche.

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Die insolvente Modekette Adler soll verkauft werden. „Es gibt Interessenten für Adler“, sagte der vom Unternehmen eingesetzte Restrukturierungsexperte Christian Gerloff der WirtschaftsWoche. Der Investorenprozess laufe jetzt an, Ende Februar soll die „offizielle Marktansprache“ erfolgen. Ziel sei es, mit der geplanten formalen Eröffnung des Insolvenzverfahrens am 1. Juni „eine Investmentvereinbarung abzuschließen und das Unternehmen anschließend über einen Insolvenzplan neu aufzustellen“, so Gerloff.

Ein wichtiges Element der künftigen Ausrichtung sei „die Ausweitung des E-Commerce-Geschäfts“, sagte Adler-Vorstandschef Thomas Freude. „Bis 2023 wollen wir den Onlineumsatz von 10 auf mindestens 60 Millionen Euro steigern“, so Freude. Insgesamt wolle man Konzernumsatz und Profitabilität  wieder deutlich steigern. Überzeugen soll potenzielle Investoren auch die hohe Kundenloyalität, so verfüge Adler über mehr als 3 Millionen aktive Kundenkarteninhabern, sagte Freude. 

Das börsennotierte Unternehmen aus Haibach bei Aschaffenburg hatte im Januar einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Anchor-Partner Tobias Wahl wurde zum vorläufigen Sachwalter bestellt. Das Unternehmen führte als Grund für die Insolvenz die erzwungene Schließung fast aller Läden in der Coronapandemie an. „Durch 12 Monate Pandemie haben wir rund 250 Millionen Euro Umsatz verloren“, sagt Vorstandschef Freude. Anders als zuletzt oft dargestellt, sei Adler vor den Corona-Lockdowns solide aufgestellt und durchfinanziert gewesen. „Wir haben 2019 einen deutlichen Gewinn verbucht, es bestanden auch keine Bankschulden“, so Freude. „Das heißt, ohne die Lockdowns hätte es die Insolvenz nicht gegeben.“

Adler betreibt aktuell 171 stationäre Modefilialen, davon 142 in Deutschland und beschäftigt mehr als 3300 Mitarbeiter. Für sie beginnt nun eine Phase der Ungewissheit. „Wir versuchen, dem Unternehmen einen Weg durch den Lockdown zu bauen und werden zunächst weiter auf Kurzarbeit setzen und später das Insolvenzgeld nutzen, um zeitlich möglichst flexibel zu bleiben“, kündigte Gerloff an. Denn derzeit ist unklar, wann Einzelhändler ihre Geschäfte wieder öffnen dürfen, was die gesamte Branche vor existenzielle Probleme stellt. Mit Esprit, Galeria Karstadt Kaufhof, Sinn, Appelrath Cüppers, Escada und Hallhuber hatten schon im vergangenen Jahr mehrere bekannte deutsche Modehändler Insolvenzverfahren gestartet.

Und weitere dürften bald folgen. „Die Lockdown-Verlängerungen haben verheerende Auswirkungen auf den gesamten Modehandel und jeder weitere Tag trifft die Branche ins Mark“, konstatiert Gerloff, der als einer der versiertesten Insolvenz- und Sanierungsexperten für die Modebranche gilt. So war der Jurist in unterschiedlichen Funktionen an Verfahren und Restrukturierungen von Bekleidungshändlern und -herstellern beteiligt, darunter Laurèl, Wöhrl, Rena Lange, K&L, Gerry Weber, Escada und zuletzt Hallhuber. 



80 bis 90 Prozent Rabatt

Die Folgen des Lockdowns für den Textilhandel beschreibt Gerloff mit drastischen Worten: „Das ist im Grunde so, als würde man einen Ertrinkenden unter Wasser halten und ihm raten: ‚Halt noch fünf bis zehn Minuten durch, aber dann kannst Du wieder richtig Luft holen.‘“ Jeder weitere Schließungstag treffe die Unternehmen ins Mark und „wenn der Lockdown bis Ostern dauert, wird es ein Blutbad in der Branche geben“, so Gerloff. 

Aber selbst wenn die Läden früher öffnen, sei die Krise in der Branche noch lange nicht vorbei, warnt Adler-Chef Freude. Bei vielen Anbietern seien „teils noch Winterartikel auf der Fläche und können – wenn überhaupt – nur mit hohen Abschlägen verkauft werden.“ Schon Ende Januar dürfte sich nach früheren Schätzungen des Bundesverbands des Textileinzelhandels (BTE) eine halbe Milliarde unverkaufter Modeartikel in den Läden aufgetürmt haben.

„Bei vielen Waren wird es 80 bis 90 Prozent Rabatt geben, damit die aufgestaute Ware noch verkauft werden kann", sagte jüngst BTE-Hauptgeschäftsführer Rolf Pangels gegenüber der „Rheinischen Post“. Auch der Verkauf der Frühjahrsware werde wahrscheinlich mit hohen Nachlässen verbunden sein. „Das belastet uns das ganze Jahr“, so Pangels.

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Heikel dürfte die Lage daher auch bei den nächsten Orderrunden werden: „den Unternehmen fehlt schlicht das Geld, um die Ware für Herbst und Winter zu bestellen“, sagt Freude. Läuft alles nach Plan, kann zumindest Adler dann auf die Unterstützung eines neuen Investors zählen. Die ist auch notwendig, denn Staatshilfen sind für Unternehmen in der Insolvenz nicht vorgesehen – selbst wenn es gute Sanierungschancen gibt. „Die Regelungen zur Überbrückungshilfe III sehen vor, dass ein Antrag eines Unternehmens unzulässig ist, wenn dieses Insolvenzantrag gestellt hat“, sagt Gerloff. „Aus meiner Sicht eine verfassungswidrige Regelung, da die Hilfe als Überbrückung über den Lockdown dienen soll“. Diese Hilfen seien bei einem insolventen Unternehmen mit Betriebsfortführung aber genauso notwendig. „Der Staat hat hier ein völlig überkommenes Denken zur Insolvenz“, kritisiert der Experte.

Mehr zum Thema: Die Detailauswertung des Insolvenzverwalter-Rankings der WirtschaftsWoche zeigt, welche Verwalter 2020 die umsatzstärksten Insolvenzfälle betreut haben.

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