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Alkoholabsatz in der Coronakrise Die große Ernüchterung

Zu Beginn der Corona-Krise ging der Absatz alkoholischer Getränke im Einzelhandel nach oben. Durch den weggebrochenen Gastronomie-Konsum ist der Umsatz der Getränkebranche wohl dennoch gesunken. Quelle: dpa

Vor wenigen Wochen schienen Marktdaten einen Alkoholboom in der Coronakrise zu belegen. Doch trinken die Deutschen jetzt wirklich mehr Bier, Wein und Schnaps?

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Die Sache schien klar: „Verbraucher kaufen in Corona-Zeit mehr Wein, Gin und Korn“ und „Mit Alkohol gegen ‚Corona-Blues‘“ vermeldeten im April zahlreiche Medien unter Verweis auf eine Analyse des Nürnberger Marktforscher GfK. Von Ende Februar bis Ende März gingen demnach gut ein Drittel mehr Weinflaschen über die Ladentheken als im gleichen Zeitraum 2019. Auch bei klaren Spirituosen wie Gin oder Korn betrug die Steigerung 31,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings stünden den Zuwächsen im Einzelhandel die Umsatzverluste in der Gastronomie gegenüber, erklärte GfK-Handelsexperte Robert Kecskes damals. Der Zusatz ist entscheidend. Denn das stürmische Wachstum blieb ausschließlich auf die Verkäufe in Supermärkten und Discountern beschränkt, während die Restaurants, Cafés und Kneipen wochenlang geschlossen blieben.

Wie aber sieht die Bilanz aus? Hat der Anstieg des heimischen Alkoholkonsums die Rückgänge in der Gastronomie komplett ersetzt, oder gar übertroffen? Erste Antworten liefern jetzt Daten der Steuerstatistik. Die Steuereinnahmen beim Alkohol lassen zwar keinen Rückschluss auf den tatsächlichen Konsum zu, wohl aber auf den Getränkeabsatz, erläuterte das Ministerium. Demnach ging beispielsweise der Absatz von Bier kräftig zurück, im Mai sogar um 62 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Entsprechend brachte Bier im Mai nur rund 21 Millionen Euro an Steuern ein – ein Jahr zuvor waren es noch knapp 56 Millionen Euro gewesen. Sekt und andere Schaumweine legten unterdessen leicht zu. Doch auch Schnaps verkaufte sich trotz leichter Zuwächse im Mai in diesem Frühjahr nicht ganz so gut wie in den Vorjahren.

Das deutet darauf hin, dass die Menschen in der akuten Krisenphase also tendenziell nicht mehr, sondern weniger Alkohol konsumiert haben. Auch eine internationale Umfrage im Auftrag von Bier-, Wein- und Spirituosenherstellern legt diesen Schluss nahe. 30 Prozent der 11.000 Befragten hätten darin angegeben, dass sie weniger als vorher trinken würden. Elf Prozent hätten dagegen von einem Anstieg ihres Alkoholkonsums berichtet. Zu den Ländern, in denen weniger Alkohol getrunken worden sei, zählten Frankreich, Deutschland, Japan, Australien, Neuseeland und die USA. Großbritannien bilde mit fast ausgeglichenen Zahlen eine Ausnahme: Dort hätten 21 Prozent der Befragten angegeben, weniger zu trinken. 19 Prozent hätten trotz der vollständigen Schließung der Pubs von einem höheren Alkoholkonsum gesprochen.

In Deutschland gab jeder vierte an, in der Corona-Krise deutlich weniger oder gar keinen Alkohol mehr zu trinken. Nur sechs Prozent der Befragten griffen häufiger zum Glas.

Das bekommen neben den Gastwirten vor allem die Brauer zu spüren. „Neben dem Zusammenbruch der Exportmärkte hat die dramatische Situation des Gastgewerbes in einem Dominoeffekt auf die Brauwirtschaft übergegriffen und den Fassbierabsatz über Wochen vollständig einbrechen lassen“, erklärte der Brauer-Bund – mit verheerenden Folgen für seine Mitglieder. Bis zu 88 Prozent haben Kurzarbeit angemeldet. Schon in den ersten vier Monaten hätten die größeren der 1500 Brauereien Umsatzeinbußen von 22 Prozent zu verkraften gehabt, die kleineren von 32 Prozent.

Schnelle Besserung ist nicht in Sicht. „Der Neustart ist für viele Gaststätten und Kneipen wegen der niedrigen Auslastung aufgrund behördlicher Auflagen nicht rentabel.“ Viele Gäste mieden noch die Gaststätten. Ausgerechnet Corona könnte damit einen Trend verstärken, der schon seit längerem anhält. „Langfristig geht der Alkoholkonsum in Deutschland zurück“, konstatiert das Gesundheitsministerium. Bei Frauen sei der Rückgang stärker als bei Männern. Trank nach amtlichen Daten 1999 durchschnittlich noch jeder Deutsche 123 Liter alkoholhaltiges Bier, waren es zwanzig Jahre später noch 94 Liter.

Mit Material von dpa

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